Der Klezmergigant in der Emmeramskirche

Die Emmeramskirche ist in diesen Wintertagen bitterkalt. Eigentlich keine ideale Zeit für ein Konzert in den altehrwürdigen, frostigen Gemäuern. Aber wenn der Großmeister der Klezmermusik zum Konzert lädt, dann scheinen die vielen Besucher die widrigen Umstände zu vergessen und sitzen dichtgedrängt in den Kirchenbänken und herbeigebrachten Klappstühlen.
Dick eingepackt sitzt der bald 89-jährige Giora Feidman vor seinem Publikum, zusammen mit seinen drei feinmusizierenden Begleitern Chihiro Ishii (Violine), Maria Del Mar Mendivil (Viola) und Yotam Baruch an dem Violoncello. KlezStrings nennt sich diese Formation, die künstlerisch gänzlich auf den „King of Klezmer“ zugeschnitten ist.
In einem herrlich kauzigen, aber doch bewegenden Kauderwelsch aus Englisch, Jiddisch und Deutsch erzählt der weise Weltenbummler von Frieden, Toleranz und Menschlichkeit. Themen, die ihn befeuern, nicht aufzuhören mit seiner Musik, weil er – selbst Vertriebener und Heimatloser – in jeder Note die Verpflichtung spürt, die Menschen zusammenzubringen und gemeinsam in der Kunst zu verbinden. Und wenn er seine Klarinette ansetzt und aus dem Nichts die Melancholie seiner Töne pflückt, dann ist das in jedem Moment ganz groß, tief erschütternd und packend zugleich. In manchen Stücken verzichtet er dabei völlig auf seine Begleiter, a-cappella spielt er „What a wonderful World“ als stilles Destillat eines Welthits, dessen eigentliche Botschaft die Pop-Kultur längst zum schicken Evergreen degradiert hat.
Lesen Sie mehr: „Sensationell“: Viel Lob für Festival Sparks & Visions
Feidman lässt das Publikum bei Leonard Cohens Hallelujah-Hymne den Refrain mitsingen, verbindet sich emphatisch mit den Menschen, die in seine Konzerte kommen. Das aktuelle Programm „Revolution of Love“ trägt die Handschrift des iranisch-stämmigen Komponisten Majid Montazer, ein Großteil der Stücke stammt aus seiner Feder. Kleine Werke, in denen er den Begriff „Weltmusik“ der Klarinettenkunst Feidmans auf den Leib schneidert. Ein wenig wolkig und fragmentartig ist das, aber auch stimmungsvoll und fein ziseliert im Streichersatz. Die Klarinette Feidmans bettet sich wohlig auf die Grundierung und verbreitet betörend ihren Klang in der alten Basilika.
Manches Mal wird es auch zupackender, in den Tangos von Astor Piazolla stampft der Klezmergigant mit den Füßen, der ganze Körper bebt unter der dicken Jacke und dem großen Schal. Hin und wieder verheddert er sich in seinen Noten oder verdreht den Ablauf des Programms. Seine Mitmusiker reagieren routiniert und gelassen auf die sympathischen Eigenheiten ihres Grandseigneurs, der das Konzert schon längst zu einer intimen und launigen Session zwischen ihm und den Zuhörern gemacht hat. Und wenn sein zartes Klarinettenspiel erneut anhebt zum Friedensgruß „Sholem alekhem“, schwebt nicht nur eine flehende Sehnsucht in seinem betörenden Klezmerspiel, sondern auch eine gehörige Prise Trotzigkeit, mit dem Wunsch nach Frieden und Versöhnung in seinem restlichen Leben nie aufhören zu wollen. Deshalb animiert der Maestro mit „Shalom chaverim“ schon zum Anfang des Abends sein Publikum zum gemeinsamen Singen. Unermüdlich bleibt Giora Feidman in seinem Auftrag und in seiner wunderbaren Musik, die nichts anderes kennt als den Appell nach Mitmenschlichkeit und Frieden. Ein bewegender Abend mit einem ganz Großen der Weltmusik.