„Sensationell“: Viel Lob für das Sparks-and-Visions-Festival

Von Michael Scheiner · 26. Januar 2025 um 16:38

„Sensationell“ ist nur eine von vielen begeisterten Reaktionen auf das Konzert des Posaunisten Robinson Khoury beim Sparks-and-Visions-Festival. Der Franzose mit libanesischen Wurzeln brachte sein neues Trio MŸA erstmals in Deutschland in Stellung – und wurde stürmisch gefeiert. Völlig zu Recht, der Auftritt mit der Perkussionistin Anissa Nehari und dem Keyboarder und Pianisten Léo Jassef im Theater am Bismarckplatz war ein musikalisches Ereignis, wie man es nur selten erlebt. Auch wenn man die danach folgenden Konzerte ins Auge nimmt, war es das Highlight der diesjährigen Festivalausgabe.

Mit einer homogen wirkenden Mischung aus elektronischen und analogen Sounds, Stimmen und perkussiver Energie erzeugte das Trio eine geradezu magische Stimmung. Das gebannte Publikum wurde in ungeahnte Welten katapultiert. Zugleich eröffneten Khoury und seine Mitmusiker damit Einblicke in lyrisch-zarte, dunkle und explosive emotionale Landschaften.

Phänomenaler Komponist

Durchaus verbunden mit der Jazztradition, nutzt der phänomenale Posaunist und Komponist für die Stücke des Mitte letzten Jahres erschienenen dritten Albums auch arabische Modi und nordafrikanische Einflüsse. Er untersucht auf diese Weise seine eigene Wurzeln und verknüpft sie höchst virtuos mit zeitgenössischen Formen. Mit einem fantasieanregenden Aufbau des üppigen Perkussionsinstrumentariums war das Konzert auch ein optisches Ereignis. Ein spiralförmig aufgeschnittenes Becken, wie es am Folgetag auch bei der britischen Band Corto.alto auftaucht, hängt wie eine Skulptur neben Nahari. Meist spielte sie mit einer Hand auf der Cajon, auf der sie saß, mit der anderen nutzte sie Sticks für eine eindrucksvolle Kalebasse, Becken und anderes Schlagwerk. Gemeinsam formen alle drei anfänglich schwebende Gesänge aus Vokalisen, die ein wenig an frühmittelalterliche Kirchengesänge erinnern.

Deutschlandpremieren waren auch die Auftritte der beiden anderen Gruppen am ersten Abend. Bewegt sich das hochvirtuose und klangsensible Pianotrio des griechischen Bassisten Petros Klampanis weitgehend im modernen Jazzgeschehen, weisen die Kompositionen und Songs der ebenfalls aus Griechenland stammenden Vibraphonistin Evi Filippou deutlich in Richtung traditioneller Folklore.

Verbunden mit Kollektivimprovisationen und weiteren Einflüssen generierte das paneuropäisch besetzte Sextett daraus eine lebendige, sprühende Klanglandschaft, die reichlich Freude und Lebenslust vermittelte. Filippou erzählte in ihren Ankündigungen über die Hintergründe und Entstehung ihrer Kompositionen, die teils auf traditionellen griechischen Lieder, Rembetiko-Melodien und Rhythmen Bezug nehmen. Politisch hellwach, bewies sie dabei auch Humor, als sie Donald Trumps imperialistisches MAGA-Leitmotiv gewitzt in ein humanistisches „Make yourself better again“ umdeutete.

Abgesehen von den 1960er Jahren, als sich im entwickelnden Freejazz viele afroamerikanische Musiker dezidiert politisch in ihrer Musik äußerten, ist soviel politische Deutlichkeit selten im Jazz. Gesellschaftliche und politische Bedeutung hat der Jazz dennoch. Das zeigt sich besonders in der Rolle, die Frauen einnehmen. Hier setzte Festivalleiterin Anastasia Wolkenstein von Anfang an deutliche Zeichen. Ohne feministische Attitüde, wie bei Women In Jazz, sind im Programm von Sparks & Visions deutlich mehr Musikerinnen und Bandleaderinnen vertreten, als in vielen vergleichbaren Events.

Heuer gehörten auch die Kölner Sängerin Simin Tander mit ihrem neuen Bandprojekt und vor allem das polnische Quartett O.N.E. dazu, die am zweiten Abend das Publikum für sich einnahmen. O.N.E. ist die erste rein weiblich besetzte Jazzgruppe des Nachbarlandes und trägt einen Teil ihres Selbstverständnisses schon im Namen. Im Polnischen bedeutet ,one’ soviel wie ,sie’, die Frauen, und meint auch die Solidarität und den Gemeinschaftsgeist, den die vier Musikerinnen in ihrer Kunst ausdrücken.

Im polnischen Jazz verankert

Damit sind sie in der Tradition des bis in die 1950er Jahre zurückreichenden, modernen polnischen Jazz verankert, der mit Namen wie Tomasz Stanko, Zbigniew Namyslowski und Krzysztof Komeda verbunden ist. Saxofonistin Monika Muc, Kamila Drabek (Bass), die wunderbar einfühlsame Pianistin Kateryna Ziabliuk und die dynamische Schlagzeugerin Patrycia Wybrancyzyk konfrontierten die Zuhörenden mit kantigen Themen und expressiven Soli, die in ihrer Vehemenz an die Power und Signalhaftigkeit des Freejazz erinnern.

Die Kölner Sängerin Simin Tander stellte Songs aus ihrem noch unveröffentlichten Album mit neuer Band vor.
Festivalleiterin Anastasia Wolkenstein freut sich über den Zuspruch.