100 Kirgisen gegen den Fachkräftemangel: Projekt will Auszubildende aus Kirgistan für den Landkreis Cham begeistern

Was verbindet Kirgistan mit Cham? Jedem fehlt es an dem, was der andere hat. In dem zentralasiatischen Land gibt es viele junge Menschen, dafür fast keine Arbeit. Andersrum verhält es sich in Deutschland. Es gibt viel Arbeit, und zu wenige Menschen im arbeitsfähigen Alter. Ein Projekt des Landkreises Cham informierte am Dienstag über ein Angebot, das beiden Ländern helfen soll.
1,4 Millionen Menschen gehen jedes Jahr in Deutschland in Rente, die Hälfte davon, rund 750 Tausend, beginnen ihr Arbeitsleben jedes Jahr. So beginnt und begründet Landrat Franz Löffler die Vorstellung des Projekts Auszubildende aus Kirgistan. „Dadurch wissen wir, wo wir hinsteuern, wenn wir nichts dagegen machen“, sagt er. Die Berufsanfänger aus Zentralasien sollen da Abhilfe schaffen. Seit 2023 gibt es das Projekt, rund 70 Kirgisen machen momentan ihre Ausbildung im Landkreis Cham. Dieses Jahr sollen es mehr sein, 100 Auszubildende erhoffen sich die Organisatoren ab September in Unternehmen anlernen zu können. Ab diesem Jahr wird mit der Gruppe Youth of Osh zusammengearbeitet. So können nicht nur aus Bischkek, der Hauptstadt des Landes, sondern auch aus der zweitgrößten Stadt, Osh, Interessierte gewonnen werden.
Deutschkenntnisse benötigt
Um an dem Projekt teilnehmen zu können, müssen die Kirgisen einen Deutschtest auf dem Sprachniveau B1 oder B2 bestehen. Auch Online Veranstaltungen der VHS Cham müssen besucht werden, insgesamt 170 Stunden wird dort über den Landkreis, interkulturelle Vermittlung und berufsbezogene Deutschkurse gelehrt. Das ganze Projekt ist eine Kooperation mehrerer Organisationen: Der VHS Cham, der Agentur für Arbeit, dem Landratsamt, den Berufsschulen, der IHK, der Kreishandwerkerschaft und nicht zuletzt der Unternehmen, in denen die Auszubildenden anfangen dürfen.
„Es ist für das Projekt unglaublich wichtig, dass die jungen Leute auf die Situation im Landkreis Cham und die Berufsausbildung vorbereitet sind“, sagt Winfried Ellwanger der Volkshochschulen im Landkreis Cham.
Die Nachwuchskräfte können in der Hotel- und dem Gastrobereich, der Gesundheits- und Pflegebranche, Metall- und Elektroindustrie, Handwerksberufen wie Bäcker oder Metzger und im Handel lernen. Im Herbst 2024 begannen 49 Auszubildende aus Kirgistan bei 16 Arbeitgebern ihre Lehrzeit. Damit die Berufsneulinge in dem fremden Land integriert werden können, veranstaltet die VHS beim Projekt „Willkommen im Landkreis Cham“ weiterführende Sprachkurse, monatliche Zuwanderer-Stammtische und zweimal im Monat Begegnungsaktivitäten. Auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Arbeitskräfte nach ihrer Ausbildung weiter im Land bleiben, sei hoch: „Wir in Deutschland bilden zum Teil Berufsbilder aus, die es so in Kirgistan nicht gibt. Wenn jemand bei uns zum Beispiel Mechatroniker lernt, kann eigentlich nur das Ziel sein, dass er später den Beruf weiter ausübt“, sagt Ellwanger. Auch die Jugendarbeitslosigkeit in Kirgistan sei ein Faktor.
Gute Erfahrungen gemacht
Beim Kreisverband Cham des BRK machen sieben Kirgisen ihre Ausbildung. Stefan Raab, Referatsleiter, beschreibt sie als hochmotiviert und auf einem guten Sprachniveau. Wichtig sei das Thema Wohnraum. Die Unternehmen sind verantwortlich eine Unterkunft für ihre Auszubildenden zu finden. Auch die Kirgisen in das Team zu integrieren, sei ein wichtiger Aspekt des Projekts. Laut Raab habe es auch intern Vorbehalte gegen die Auszubildenden gegeben, diese hätten sich aber schnell ins Nichts aufgelöst.
Hin und wieder die Familie zu besuchen ist laut Raab für die jungen Menschen ein großes, aber auch schwieriges Thema. Der Flug in das rund 6 000 Kilometer entfernte Kirgistan könne bis zu 700 Euro kosten. Ein Beispiel hierzu zeigt, wie gut die Integration klappen kann: „Wir haben bei uns ein Mädchen, die kommt aus einfacheren Verhältnissen, aber total liebenswürdig, da hat dann sogar die Belegschaft gesammelt, damit sie heimfliegen kann.“
