Poetisch, absurd und trist: Das Luftmuseum ist randvoll mit frischer Kunst

Besucher können in heiter-poetischen Schnurbildern von Beate Oehmann versinken, bei einem Münchner Künstlerkollektiv „Philosophie auf Pump“ zapfen oder Olav Unverzart ins Grenzland folgen, in der Serie „Dahinten gehts nicht weiter“.
Das Luftmuseum ist bis unters Dach gefüllt mit frischer Kunst: Poetische Schnur-Bilder von Beate Oehmann umfächeln einen. In der bizarren Installation eines Kollektivs kann man sich „Philosophie auf Pump“ zapfen. Und Olav Unverzart führt in Winkel der Oberpfalz, die man so vielleicht noch nie bewusst gesehen hat, aber in seinen Fotografien nun dringend studieren will.
Im Erdgeschoss empfangen sieben leuchtend gelbe Stoffbahnen, riesengroß und luftig, die Besucher. Die Februarsonne leuchtet zart durch die Objekte, die Beate Oehmann mit Schnur und Kordeln „bemalt“ hat. Die Künstlerin aus Nürnberg, lange Kunsterzieherin in Weilheim, war in Amberg mit ihren großen Fahnen bereits mehrfach zu Gast. Für ihre Schau „entlang der Linie“ hat sie nun neue Textilarbeiten aufgespannt, die die Säle in heitere Abgeklärtheit tauchen.
Wie ein Lasso ausgeworfen
Auf den Bahnen in Gelb, Pink, Beige-Grün und Schwarz räkeln sich Linien, Schuppen, Kreise, Schnecken und Stulpen. Beate Oehmann schafft die Bilder in einer Schöpfung aus gelenktem Zufall, vertraut Schwerkraft, Schwung und Impuls. In weit ausholendem Bogen, fast wie ein Lasso, wirft sie Schnüre und Kordeln auf Stoffe, die am Boden ausgebreitet sind, und fixiert die Komposition mit winzigen Stichen. Ähnlich bei Jackson Pollock, zitiert Luftmuseumsdirektor Wilhelm Koch die Kunstkritikerin Katja Sebald. Analog zum Erfinder des Action Painting, der Farbe von oben auf die Leinwand tropfte und spritzte und so die Dynamik des Prozesses auf Dauer sichtbar machte, spricht Sebald bei Beate Oehmann von Action Embroidery, von bewegter Stickerei sozusagen.
Einige Arbeiten tragen Titel wie „Tiere“ – Fuchs, Schildkröte, Otter und andere Geschöpfe haben sich auf dem wandfüllenden Stoff eingerichtet – oder die Serie „Glückssymbole“, die auf Dunkelgrau feine Kleeblätter andeutet. Die Schnüre und Kordeln sind seidig-glatt, rau oder samtig-dick, manche Enden fransen aus, aber auch Pünktchen, Knötchen und applizierte Tupfen setzen Akzente. Beim Betrachten zeigen sich verblüffend viele Unterschiedlichkeiten und man wird lang nicht fertig mit dem Schauen.
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Ein paar Stufen höher, in der gotischen Hauskapelle des Museums, haben drei Münchner Künstler ein skurriles Panoptikum angerichtet: Christian Taison Heiss und Greulix Schrank vom Duo Portmanteu, die auch Hörspiele, Musik und Theater machen, und Martin Dessecker, der designt, fotografiert und malt.
Unterm Gewölbe schnauft’s, bimmelt’s, trötet’s und pfeift’s. Zwei Kästen voller 50-Cent-Münzen, vertrauensvoll vom Museum bereit gestellt, warten auf Einwurf in den Zahlschlitz. Schon geht’s los: Eine pneumo-mechanische „Hirn-Lungen-Orgel“ verrichtet stoisch ihr Werk und pumpt. Scheinwerfer und Lautsprecher stehen ihr zur Seite. Auf einem Luftkissenbettchen in der Größe eines Säuglingssargs sinkt und steigt das wunderliche Instrument, ein dadaistischer Organismus, der über Plastikröhrchen an sieben raumhohe Pfeifen angeschlossen ist. Eine schräge kleine Melodie erfüllt die Kapelle. Die Gedanken flottieren, man steht gebannt und amüsiert und liest, was einem die Künstler über ihre Orgel versichern: „Sie belebt den Glauben und gewährt Vergebung.“
Portmanteau sammelt olle Sachen, stellt sie in neuen Kontext und bereichert mit verqueren Apparaturen auch Theater-Inszenierungen. Im Chor der Kapelle serviert das Duo gemeinsam mit Martin Dessecker „Kopfsalat“: Bilder von Iris Murdoch, Hélène de Beauvoir und anderen Denkern, die in den Porträts auf Glasscheiben knallorange Teufelshörnchen auf der Stirn tragen, lassen auf Kommando Trillerpfeifen aus ihren Mündern schnalzen und tröten entfesselt los, begleitet vom schrillen TäTä! eines aufpumpbaren Pfeiferl-Baums. Herrlich crazy!
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Halb erleichtert lässt man sich im Anschluss von Olav Unverzart entschleunigen. Der preisgekrönte Foto-Künstler, der aus Waldmünchen stammt, recherchierte mit analoger Großbildkamera im früheren Grenzland. Entstanden sind konzentrierte Bilder aus der Gegenwart, die zeitlos scheinen. Unverzart findet die Motive mit wachem, wissendem Blick und nennt sie spröde „Alufelge Waldmünchen“ oder „Schaufenster Blaibach“: ein aufgegebener Laden, das Trottoir vielfach teergeflickt, das Fenster mit vergilbten Stores gschamig zugehängt. In Schwarz-Grau-Weiß ist die geballte, manchmal ironisch grundierte Tristesse von Orten zu sehen, die lang abgehängt waren. Der Titel der Serie darauf an: „Dahinten gehts nicht weiter“.
Neues Buch von Olav Unverzart
Die Ausstellungen: Beate Oehmann besetzt das Erdgeschoss mit „entlang der Linie“. Das Duo Portmanteau und Martin Dessecker bieten in der Kapelle „Philosophie auf Pump“. Olav Unverzart zeigt unterm Dach: „Dahinten gehts nicht weiter“.
Das Luftmuseum: Die drei Ausstellungen sind bis 18. Mai im Luftmuseum Amberg zu sehen, alle Details: www.luftmuseum.de.
Das Buch: Im April erscheint Olav Unverzarts Serie als Buch im Büro Wilhelm Koch.

