Mit 100 Jahren noch täglich Spaß bei der Arbeit – Einem Neustädter Phänomen auf der Spur

Mit dem Renteneintritt ist Schluss: Das gilt für die meisten Menschen in Deutschland. Doch dieser Neustädter (Landkreis Kelheim) gibt Rätsel auf: Dr. Joachim Hess wird an diesem Samstag 100 Jahre alt und arbeitet immer noch. Fünf Tage pro Woche. Was ist bei ihm anders gelaufen? Warum arbeitet er immer noch?
Man sieht Dr. Joachim Hess das Alter an. Er geht seit kurzem etwas gebeugt, doch seine Stimme ist klar und die Sätze sind präzise. Jeden Mittwoch ist Hess – Gründer von der Firma Intertec, die als Hersteller von Schutzkästen für Mess- und Regelgeräte begann – im Werk in Neustadt. An den anderen Tagen arbeitet er in seinem Büro im Privathaus in Ingolstadt. Die Mitarbeiter im Betrieb grüßen freundlich und respektvoll, wenn er durch die Büros und Hallen seines Unternehmens geht.
Auch Hess behandelt die Mitarbeiter mit Respekt. Er stammt aus einer anderen Zeit. Er hat den Zweiten Weltkrieg und die Zerstörung Deutschlands erlebt, ist in der Nachkriegszeit auf Kohlenwaggons durch das Land gefahren. Und dennoch gibt es von ihm kein bitteres oder gar böses Wort. Das Leben hat es gut mit ihm gemeint.
Die Arbeit hält ihn munter
Und Arbeit ist für ihn nichts Schlechtes. Im Gegenteil. „Ich gehe jeden Tag ins Büro und erledige meinen Haushalt“, sagt Hess. Er ist Vater und Großvater, aber auch Witwer. Doch es ist nicht Langeweile, weshalb er arbeitet. „Ich arbeite gern, es hält mich munter“, sagt der 100-Jährige.
Das Finanzamt wollte es trotz Steuererklärung und Einkünften sowie Zahlung von Kranken- und Rentenversicherung nicht glauben und wollte sein Büro in Ingolstadt sehen. Hess zeigte es ihnen. Als der Beamte dann noch fragte, wie viele Stunden er arbeite, antwortete Hess bewusst etwas ungenau: „Da kommt einiges zusammen.“
Kein Zwang
Tatsächlich ist der promovierte Maschinenbauer, der auch Chemie studiert hat, in seiner Firma immer noch als Geschäftsführer geführt. Er tauscht sich ständig mit seinem Sohn Martin über neue Entwicklungen aus. Man diskutiert die Ideen, verwirft, was nicht funktioniert, und manchmal merken sie beide kurz darauf, dass eine Idee, die gerade im Papierkorb gelandet ist, doch ganz gut ist und nehmen sie sich noch einmal vor.
„Ich muss nicht arbeiten“, sagt der Senior und verdeutlicht damit, was der Unterschied zum normalen Arbeitsleben ist. „Ich kann mir die Zeit einteilen. Ich darf arbeiten.“
Arbeit ist damit kein Zwang oder bloßer Broterwerb. „Ich arbeite, weil ich es gerne mache“, sagt Hess. „Es gibt mir einen Lebensinhalt.“ Arbeiten, ergänzt er, sei für ihn nicht Beruf, sondern Berufung.
Schließlich gehe es auch um Psychologie. „Wenn etwas fertig ist, gibt das ein Glücksgefühl“, bekennt der Unternehmer. Er hat auch ein Wort dafür. „Schaffensfreude“. Dazu kommt, dass Firma und Familie für ihn nie zwei getrennte Welten gewesen sind. „Für mich ist das eins.“
Und das erfüllt den 100-Jährigen mit Zufriedenheit, wozu auch der Erfolg des Unternehmens beiträgt. Intertec, einst in einer Garage in Ingolstadt gegründet, verfügt über mehrere hundert Mitarbeiter und hat weltweit Filialen.
So viel Erfolg findet Anerkennung. Horst Seehofer, Ministerpräsident und Bundesminister a.D., sagt über den Unternehmer: „Joachim Hess ist fraglos eine große Persönlichkeit und in jeder Hinsicht ein Phänomen. Er hat in seinem Leben gewaltige und komplexe Aufgaben und Herausforderungen mit Bravour gemeistert. Unserer Heimatregion hat er damit nachhaltig gedient.“
Ein Leben in Dankbarkeit und Demut
Geprägt ist er durch Überlebenskampf in den Kriegswirren und Erfindergeist als Ingenieur, betont Seehofer. Joachim Hess habe trotz aller Erfolge nie die Bodenhaftung verloren, er habe stets in Dankbarkeit und Demut gelebt. „Er ist ein rundum liebevoller und sympathischer Mensch. Viel Glück und Segen auf all seinen Wegen. Dies wünsche ich von ganzem Herzen unserem Freund zum Eintritt in das nächste Jahrhundert“, sagt der frühere Ministerpräsident.
Vor allem da, wo große Industrien bestehen, sind die Schutzkästen „Made in Neustadt a.d. Donau“ begehrt. Stolz, sagt Hess auch, sei er darüber, dass die Firma ohne Fremdanteile auskommt. „Das macht uns stark. Wir können uns ganz schnell den Gegebenheiten des Marktes anpassen.“
Früher Golf gespielt
Dazu gehört auch, dass das Unternehmen in einer Zeit, in der viel über Rezession gesprochen wird, in eine neue Produktionshalle investiert. Direkt an der Bahnlinie Regensburg - Ingolstadt soll in Neustadt a.d. Donau eine gläserne Manufaktur entstehen. Stark mache Intertec auch die Verbindung mit der Ostbayerischen technischen Hochschule (OTH), um deren Ansiedlung sich Sohn Martin gekümmert hat, betont der Seniorchef.
Braucht es da noch Freizeit? „Früher habe ich auch Golf gespielt“, sagt Dr. Joachim Hess. „Aber da hatte ich immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich morgens um sechs Uhr neun Löcher runterkloppte und um acht Uhr im Büro war. Darum habe ich mit 80 mit dem Golfen aufgehört.“ Ein bisschen Luxus, wenn man es denn so nennen möchte, darf freilich sein. Mit einem 35 Jahre alten BMW nimmt Hess regelmäßig an der Oldtimerrallye „Audi Regio Sprint“ teil. Voraussichtlich auch in diesem Jahr.

