Eine brandgefährliche Witzfigur: „Caligula“ am Volkstheater München

Von Sabine Busch-Frank · 27. Januar 2025 um 17:30

Die Inszenierung des Dramas von Albert Camus unterfüttert unser Zeitgeschehen mit einem bildersatten Theaterabend.

Sie sind auf dem Vormarsch, die vielen neuen starken Männer und wenigen Frauen. Ob in Amerika, Russland, Österreich oder Italien, wo man hinschaut, erstarken antidemokratische Bewegungen. Reiche stopfen sich die Taschen voll und versorgen jene mit Falschinformationen, die bittschön was Rechtes wählen sollen.

Das Drama „Caligula” hat Albert Camus 1938 zu schreiben begonnen. Die Parallelen zwischen dem Erstarken der Faschisten und jenem geradezu sprichwörtlich grausamen und willkürlichen Herrscher der Antike lagen damals für den 1913 in der französischen Kolonie Algerien geborenen Existenzialisten auf der Hand. Er erschuf einen Despoten, der Demokratie und Tyrannei unter ein Joch zwingt und sogar Luna, den Mond besitzen will. Seine Visionen träumend, löst er sich aus der Solidargemeinschaft und schreitet gedankenlos über Leichen. Wer dächte heute nicht an den reichsten Menschen der Welt, der den Mars besiedeln will? Die Premiere der Neuinszenierung am Münchner Volkstheater geht solchen allzu plakativen Parallelen nicht auf den Leim. Freilich ist der Nihilismus wieder angesagt, wenn er sich auch in farbenprächtigere Kostüme als den traditionellen schwarzen Rollkragen kleidet. Doch unsere Zeit ist wohl viel zu spaßfixiert und konzentrationsgestört, um dem Sinnen über das Absurde, wie Camus es geduldig zelebriert, einen ganzen langen Theaterabend zu folgen.

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Regisseur Ran Chai Bar-Zvi weiß das. Er verpackt daher den komplexen Text in eine bunte Zuckerhülle, lässt Steffen Link als Caligula kindlich strahlen und grausam morden. Mal schiebt sich die Bühne von Ansgar Prüwer dafür zum klaustrophobischen Kammerl zusammen und öffnet sich dann wieder in ganzer Breite zu einer Bretterbude des grassierenden Wahnsinns.

Was ist das für ein Hofstaat, der hier einen alle Grenzen überschreitenden Herrscher umgibt? Dauergekränkte Schwächlinge wie der „alte Patrizier“ (Liv Stapelfeldt), zarte Schattengewächse wie Lepidus (Nils Karsten) und Mucius (Cedric Stern), blinde Parteigänger wie der Diener Helicon (Jonathan Müller) und die Mätresse Caesonia (Maximiliane Haß). Für den Sturz des Tyrannen geeignet wären nur Scipio (Anton Nürnberg), der verratene Freund, der nun vergeblich Moral predigt, und der zumindest martialisch gewandete Verfechter der Gradlinigkeit Cherea (Jan Meeno Jürgens). So richtig mag man sich aber mit keinem dieser seltsamen Römer identifizieren. In den fantastischen, Gendergrenzen lustvoll ignorierenden Couture-Fetzen von Marilena Büld machen zwar alle bella figura, aber sie bleiben doch Abziehbilder der Angst und Eitelkeit.

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Das Gruselkabinett der Macht hat dagegen eindeutig den Diktator, den es verdient. Der spielt sein eigenes Theaterstück wie ein Kind, darf mit der Trillerpfeife den Ton angeben, als Botticelli-Venus in den Bühnenhimmel entschweben, die Grenzen des Anstands und der Empathie missachten und sich dann doch wieder mit fetziger Partymusik ans Publikum ranschmeißen. Steffen Link macht das ganz großartig. Mal mit den blanken Augen eines Otto Waalkes und mal mit Irrsinn im Blick ist er eine brandgefährliche Witzfigur, der man reflexhaft größeren Tiefsinn unterstellt, als sie verdient. Erst wenn er nach knapp zweistündigem Theaterabend am Ende ist, den Verschwörern nichts mehr entgegenstellt, gerichtet und der Geschichte einverleibt sein wird, ist er wieder die harmlose Marionette des Zufalls seiner Geburt.

Uraufgeführt wurde dieses Werk über den antiken „Caligula“ übrigens erst am 25. September1945 in Paris. Da war für Albert Camus der Spuk vorbei, ein Weltkrieg beendet und Millionen Menschen waren zu Tode gekommen.

„Caligula“ ist im Münchner Volkstheater zu sehen, Kartentelefon: (089) 523 46 55.