Der Rossmensch und der Faun: Fritz Koenig in der Münchner Glyptothek

„Mythos & Moderne“ erlaubt faszinierende Begegnungen. Die Jubiläumsausstellung zeigt eindrucksvoll wie selten, dass sich die Plastiken des Landshuter Künstlers vor antiken Meisterwerken nicht verstecken müssen.
Von organischen Formen á la Henry Moore oder Kenneth Armitage ließ Fritz Koenig (1924-2017) bald die Finger, obwohl Kunstkritiker meinen, mache seiner frühen Skulpturen und seine Kopfformen erinnerten durchaus an die berühmten Briten. Zu seinem 100. Geburtstag feiert nun die Glyptothek den Landshuter Bildhauer und Zeichner in der faszinierenden Schau „Mythos & Moderne – Fritz Koenig und die Antike“.
Die Jubiläumsausstellung zeigt eindrucksvoll wie selten, dass sich Koenigs Plastiken vor antiken Meisterwerken nicht verstecken müssen. So zählen ihn viele zu den bedeutendsten deutschen Bildhauern des 20. Jahrhunderts. Ausgesucht wurden Arbeiten, die die vielschichtige Auseinandersetzung des Künstlers mit der antiken Mythologie, mit antiken Bildformeln aber auch mit fundamentalen Themen des Menschseins behandeln – was natürlich gut zum musealen Bestand passt.
Koenigs Arbeiten fügen sich aber nicht harmonisch in die überragenden originalen Klassiker der Griechen und Römer ein. Sie zeigen – nicht allein aufgrund der Materialwahl, sondern auch thematisch – klare, harte Kontraste. Rostiger Stahl und charakteristische Bronze versus weißer Marmor und heller Stein: Das wird für alle zum Gewinn.
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Das beste Beispiel ist der „Saal des Faun“. Plötzlich sieht sich die wohl beeindruckendste antike Skulptur des Museums, der total entspannt und frivol ausgestreckte „Barberinische Faun“, einer recht ernsten runden rostigen Scheibe auf einem Sockel gegenüber: dem „Großen Epitaph des Ikarus“ (1987). Vier zylindrische Stäbe kleben an der Rückwand des Sockels. Eine Kugel liegt verloren unten. Zerlegt in geometrische Einzelteile präsentiert sich der Körper des vom Himmel gefallenen Ikarus. Ein Symbol für menschliche Hybris und Übermut. Der fliegende Ikarus kam aus Neugier der Sonne zu nahe und stürzte ins Meer. Das mythische Ikarus-Thema griff Fritz Koenig mehrfach auf, auch in seinen Zeichnungen. Es gehört zu einem seiner Leitthemen: Tod und Vergänglichkeit. Damit wurde der Weltkriegssoldat Koenig bereits in frühesten Jahren bei seinem Fronteinsatz in Russland konfrontiert.
Auch Pferde interessierten den Bildhauer ein Leben lang – und zwar nicht nur in der Kunst. Man muss wissen, dass Koenig ein ambitionierter Pferdezüchter war, der in seiner Kindheit nach eigenen Aussagen mitunter lieber Pferd als Mensch gewesen wäre. Konkret: Der leidenschaftliche Reiter baute auf dem ländlichen Ganslberg bei Landshut eine eigene Vollblutaraber-Zucht auf. Die wurde berühmt durch den weltweit als schönstes Pferd gehandelten Hengst Nahbay, der 1993 das Weltchampionat in Paris gewann.
Schon in frühen Arbeiten wie „Biga“ und später auch in den Rossmenschen spiegelt sich das Pferde-Thema. Was Picasso der Stier, war Koenig das Pferd: erzählerisches Sinnbild für Triebhaftes, Wildes, Ungestümes. Das Prinzip der Verschmelzung wird wichtig: In „Quadriga“ (1957) oder in „Biga“ vereinigen sich Tiere und Gefährt zu einer schlüssigen Gesamtkomposition, während in der Skulptur „Poseidon“ aus den 1960ern Ross und Reiter eins werden. Im Saal der frühgriechischen Jünglinge steht nun ein eiserner „Großer Roßmensch“ (1992-2000) und im Saal des Diomedes das weibliche Gegenstück: das „Große Roßweib“ (1989/90).
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Die mit einem Modell vorgestellte „Große Kugelkaryatide N.Y.“ (1967-1972) fällt zwar aus dem Rahmen. Aber dieses Hauptwerk machte Koenig als Künstler weltberühmt: Fast acht Meter hoch und mehr als 20 Tonnen schwer ragte sie vor den Twin Towers des World Trade Center in Manhattan auf. Nach deren Einsturz 9/11 fand sich die Plastik, nur etwas zerbeult, unter den Trümmern wieder. Heute steht sie geschunden wie gefunden als Mahnmal kaum 200 Meter vom alten Standort entfernt im Liberty Park. Zur Wiederaufstellung der Skulptur – das ließ sich der nicht mehr ganz junge Koenig nicht entgehen – reiste er eigens in die USA.
Wieder einmal zeigt sich, dass eine gelungene Ausstellung in der Glyptothek nicht chronologisch oder didaktisch aufgebaut sein muss. Man wollte keine Werkschau zeigen, meint Direktor Florian Knauß. Die Exponate haben ihren Platz von selber gefunden. Entstanden ist eine zurückhaltende, aber ausdrucksstarke Schau. Sie sorgt vielleicht auch dafür, dass Koenig, seiner Bedeutung entsprechend, wieder besser, anders wahrgenommen wird. Auch das wird erwähnt: In öffentlichen Museen wurde Fritz Koenig – außerhalb von Landshut – eher selten gezeigt.
„Mythos & Moderne“ läuft bis Ende März
Die Ausstellung: „Mythos & Moderne – Fritz Koenig und die Antike“ ist bis 30. März in der Glyptothek München zu sehen, in Kooperation mit der Stadt Landshut und dem Koenig-Museum, das dank der Fritz-und-Maria-Koenig-Stiftung 1998 eröffnet wurde.
Der Katalog: Zur Ausstellung erscheint ein reich bebilderter Katalog (48 S., 14,90 Euro).
Die Expertise: Die Schau wurde mit Alexandra von Arnim (zuletzt Leiterin des Koenig-Museums) und Holger A. Klein (New York) konzipiert.

