Wo die Haut eine Geschichte erzählt: Zu Besuch im Studio von Sabine Probst in Abensberg

Oft sind es persönliche Ereignisse, die die Kunden ins Tattoostudio von Sabine Probst führen. Nicht jeden Wunsch indes will die Frau aus Abensberg erfüllen.
Das erste Mal war hart erarbeitet und ein bisschen abenteuerlich noch dazu: „Mit dem Mofa bin ich nach Augsburg gedüst, um mich tätowieren zu lassen. Das war eine kleine, verbotene Sache damals“, erzählt Sabine Probst lachend. Der Schmetterling auf dem Oberarm entstand aus einer Laune raus, mit ein paar weiteren Mädels.
Beim Schmetterling blieb es nicht. Mittlerweile schmücken Motive aus Flora und Fauna weite Teile von Probsts Körper. Und diese Liebe zur Körperkunst, die bringt sie auch anderen Menschen nahe. In der Abensberger Innenstadt, dort, wo die Touristen in Richtung Kuchlbauerturm vorbeischlendern und täglich Scharen von Kindergarten- oder Schulkinder lärmend durch die Gasse strömen, befindet sich, fast unbemerkt, das Tattoostudio von Probst. In größeren Städten sind sie normal geworden, in kleineren Städten oder auf dem Land ist das Tätowieren häufig eher noch ein Kellergeschäft.
Auf Schweinehaut geübt
Auch Probst kennt das. Der Weg zum eigenen Studio war lang. „Ich bin eigentlich gelernte Metzgerin“, sagt sie und lacht. Und auch im Einzelhandel und im Personenschutz hat sie gearbeitet. Schließlich probierte sie selbst das Tätowieren aus. „Erst auf Kunsthaut und Bananenschalen, dann an Schweinehaut.“ Stück für Stück hat sie sich an das Malen mit der Nadel herangetastet. Und es schließlich doch sein lassen: „Ich musste feststellen, dass die Beratung das A und O ist“, so Probst. Jetzt lässt sie lieber erfahrenere Tätowierer bei sich im Laden ran. Simone aus Rom etwa.
Aber an ihr kommt trotzdem niemand vorbei: Vieles müsste man im Blick haben: Etwaige gesundheitliche Probleme oder die Medikation, die Hygiene, den Hauttyp oder auch die Stelle, an der der Kunde sein Tattoo haben will. „Manche junge Mädels sind da auch von Instagram inspiriert. Dann erzähle ich ihnen, was passiert, wenn man einen Luftballon bemalt und dann die Luft etwas rauslässt, damit sie verstehen, wie die Haut in ein paar Jahren aussieht.“
Auch das Motiv muss von ihr erst ,abgesegnet‘ werden. „Wir machen keine Namen von Partnern oder irgendwelche Modeschleifchen. Und Kinder mit Geburtsdatum auf den Arm zu tätowieren, das finde ich auch schwierig“, so Probst. Tätowieren um jeden Preis? Mitnichten. „Ich habe da sogar schon meinen eigenen Schwiegervater wieder rausgeschickt, weil er sich einen Namen eintätowieren wollte.“
Allzu oft will man Jahre später den Namen des Verflossenen nämlich nicht mehr am Körper tragen. Und dass jeder Fremde den Namen des Kindes samt Geburtsdatum lesen kann, findet sie in Zeiten, in denen viel über Datenschutz gesprochen wird, auch absurd. Auch, wer in den Laden kommt und sagt, er möchte sich tätowieren lassen, weiß aber nicht was, wird erst mal wieder weggeschickt. „Da sage ich dann, ,überleg dir das Motiv gut und dann kommst wieder‘“.
Ein Tätowierer trage viel Verantwortung. „Denn bestenfalls muss man das ganze Leben damit herumlaufen.“ Und jeder Tätowierer hätte bestenfalls einen Versuch, kann nicht beliebig oft die Leinwand überstreichen, wie vielleicht ein Maler.
So manch schwarzes Schaf hätte die Branche in Verruf gebracht, deshalb findet sie es auch schade, dass Tätowierer kein staatlich anerkannter Ausbildungsberuf ist. Auch, dass das eine oder andere Tätowierstudio eine Nähe zum Rockermilieu hat, sei dem Image der Branche nicht immer dienlich – wenngleich es sich um Ausnahmen handeln mag.
Das Tätowieren ist längst in breiten Schichten der Gesellschaft angekommen und hat sein Stigma von früher abgelegt: „Wir haben alles hier, vom Richter über Migranten bis hin zu Rentnern. Die älteste Kundin ist 79.“
Blick in die Seele
Genauso so kunterbunt sind die Wünsche: „Wir hatten mal einen, der wollte sich einen riesengroßen Regenwurm stechen lassen, auf dem ein Küken in Ritterrüstung reitet.“ Das hatte wohl mit seiner Familiengeschichte zu tun.
Generell stecke hinter 80 Prozent der Wünsche eine emotionale Geschichte, ist Probst überzeugt. „Viele Menschen verarbeiten damit auch einen Sterbefall oder die Geburt des Kindes.“ So manches Tattoo gibt einen Blick in die Seele frei. Andere Körperkunst wiederum zeigt eben nur das Hobby oder die Leidenschaft des Trägers: „Hier sind Hopfendolden oder auch Löwen sehr in.“ Ihr Mann passt ganz gut in dieses Bild, wenn gleich erst ein zweiter Blick, nämlich unters T-Shirt verrät, wofür sein Herz schlägt: Auf seinem Rücken prangt Gustl Bayrhammer, der Schauspieler, der den Meister Eder verkörperte.
Bei Sabine Probst wiederum gibt ein Bein einen Blick frei in die Seele: „Ich habe jahrelang meine Mama gepflegt und bin dadurch auch zum Glauben gekommen“, so Probst, der Jesus auf ihrem Bein ist also kein Zufall.
Sie weiß, meist bleibt es nicht bei einem Tattoo: „Die, die sagen, sie wollen nur eins, das sind oft die Schlimmsten, die sich immer wieder tätowieren lassen“, lacht Probst.
Tattooliebe:
Streng kontrolliert: Tattoostudios unterliegen strengsten Kontrollen. Regelmäßig überprüft das Gesundheitsamt, denn tätowiert wird mit Lebensmittelfarbe.
Geduld gefordert: Eine Sitzung dauert zwischen zwei bis drei Stunden, kann aber auch schon mal acht Stunden dauern. Je nach Motiv sind oft mehrere Sitzungen nötig.
Geschick gefragt: Früher noch wurde mit Bleistift und Papier vorgezeichnet. Jetzt gibt es Programme, die das Zeichnen erleichtern. „Wer frei zeichnen kann, ist aber vielfältiger“, sagt Probst, so wie ihr Tätowierer Simone Marchesini. Jeder Tätowierer habe zudem eine eigene Handschrift.
Moden unterworfen: Tattoos sind auch der Mode unterworfen. Was in Amerika schick ist, ist hier vielleicht noch gar nicht angekommen. Auch Trends auf Social Media beeinflussen die Kundenwünsche und Trends.
Rekordhalter in Sachen Tattoo sind im Übrigen die Italiener: Fast 50 Prozent der Italiener tragen, so das Ergebnis einer Umfrage, ein Tattoo (Statista).


