Nach BSW-Beben hat sich die Linke in Regensburg neu aufgestellt – Mitglieder-Boom seit Ampel-Aus

Von Benedikt Baumgartner · 30. Januar 2025 um 12:00

In Schutt und Asche werde die Linke nach der Gründung des Bündnis Sahra Wagenknecht mit etlichen Austritten prominenter Politiker bald liegen – so lauteten zahlreiche Prognosen vor einem Jahr. Auch in Regensburg war das BSW-Beben deutlich zu spüren.

Die beiden einzigen Mandatsträger des Kreisverbandes verließen die Linke. Für Kreisrat Klaus Nebl war das BSW nur ein kurzes Intermezzo, mittlerweile ist er Mitglied der SPD. Stadträtin Irmgard Freihoffer ist Regensburgs Gesicht und Direktkandidatin des BSW für die Bundestagswahl.

Beispiellose Eintrittswelle

Trotz der Abgänge der prominentesten Genossen, erzählt Arnold Wiebe, seit einem Jahr Kreissprecher der Linken, eine Erfolgsgeschichte. „So eine Eintrittswelle hat bei der Linken in Regensburg noch keiner mitbekommen“ – nicht einmal die Silberrücken des Kreisverbands, mit denen sich der 32-jährige Kreissprecher ausgetauscht hat.

Auferstanden aus Ruinen also? Eher nicht, denn die düsteren Prophezeiungen traten gar nicht erst ein. Die BSW-Gründung habe zu etwa zehn Austritten geführt, sagt Wiebe. Etwas mehr, vor allem junge Menschen, seien der Partei beigetreten. Zu einem wahren Mitglieder-Boom hat dann das Ampel-Aus im November geführt. Rund 50 Neumitglieder sind seither zur Linken gestoßen, allein im Januar waren es 20. Der Kreisverband zählte im Herbst um die 100 Genossen, nun sind es rund 150. „Ein Plus von 50 Prozent, das ist schon immens“, sagt Wiebe.

Wagenknecht-Aus: „Es war befreiend“

Er selbst ist im Januar 2023 der Linken beigetreten – „trotz Wagenknecht“. Ein Jahr später hat ihm ihre Parteigründung keine Sorgenfalten auf die Stirn getrieben. „Ich war sehr froh, es war befreiend.“ Die anhaltenden Querelen, das Rumoren um Wagenknechts Austritt habe zu viel Raum eingenommen. In Regensburg fiel das BSW-Beben mit einer Verjüngung und Erneuerung der Partei zusammen.

Ohne Verluste ging die Trennung von den Wagenknecht-Anhängern im Kreisverband nicht vonstatten. „Es geht immer Sichtbarkeit verloren, wenn Mandatsträger die Partei verlassen und auch noch ihre Mandate mitnehmen“, sagt Wiebe. Auch finanzielle Einbußen erlitt der Kreisverband mit dem Abschied von Nebl und Freihoffer. In der Linken sei es Usus, dass ein Mandatsträger einen kleinen Teil als Abgabe an den Kreisverband zurückgibt, erläutert Wiebe. „Unsere Schatzmeisterin merkt natürlich jeden Cent, der fehlt“, sagt er, „aber es ist nicht so, dass wir jetzt irgendwo Abstriche machen müssen“.

22-Jähriger ist Direktkandidat

Mit Freihoffer habe Wiebe keine großen Überschneidungen in der politischen Arbeit gehabt. Zum Abschied des Ex-Genossen Nebl sagt der im Januar 2024 gewählte Kreissprecher nur: „Für mich steht die Linke dafür, gemeinsame Ziele zu erreichen. Und nicht für Alleingänge.“

Als Gründe für ihre Austritte hatten Freihoffer und Nebl im MZ-Interview unter anderem genannt, dass man sich zu sehr auf identitätspolitische Themen fokussiere und Spitzen-Listenplätze an zu wenig lebens- und arbeitserfahrene Genossen gingen. Nun hat der Kreisverband einen 32-jährigen Sprecher und mit Sebastian Wanner einen 22-jährigen Direktkandidaten für die Bundestagswahl. Linksjugend und Sozialistisch-Demokratischer Studierendenverband haben sich vergangenes Jahr gegründet. Voller Fokus auf die Jungen? Nein, sagt Wiebe. „Wir haben einfach eine sehr aktive Jugend.“ Das bedeute aber nicht, dass vermeintlich altlinke Politik vernachlässigt werde. „Man kämpft ja trotzdem für faire Löhne und bezahlbare Mieten, das kommt doch allen zugute“, argumentiert Wiebe.

Jung, offen, niedrigschwellig

Nach dem Abschied der beiden prominentesten Parteimitglieder sei es für den Kreisverband umso wichtiger gewesen, auf anderen Wegen Sichtbarkeit zu schaffen. „Gar nicht unbedingt in den Medien, sondern bei den Leuten vor Ort, für die wir Politik machen wollen“, sagt Wiebe. Im September haben die Linken mit Haustürgesprächen begonnen. Die Nutzung des Parteibüros wurde ausgeweitet. Feste Termine, etwa für Sozialsprechstunden und offene Treffen, wurden eingeführt. Ein niedrigschwelliges Angebot soll den Kontakt zur Linken erleichtern.

Und politische Teilhabe ist nicht an eine Parteimitgliedschaft gekoppelt, erläutert Arnold Wiebe neu geschaffene Strukturen. Und grinst: „Aber wir freuen uns natürlich immer, wenn jemand beitreten möchte.“ In den vergangenen Wochen gab es im Linken-Kreisverband reichlich Grund zur Freude.

Start ins Jahr

Empfang: Am 31. Januar um 18 Uhr lädt der Linken-Kreisverband zum Solidarischen Neujahrsempfang im Gewerkschaftshaus, Richard-Wagner-Str. 2, ein. Dort soll gesellschaftlichen Gruppen eine Plattform geboten werden. „Unser Ziel ist es, die Vielfalt an gesellschaftlichem Engagement zu fördern und in den Dialog zu treten“, heißt es im Einladungstext.

Kandidaten: Ates Gürpinar, Bundestagsabgeordneter und Spitzenkandidat in Bayern, und Sebastian Wanner, Direktkandidat in Regensburg, stellen Programm und Arbeit der Linken vor.

Wahlkampf: Die Haustürgespräche werden in den kommenden Wochen intensiviert. Außerdem stehen laut Wiebe noch Plakatierungsaktionen bevor.