„Großes Leid“: Tierschützer im Landkreis Cham fordern Kastrationspflicht bei Katzen

Von David Salimi · 30. Januar 2025 um 05:00

Für Karl Wartha ist das sprichwörtliche Fass voll. Seit Jahren kämpft der Tierschützer gegen die Auswirkungen der Überpopulation an Katzen im Landkreis Cham. Angesichts der sich zuspitzenden Lage schlägt er nun Alarm. Seine Forderung: die Einführung einer Katzenschutzverordnung, wie es sie bereits in sieben Landkreisen in Bayern gibt.

Schätzungen zufolge leben etwa 300.000 frei streunende Tiere auf Bayerns Straßen – viele von ihnen sind krank. Eine Katzenschutzverordnung würde vorschreiben, dass Freigängerkatzen ab einem Alter von fünf Monaten kastriert sowie per Mikrochip oder Ohrtätowierung gekennzeichnet werden müssen.

Wie dringend eine solche Regelung auch für den Landkreis Cham wäre, belegt Wartha mit eindrücklichen Zahlen, die er selbst zusammengetragen hat. Allein der Tierfreundeskreis Bad Kötzting kastrierte im vergangenen Jahr 397 herrenlose Katzen. Zählt man die Tiere in den Tierheimen des Landkreises hinzu, summiert sich die Zahl auf rund 1020 Kastrationen – eine Rekordzahl, wie Wartha betont.

Dunkelziffer an herrenlosen Katzen steigt stetig

Da auch Privatpersonen Lebendfallen von Tierschutzvereinen ausleihen, dürfte die Dunkelziffer mindestens 200 weitere herrenlose Katzen umfassen. Wartha warnt vor einem Kollaps der ehrenamtlichen Helfer: „Wenn mangels Unterstützung unser Helfergefüge der Vereine zusammenbricht und nur für drei Jahre die alljährlichen Kastrationen ausfallen, was würde das für den Landkreis bedeuten?“, fragt er eindringlich.

Immerhin investieren die Ehrenamtlichen einen Großteil ihrer Zeit, um der Schwemme an streunenden Katzen entgegenzuwirken. „Obwohl wir die herrenlosen Katzen auf Höfen und öffentlichen Plätzen einfangen und kastrieren, so viele wir irgendwie schaffen, nimmt die Dunkelziffer an unkastrierten Katzen laufend zu“, klagt Wartha. Seinen Berechnungen zufolge ist sie mittlerweile zwei- bis dreimal so hoch wie die erfassten Zahlen. „Von dieser Dunkelziffer müssen wir mindestens um die Hälfte herunterkommen, sonst haben wir jedes Jahr nur wahnsinnige Arbeit ohne jegliche Verbesserung“, mahnt er.

Auch Tierärzte sehen Problem

Auch Tierärzte erleben das Elend der Streunerkatzen beinahe tagtäglich hautnah. Stephanie Aschenbrenner, Fachtierärztin für Kleintiere bei den Landtierärzten Cham, berichtet ebenso wie Wartha von diversen kleinen Findlingen, die bei ihr in der Praxis landen. „Es vergeht fast keine Woche, in der kein Findling zu uns gebracht wird“, erzählt sie. Ob Welpen mit komplett zugeschwollenen Augen und Nase, den Auswirkungen des Katzenschnupfens, oder unbehandelten Verletzungen – „es ist ein großes Leid“, so die Veterinärin, die außerdem die Kleintiere der Tierhilfe in Weiding betreut und daher auch um die prekäre Lage bei den Tierschutzvereinen weiß. Erst vor wenigen Tagen musste Aschenbrenner eine aufgefundene Streunerkatze von ihrem Leid befreien. Das Tier kam mit Tumor im Bauch und einem Kiefer voller Eiter zu ihr in die Praxis.

Eine Katzenschutznotverordnung sieht auch Aschenbrenner daher als unabdingbar an. Ob des großen Ausmaßes ist sie sich sicher: „Vermutlich bekommen wir bei diesem Problem nur die Spitze des Eisberges zu sehen.“

Runder Tisch mit Veterinäramt und Tierschutzvereinen geplant

Der Problematik ist man sich auch beim Landratsamt bewusst. „Tierschutz und Tiergesundheit sind wichtige Themen. Aus diesem Grund muss über das Thema Katzenpopulation sachlich miteinander gesprochen werden“, sagt Landrat Franz Löffler. Daher werde er sich zusammen mit dem Veterinäramt und den sechs Tierschutzvereinigungen im Landkreis in der kommenden Woche zusammensetzen, um gemeinsam das Problem zu erörtern und miteinander nach Lösungsalternativen zu suchen.

Derzeit sehe das Veterinäramt keine Notwendigkeit für den Erlass einer Katzenschutzverordnung mit Kastrationspflicht in bestimmten Gemeindegebieten. Ebenso sei von Seiten der Gemeinden bislang kein Bedarf an die Landkreisbehörde herangetragen worden. Gleichwohl räumt Löffler ein, dass hieran sicherlich „auch die ehrenamtliche Arbeit der Tierschutzvereinigungen einen entscheidenden Anteil“ habe. „Dafür gilt den ehrenamtlich Engagierten mein Dank“, so der Landrat weiter.

Bei dem gemeinsamen Gespräch wolle man sich jedoch auch über Eigenverantwortung unterhalten. „Auf der einen Seite haben wir die verständliche Forderung nach Entbürokratisierung, auf der anderen Seite den ebenso nachvollziehbaren Ruf nach Regelungen durch den Staat. Was überwiegt?“, wirft Löffler in den Raum. Dabei gelte es, gemeinsam auszuloten, ob der in der Mehrheit verantwortungsbewussten Katzenhalter im Landkreis durch solch eine Regelung wirklich neue Verpflichtungen auferlegt werden müssten. Dies gelte es gemeinsam auszuloten.

Im Landkreis Cham können sich freilaufende Katzen vorerst weiter ungehindert vermehren. Ehrenamtliche und Privatpersonen bemühen sich jedoch, Findlinge kastrieren zu lassen. Foto: Grit Büttner/dpa