Nachverdichtung in Regensburg: Kleine Klima-Oasen weichen Neubauten

Von Benedikt Baumgartner · 10. Februar 2025 um 17:40

Viel Gelb, einiges an leuchtendem Rot, aber auch zahlreiche größere und kleinere dunkle Flecken – so sieht die Klimakarte der Stadt grob beschrieben in der warmen Jahreszeit aus. Rot bedeutet Hitze, dunkle Areale sind kühle Oasen. Der Alleengürtel oder der Stadtpark bilden die großen Flecken, aber im Westen und Osten der Altstadt finden sich auch zahlreiche kleine dunkle Punkte.

Noch. Denn diese naturbelassenen Grundstücke und großen Gärten rund um Altbestand werden durch Nachverdichtung immer weniger. Großteils schreitet der Wandel mit Genehmigung der Stadt voran, doch jüngst machten auch illegale oder schleierhafte Fällaktionen Schlagzeilen. Die aktuelle Gesetzeslage scheint kaum abzuschrecken.

Die meisten Fällungen sind genehmigt

Raimund Schoberer wartet an sein Fahrrad gelehnt an einer Brache in der Prüfeninger Schlossstraße. Der Vorsitzende der Bund-Naturschutz-Kreisgruppe nimmt die MZ mit auf eine Radltour entlang bedrohter oder bereits gerodeter Grundstücke. Auf der Fläche in der Prüfeninger Schlossstraße standen vor ein paar Jahren noch etwa acht große Bäume, vor ein paar Wochen noch vier. Die Schnittkanten sind frisch, Sägespäne liegen auf der Wiese. Schoberer vermutet, dass auf dem Grundstück, wo früher ein kleines Einfamilienhäuschen stand, ein Mehrparteienhaus mit Tiefgarage errichtet wird. Auf MZ-Anfrage bestätigt Stadtsprecherin Katrin Butz, dass für das Grundstück eine Baugenehmigung vorliegt, in deren Rahmen mehrere Fällungen mit entsprechenden Ersatzpflanzungen genehmigt sind.

Einige Baum-weg-Beispiele

„Das Problem ist nicht, alt gegen neu zu ersetzen oder ein bisschen größer zu bauen“, sagt Schoberer. „Das Problem sind die Tiefgaragen.“ Auch am Mälzelweg 9a wird so geplant: Einfamilienhaus mit Garten weg, Mehrparteienhaus mit Tiefgarage hin. Ein entsprechender Vorbescheid wurde von der Stadt erteilt. Allerdings stehen dort kaum größere Bäume im Weg. Die Radroute führt über die Dechbettener Straße – dort sind 20 Bäume für einen Neubau gefallen – zur Albertstraße und Kavalleriestraße, wo in den vergangenen Jahren Mehrparteienhäuser mit Tiefgarage errichtet wurden.

Biodiversität ist Vergangenheit

Ziel der Fahrt ist die Landshuter Straße 45. Vor gut einer Woche verbarg sich an der vielbefahrenen Straße hinter einem alten Mehrfamilienhaus eine gehegte Streuobstwiese mit vitaler Biodiversität. Vor acht Tagen wurden Hecken abgeholzt und Sträucher umgeschnitten (die MZ berichtete). Stehen blieben nur die Bäume, die dick genug sind, um unter die Baumschutzverordnung zu fallen. Anwohnerin Astrid Schnell verfolgte die Arbeiten im Garten genau. „Wir wollten vermeiden, dass sich das Szenario einer illegalen Rodung wie beim dicht bewachsenen Grundstück in Kumpfmühl wiederholt“, erklärt Schnell ihre Wachsamkeit.

Kumpfmühler Kahlschlag ist Negativbeispiel

Dort waren im Herbst zehn geschützte Bäume gerodet worden, ohne dass eine Fällung beantragt wurde. Einen „Kahlschlag“ nannte Umweltbürgermeister Ludwig Artinger das Vorgehen dort. „So etwas kommt hin und wieder vor, aber es sind Gott sei Dank Einzelfälle“, ordnet er auf MZ-Anfrage ein. Daniel Gaittet, Fraktionsvorsitzender der Grünen, möchte die städtische Baumschutzverordnung dennoch nachschärfen. Das Bußgeld für ungenehmigtes Fällen geschützter Bäume kann gemäß Artikel 57 des Bayerischen Naturschutzgesetzes bis zu 50 000 Euro betragen. Bei einem Immobilienprojekt mit Millionenwert könnte ein Investor das einpreisen.

Kampf gegen illegale Rodung

Gaittet hat drei Hebel ausgemacht, wie sich die Stadt gegen illegale Rodungen wappnen könnte: zum einen Informationspflicht an Ort und Stelle. So könnten Nachbarn und Passanten nachvollziehen, was geplant ist, welche Bäume gefällt werden und, dass dies rechtens ist. „Alle, die sich an die Regeln halten, würden davon profitieren“, sagt Gaittet.

Und die, die sich nicht an die Regeln halten, sollen bei ungenehmigten Fällungen an derselben Stelle für Ersatzpflanzungen sorgen müssen statt an anderen Flächen. Auch die Möglichkeit, sich aus der Pflicht, neue Bäume zu pflanzen, freizukaufen, soll bei illegaler Rodung gestrichen werden. „So könnte man ein Vorgehen ohne Austausch mit der Stadt deutlich unattraktiver machen.“ Das Genehmigungsverfahren ist für Gaittet die Grundlage für Interessensausgleich.

Artinger ist noch skeptisch

Seine drei Vorschläge will er in die politische Diskussion einbringen und bei Aussicht auf eine Mehrheit in Antragsform gießen. Artinger waren die Ideen bei Anfrage der MZ neu. Die Pflicht auf Ersatzpflanzung an Ort und Stelle sieht er in einer ersten Reaktion skeptisch. „Man müsste verhindern, dass die Früchte illegalen Handelns eingefahren werden“, sagt er. Ob eine Baugenehmigung dadurch verhindert werden kann, stellt Artinger zumindest infrage. Das Entscheidende seien die Bebauungspläne. Es gebe immer einen Zielkonflikt zwischen Baumerhalt und Wohnungsbau. „Es würde am Bedarf an Wohnraum vorbeigehen, wenn man sagt, überall, wo was wächst, darf nicht gebaut werden“, sagt Artinger.

Grundsätzlich kann auch Schoberer Nachverdichtung nachvollziehen: „Eine vernünftige Innenverdichtung ist sinnvoller als in die Fläche zu bauen, aber es muss die Lebensqualität erhalten bleiben“, sagt der Bund-Naturschutz-Chef. Und zur Lebensqualität gehören für ihn große, alte Bäume.

Radltour durch Regensburg mit Raimund Schoberer: Der Bund-Naturschutz-Chef führte zu mehreren gerodeten oder bedrohten Grundstücken. Hier steht er vor einer Fläche in der Prüfeninger Schlossstraße.