Speed-Dating, Jobmessen, Vorstellungsgespräche: Flüchtlinge sollen schnell Arbeit finden

Von Thomas Kreissl · 1. Februar 2025 um 05:00

„Proaktiv“ ist ein Wort, das Landrätin Tanja Schweiger gerne benutzt – besonders, wenn es um die Integration von Asylbewerbern geht. Mehrmals fiel dieses Wort zuletzt im MZ-Interview zum Jahresauftakt. Schweiger beschrieb damit Versuche, schnell eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung für Geflüchtete zu finden. Wie sehen diese Versuche im Landkreis aus?

Asylbewerber, die in einer Aufnahmeeinrichtung untergebracht sind, müssen sechs Monate warten, bevor sie ihren Lebensunterhalt selbst verdienen dürfen. Vor einem Jahr hat die Bundesregierung dieses Beschäftigungsverbot von ursprünglich neun Monaten um ein Drittel reduziert. Im Landkreis habe die Ausländerbehörde schon zuvor großzügig alle rechtlichen Möglichkeiten genutzt, um Geflüchtete in Arbeit zu bringen, berichtet Claudine Tauscher von der Pressestelle des Landratsamtes. Ziel sei es, bereits den Asylbewerbern, die sich noch im laufenden Verfahren befinden und in Notunterkünften wohnen, in reguläre Beschäftigungsverhältnisse zu vermitteln.

Landrätin Schweiger sieht einen „Paradigmenwechsel“

Einen „Paradigmenwechsel im Vergleich zur Haltung der letzten Jahrzehnte“ sieht die Landrätin in dem verkürzten Beschäftigungsverbot. Schweigers Forderungen gehen aber noch darüber hinaus. So wäre es ihrer Ansicht nach wichtig, eine Arbeitspflicht ab der Zuweisung zu den Kreisverwaltungsbehörden festzulegen. Asylbewerber sollten sich also um Arbeit kümmern, sobald sie dem Landkreis zugewiesen werden, fordert Schweiger.

Und die Landrätin spricht sich dafür aus, auch den Asylbewerbern eine Arbeitserlaubnis zu geben, die zwar einen Ablehnungsbescheid erhalten haben, aber faktisch nicht abschiebbar sind. „So könnten und müssten auch diese Personen zumindest für ihren Lebensunterhalt sorgen“, betont Schweiger.

Tatsächlich sind auf diese Weise im Landkreis zwölf Personen nicht mehr auf Sozialleistungen angewiesen. Sie wären eigentlich ausreisepflichtig, konnten aber aus tatsächlichen Gründen nicht abgeschoben werden. Im vergangenen Jahr ist es gelungen, sie in reguläre Beschäftigungsverhältnisse zu vermitteln, berichtet Claudine Tauscher. Einfacher ist das in der Regel bei Asylbewerbern mit Bleibeperspektive. Sie versucht der Landkreis so früh wie möglich in sozialversicherungspflichtige Jobs zu bringen.

40 Flüchtlinge haben Arbeit gefunden

Die Ausländerbehörde hat hier bei der Erteilung einer Beschäftigungserlaubnis einen Ermessensspielraum, der weitgehend ausgenutzt wird und auch zu schnellen Erfolgen führt. Mehr als 40 Personen aus Notunterkünften seien so im vergangenen Jahr direkt oder über eine Zeitarbeitsfirma in sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse vermittelt worden, weiß Tauscher. Die Asylbewerber hatten auf diese Weise bereits eine Arbeit, bevor die reguläre Vermittlung durch das Jobcenter überhaupt anlief.

Dabei haben sich die Prioritäten bei der frühzeitigen Integration von Asylbewerbern in den Arbeitsmarkt mittlerweile geändert. Auf Anfrage der MZ erläuterte dies Pressesprecher Hans Fichtl vom Landratsamt: Demnach sind Beschäftigung, Wohnung und Sprache drei Punkte, die von Anfang parallel verfolgt werden – „aber in dieser Reihenfolge“, wie Fichtl betont. Bislang war das häufig anders. Es gab eine klar definierte Reihenfolge mit der Sprache an erster Stelle. Darauf folgten Beschäftigung und Wohnen.

Sprache und Arbeit laufen parallel

Fichtl verdeutlicht dies an einem Beispiel: Findet beispielsweise vormittags ein Integrationskurs statt, sei es zumutbar, dass Asylbewerber am Nachmittag eine Tätigkeit ausüben, für die noch keine oder lediglich geringe Deutschkenntnisse erforderlich sind. Mit sich verbessernden Sprachkenntnissen könne dann die Tätigkeit angepasst werden. Auch Unternehmen haben hier schon reagiert: So können bei DHL Mitarbeiter mit geringen Deutschkenntnissen mit Hilfe einer konzerneigenen App sogar Deutsch bis zum Niveau C1 lernen. „Das geht weit über die nötigen Kenntnisse für die Einbürgerung hinaus“, erklärt der Pressesprecher.

Eine weitere Option für Asylbewerber im Landkreis bieten die Job-Speed-Datings im Landratsamt. Dabei erhalten Geflüchtete die Chance, direkt mit potenziellen Arbeitgebern in Kontakt zu treten. Insgesamt kamen im vergangenen Jahr 34 Arbeitgeber und 257 Bewerber zu diesen Treffen. Es fanden 312 Gespräche statt, in 117 Fällen wurde eine Probearbeit oder ein Vorstellungsgespräch vereinbart. „Bisher sind dadurch elf Arbeitsverhältnisse entstanden, Tendenz steigend“, weiß Claudine Tauscher.

300 Teilnehmer kamen zur Jobmesse

Im November fand zudem eine Jobmesse für ausländische Hilfs- und Servicekräfte statt. Die Veranstaltung wurde von der Wirtschaftsförderung und dem Regionalmanagement des Landkreises organisiert. Fast 300 Teilnehmer nutzten die Gelegenheit, mit Unternehmen und Personaldienstleistern ins Gespräch zu kommen, sich über offene Stellen zu informieren und ihre Bewerbungsunterlagen abzugeben.

Die Messe richtete sich insbesondere an ausländische Fachkräfte, die in den Bereichen Hilfs- und Servicearbeit eine Anstellung suchen. Die Ausländerbehörde, der Integrationslotse des Landkreises sowie die Mobile Bildungsberatung der Volkshochschule halfen den Bewerbern, Lebensläufe zu erstellen und organisierten unter anderem die Dolmetscher. Etwa 15 Teilnehmer haben mittlerweile ein festes Arbeitsverhältnis.

80-Cent-Jobs: 80 Asylbewerber haben Arbeiten übernommen

Für Asylbewerber, die keine Arbeitserlaubnis haben, gibt es sogenannte 80-Cent-Arbeitsgelegenheiten. Dabei handelt es sich um gemeinnützige Arbeit, die Asylbewerber von Anfang an in staatlichen Einrichtungen oder bei gemeinnützigen Trägern leisten dürfen – und zu der sie nach dem Asylbewerberleistungsgesetz sogar verpflichtet werden können. Das wird zwar immer wieder von Politikern gefordert, ist aber umstritten. Eine generelle Verpflichtung zu 80-Cent-Jobs findet auch Landrätin Tanja Schweiger nicht zielführend. So lange es keine Sanktionsmöglichkeiten gebe, sei der Aufwand hinsichtlich Personalkosten und Bürokratie zu hoch, argumentiert sie. Deshalb wird im Landkreis versucht, auf Freiwilligkeit zu setzen.

Ein Konzept, das anzukommen scheint. Knapp 80 Asylbewerber haben solche Arbeiten übernommen. Es handelt sich um Asylbewerber, die sich noch im laufenden Verfahren befinden und aus rechtlichen Gründen keine Arbeitserlaubnis bekommen dürfen. Sie erledigen Reinigungsdienste in den Unterkünften, Gartenpflege oder Spüldienste in der Kreisklinik Wörth.