Die Rehe setzen den Bäumen im Kreis Cham stärker zu: Mehr Abschüsse werden nötig

Von Martin Hladik · 12. Februar 2025 um 11:00

Wie geht es dem Baumnachwuchs in den Wäldern im Landkreis Cham? Das haben im vergangenen Jahr Forstleute auf 649 Flächen im gesamten Landkreis geprüft.

Für die Öffentlichkeit liegen die Ergebnisse seit Ende 2024 bis zur Größenordnung der Hegegemeinschaften vor. Jeder, der will, kann sich im Internet das „Forstliche Gutachten zur Situation der Waldverjüngung 2024“ beim Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten herunterladen.

Aufgrund dieser Zahlen legt die Untere Jagdbehörde später die Abschusszahlen für die Hegegemeinschaften fest. Über die Situation im Landkreis Cham haben wir mit Dr. Arthur Bauer im Forstamt in Waldmünchen gesprochen. Waldmünchen ist der Amtssitz für das AELF Cham im Bereich Forsten. Welche Folgen das bei den Abschusszahlen haben wird, hat uns die Untere Jagdbehörde erklärt.

Während sich bayernweit die Waldverjüngung etwas verbessert hat, geht es dem Baumnachwuchs im Landkreis Cham etwas schlechter als 2021. Das zeigt sich an der Verbisseinschätzung. 2021 wurde im Gebiet von elf Hegegemeinschaften der Verbiss als zu hoch eingeschätzt, aktuell sind es 13 Hegegemeinschaften, also zwei mehr. In nur noch sechs Hegegemeinschaften gilt die Verbisssituation als „tragbar“. Die Wertung „günstig“, die es noch 2021 einmal gab, wurde gar nicht mehr vergeben.

Das hat Auswirkungen auf die Abschussempfehlungen. Die sollen in elf Hegegemeinschaften erhöht werde. Im Gebiet Roding und im Gebiet Cham Mitte sollen sie sogar „deutlich erhöht“ werden. Wie die Abschusszahlen dann tatsächlich aussehen, legt die Untere Jagdbehörde am Landratsamt fest.

Rehe mögen Tannen

„Mit dieser Verbissbelastung gelingt es nur sehr begrenzt, die Wälder umzubauen!“ , sagt Dr. Arthur Bauer. Vor dem Hintergrund des Klimawandels, so der oberste Förster im Landkreis, sei auch keine Zeit mehr, dies länger zu verschieben. Ein Problem sei, dass Bäume, wie Tanne oder Eiche, die man mehr in den Wäldern haben wolle, weil sie klimaresistenter sind, auch stärker verbissen werden. Die stärker verbreitete Fichte dagegen, werden „kaum verbissen“. Wenn der Mensch nicht eingreife, steige also der Anteil der Fichten weiter und der Anteil von Tannen und Laubbäumen sinke.

Weil die Winter nicht mehr so hart seien wie früher, würden auch die Wildbestände wachsen. Wegen der geringeren Kälte sei der Energiebedarf der Tiere geringer. Es überlebten mehr und könnten sich fortpflanzen.

Tatsächlich sei die Verjüngungssituation der Bäume für sich selbst betrachtet gut. Wenn aber zu viele der Leittriebe gefressen würden, sei dies ein Problem. Nur gemeinsam könnten dies Waldbesitzer und Jäger ändern.

Dabei erinnert Bauer gerne an Forschungsergebnisse aus der Rehwildzählung. Hier unterschätze der Mensch die Rehwilddichte deutlich. Eines seiner Beispiele verweist auf den Flughafen Zürich, wo 1987 aus Sicherheitsgründen alle Rehe geschossen werden sollten. Der dortige Wildhüter schätzte die Zahl der Rehe auf 42, tatsächlich erlegt wurden dann allerdings 215.

Die wichtigste staatlich vorgesehene Maßnahme, um den Verbiss zu reduzieren, sind die Abschusszahlen. Hier sieht die Untere Jagdbehörde einen Bedarf zur Erhöhung und verweist auf die Empfehlungen des Gutachtens. Danach „müssen“ die Abschussvorgaben „erhöht (neunmal) bzw. deutlich erhöht (zweimal) werden.“ Allerdings sieht die Untere Jagdbehörde keinen monokausalen Grund für die höhere Verbissbelastung. Sie schreibt: „Die Abschussvorgaben der Abschussplanung aus dem Jahr 2022 haben im Ergebnis nicht ausgereicht, um die Verbisssituation im Landkreis Cham in den letzten drei Jahren in Summe zu verbessern. Woran dies genau festzumachen ist, kann die Untere Jagdbehörde nicht abschließend beurteilen. Sicherlich spielen dabei verschiedene Faktoren eine Rolle.“

Dabei führt die Behörde an, dass die Abschusszahlen des Rehwildes sogar kontinuierlich gestiegen sind: „Fakt ist, dass sich die Rehwildstrecken in den letzten Jahren deutlich erhöht haben. So hat sich die Rehwildstrecke vom Durchschnitt der Jagdjahre 2010/11 bis 2014/15 (= 6420 Rehe jährlich) in der aktuellen Abschussplanungsperiode (Jagdjahre 2022/23 und 2023/24; für 2024/25 liegen die Zahlen erst im April vor) auf durchschnittlich ca. 8370 erhöht.“

Wie vertrackt die Situation ist, lässt sich an der Hegegemeinschaft Roding zeigen. Zweimal hintereinander, nämlich 2021 und 2024, wurde bzw. wird empfohlen, die Abschuss zahlen deutlich zu erhöhen. Dabei, so teilt die untere Jagdbehörde mit, hat die Hegegemeinschaft den Abschussplan punktgenau erfüllt. Die Untere Jagdbehörde schreibt: „In der Hegegemeinschaft Roding wurde der Abschussplan der Jahre 2019 bis 2021 exakt erfüllt (100 Prozent). Nach den ersten beiden Jagdjahren der aktuellen Planungsperiode liegt der Erfüllungsgrad bei 69 Prozent und damit leicht über dem rechnerischen Durchschnitt von 67 Prozent.“

Und trotz der Erfüllung der planerischen Vorgaben ist die Verbissbelastung weiterhin „zu hoch“. Also: „Nachdem die aktuellen Abschussvorgaben laut Ergebnis des aktuellen Forstlichen Gutachtens keine Verbesserung der Situation bewirkt haben, müssen die Abschusspläne in der Hegegemeinschaft Roding laut Forstlichem Gutachten in Summe nochmals deutlich erhöht werden.“

Im bayernweiten forstlichen Gutachten werden sogar vier Hegegemeinschaften aufgeführt, die seit 2012 durchgehend zu hohe oder sogar deutlich zu hohe Verbissbelastungen aufweisen. Dazu zählen die Hegegemeinschaften Pemfling, Cham Mitte, Schorndorf und Stamsried, allesamt in der Landkreismitte gelegen. Nicht dabei ist die Hegegemeinschaft Roding, weil sie 2012 noch eine tragbare Verbissbelastung hatte, wie die Untere Jagdbehörde mitteilt.

Gemeinsam geht es besser

Bei den vier betroffenen Hegegemeinschaften macht die Untere Jagdbehörde darauf aufmerksam, dass nur ein Zusammenwirken von Jagdausübung und Waldbewirtschaftung zum Ziel führt: „Die behördlichen Abschusspläne zielen lediglich auf die Bejagung des Rehwilds in den einzelnen Hegegemeinschaften ab. Andere Aspekte, z. B. wildlebensraumverbessernde Maßnahmen, die sich positiv auf den Verbiss in den Wäldern auswirken können, werden von der behördlichen Abschussplanung ebenso wenig erfasst wie die Waldbewirtschaftung. Den ergänzenden revierweisen Aussagen kann jedoch oft entnommen werden, dass insbesondere in Gemeinschaftsjagdrevieren vielfach zu wenig Waldbewirtschaftung stattfindet. Gute Ergebnisse bzw. Entwicklungen lassen sich vielfach besonders dort feststellen, wo die Waldbewirtschafter und die Jagdausübung den Waldumbau gemeinsam aktiv angehen und vorantreiben.“