Ein ganz und gar weiblicher Blick im Theater Regensburg

Drei Frauenporträts bestimmen die Bühne bei der neuen Premiere am Theater Regensburg: Revolutionärinnen oder Bunnies, ganz bewusste Frauengestalten. Sie stecken in schweren Goldrahmen fest, an Entfaltung ist nicht zu denken. Das sind die Manifestierungen der Leben der „Drei Schwestern“ Anton Tschechows. Das passt nicht eins zu eins, muss es auch nicht. Es zeigt die Verfestigung, das Feststecken in Konventionen, in der falschen Stadt, in der falschen Arbeit, in der falschen Beziehung, das Leben im Falschen.
Anton Tschechow, 1860 geboren, 1904 in Badenweiler verstorben, ist einer der bedeutendsten Autoren der russischen Literatur. Seine Erzählungen sind vielgelesen, seine Dramen, Der Kirschgarten, Die Möwe, Onkel Wanja oder eben die Drei Schwestern, vielgespielt auf der ganzen Welt und bescherten unvergessliche Abende, mit den größten Regisseuren und den besten Schauspielern. Im Theater Regensburg hat man nun einen ganz weiblichen Blick geworfen auf dieses Stück. Eine Regisseurin und ihre Schwester, eine Künstlerin, Christina und Franziska Rast, sind für Inszenierung und Bühne verantwortlich. Die Gemälde im Hintergrund, die einzigen Elemente, die den Bühnenraum irgendwie begrenzen, bilden ein Triptychon, ausgewählt aus einem größeren Zyklus Franziska Rasts, „Women of Power“.
Drumherum finden sich Erinnerungsgegenstände aus einem früheren Leben, ein Regulator, der hoch oben zeigt, was die Stunde geschlagen hat, viele Sitzgelegenheiten, Schränke, die auch Türen sind, Umzugskartons und Koffer. Befindet man sich im Ankommen oder im Aufbruch? Wird einsortiert oder aussortiert? Dieses Setting ist absolut gelungen. Der ganze Theaterabend changiert zwischen Wunsch und Realität, zwischen Verzweiflung und deren Bewältigung. Die bunten Farben der Kostüme machen die Inszenierung auch optisch modern und skurril.
Die Schwägerin der drei Schwestern, Natascha, Frau des ebenfalls zu Höherem geborenen Bruders Andrej – er sollte Professor werden in der großen Stadt, deren Namen vermieden wird im Jahr 2025 – packt Haus und Leben an, sichert sich ihren Vorteil, nutzt als einzige und bildungsfernste Person die französische Bildungssprache, mehr schlecht als recht.
Sie ist die Gegenspielerin der reflektierenden, zweifelnden, suchenden, sich immer in krisenhaften Situationen befindenden Schwestern. Sophie Juliana Pollack charakterisiert sie geradlinig und willensstark, nicht angekränkelt von den Zweifeln der sie umgebenden Figuren. Kunst und vor allem auch Musik haben bei dieser Inszenierung hohen Stellenwert. Das Ensemble singt zusammen, extra von Bo Wiget komponierte und getextete Kanons. Das muss man sich so vorstellen wie in Christoph Marthalers Inszenierungen, als Gemeinschaftsaktion der Schauspieler, verbunden auch mit stereotypen Bewegungen wie Aufstehen und Hinsetzen, das auch wieder den Zwiespalt visualisiert von Gehen-Wollen und nicht können. Wenn die große Flucht nicht gelingen mag raus aus der Provinz, dann sind es eben kleine Fluchten, die scheinbar weiterhelfen: Das Trinken, das Spielen mit Geld und mit der Geige, der Seitensprung, die Arbeit. Jeder hat eine andere Strategie. Die älteste Schwester Olga, 28, Schulleiterin, ist immer gestresst und leidet unter Kopfschmerzen und der unendlichen Müdigkeit, wird gespielt von Kathrin Berg. Mascha, 24 (Natascha Weigang), ist unglücklich verheiratet mit dem philisterhaften, selbstgerechten Lateinlehrer Kulygin (Max Roenneberg) und verbandelt mit dem eloquenten Werschinin (Thomas Mehlhorn). Die Jüngste Irina (Lilly-Marie Vogler) hat verschiedenen Arbeitsstellen und den Offizier Tusenbach (Joscha Eißen) als Geliebten. Alle drei tragen die gleichen türkisfarbenen Mantelkleider, die die Möglichkeit zum Aufbruch jederzeit implizieren. Die vielen Besucher des Hauses, der Arzt Tschebutykin (Guido Wachter) und die Militärs, tragen als Uniform Krawatten, Knickerbocker oder karierte Jacketts in Rottönen, das Paar Natascha und Andrej ist eher in Gelb gekleidet. Die Mäntel legen die drei Schwestern nur ab, wenn sie ihre drei Songs performen, mit fantastischen Tanz- und Gesangselementen. Da sind sie scheinbar befreit von ihren inneren und äußeren Zwängen.