Graf Hansi, der Menschenfresser: Von einem Adeligen, der eine Lobhymne auf den Kannibalismus schrieb

Von Philip Hell · 29. Januar 2025 um 11:00

Es soll schon alles seine aristokratische Richtigkeit haben. Der Mann, auf dessen Leben dieser Text ein Schlaglicht werfen soll, hieß Johannes Evangelist Virgilio Graf Coudenhove-Kalergi. Kurz: Graf Hansi – zumindest für Freunde. Ihn verschlug es nach dem Krieg nach Regensburg. Hier schuf er einen skandalumwitterten Roman. Der Titel: „Ich fraß die weiße Chinesin. Ein Menschenfresserroman“.

1893 erblickte er in Tokio das Licht der Welt. Die Mutter Japanerin, der Vater ein österreichischer Diplomat und Adeliger. Nach seiner Ausbildung am Wiener Theresianum zog er auf Schloss Ronsperg, einen Steinwurf von Waldmünchen entfernt.

Nach dem zweiten Weltkrieg verschlang ihn die Geschichte – und spuckte ihn in Regensburg wieder aus. Dieser schillernde Aristokrat musste auffallen im Regensburg der 1950er-Jahre. Die heute leuchtende Altstadt war damals ein Moloch mit rußschwarzen Wänden. Zum Teil lag das heutige Welterbe noch in Trümmern – durch die dieser Mann stolzierte. Aufrechter Gang, eine leuchtend rote Anzugweste und stets ein Lorgnon – eine Stielbrille – vor dem Auge. Auf Reisen begleitete ihn meist eine Mumie, die freilich in einem eigenen Hotelzimmer residierte. Und sein Auto war in den Wappen-Farben seiner Familie gehalten. Eine Seite rot, die andere gelb. Dazu kam sein fernöstlicher Einschlag.

Graf Coudenhove-Kalergi: Tütensuppe und Theater

Seit Jahren beschäftigt Johann Graf Coudenhove-Kalergi einige Schriftsteller. Der langjährige MZ-Autor Harald Raab schrieb im Regensburger Almanach über den absonderlichen Adeligen. Seine Nichte Barbara Coudenhove-Kalergi, eine angesehene österreichische Journalistin, verfasste ein Buch über ihre Familiengeschichte. Und der Schriftsteller Bernhard Setzwein erzählt in „Der böhmische Samurai“ von dieser ganz besonderen Adels-Dynastie. Sie alle haben das Leben von Graf Hansi beleuchtet, der sich im Regensburg der 1950er-Jahre schnell Berühmtheit erlangte. Erst residierte er im Schloss Thurn und Taxis, dann in der Dachkammer des Hotels Maximilian. Morgens pflegte Graf Hansi durch Regensburg zu spazieren und Zeitung zu lesen, schrieb etwa Harald Raab. Nachdem er in die Metzgerei Vilsmeier in der Oberen Bachgasse ein paar Radeln Wurst vertilgt hatte, befingerte er Bücher in einem nahegelegenen Antiquariat – sehr zum Missfallen des Buchhändlers freilich. Auch den Lebensmittelhändlern der Altstadt war Graf Hansi wohlbekannt. Er hatte nämlich die Angewohnheit, sich kleine Proben von Tütensuppe zu schnorren.

Seine eigentliche Leidenschaft galt indes dem Theater. Mit Smoking und Löchern in den Socken saß er dort – und verliebte sich in die Sekretärin des Hauses, die er schließlich auch heiratete.

Ihr ist es zu verdanken, dass der Adelige posthum zu Ruhm kam. Sie sorgte dafür, dass Graf Coudenhove-Kalergis Buch „Ich fraß die weiße Chinesin. Ein Menschenfresserroman“ veröffentlicht wurde. Es erschien unter dem Pseudonym des Grafen: Duca di Centigloria – was so viel heißt wie „Graf der hundert Ruhmestaten“.

Die Hölle? Gar nicht so übel

Das Werk ist aus der Perspektive eines Aristokraten verfasst, der einem Witwer offenbart, wie es dazu kam, dass er dessen Frau verspeiste. Das Buch ist erstaunlich gut geschrieben, bleibt dennoch relativ eindimensional und kommt über weite Strecken wie ein Loblied auf den Kannibalismus daher.

Schon die Präsentation des Werkes auf der Frankfurter Buchmesse 1967 war ein Skandal. Den Einladungen lag Besteck, eine Serviette und eine Konservendose bei. Aufdruck: Menschenfleisch. Der Aufschrei verhallte alsbald, die 68er-Revolution hielt Einzug. Für den verschrobenen Adeligen mit der Vorliebe für besondere Leckerbissen war im Weltenlauf kein Platz mehr in Regensburg. Ihm dürfte das egal sein, er war zu diesem Zeitpunkt nämlich schon aus dem Leben geschieden.

Genau am heutigen Tage jährt sich der Todestag des, na ja, Schriftstellers zum 60. Mal. Ein Grab gibt es nicht mehr. Wohin es die Seele des Paradiesvogels verschlug, weiß niemand. Er selbst hatte da freilich eine gewisse Präferenz, wie seine Nichte in ihrem Buch schreibt. Schon als Kind habe er seinen Schwestern erzählt, „dass er nicht in den Himmel kommen wolle, wo die Langweiler versammelt wären, sondern in die Hölle, wo man immerhin Gesprächspartnern wie Voltaire und Nietzsche begegnen würde.“

Ich fraß die weiße Chinesin: Dieses Buch sorgte für Wirbel bei seiner Veröffentlichung. Foto: Hell