Leidenschaftlich und präzise: Jan Lisiecki und Orchester setzen ein Glanzlicht im Audimax

Von Andreas Meixner · 24. Januar 2025 um 12:45

Als Jan Lisiecki zum Ende Chopins e-Moll-Prélude als Zugabe in den Raum setzte, zog er damit leise und sanft die Decke über einen überragenden Konzertabend, der in seiner Klasse und künstlerischen Beschaffenheit noch lange im Gedächtnis bleiben dürfte.

Da ist einerseits die die kompositorische Architektur der Beethoven’schen Klavierkonzerte, die auch mehr als 200 Jahre nach ihrer Entstehung in den Bann ziehen und zum großen „Klassik-Kanon“ schlechthin gehören. In der Klanglichkeit eines absoluten Spitzenorchesters erfährt dieses beliebte Repertoire eine atemberaubende Steigerung, weil technische Perfektion auf unermüdlichen Gestaltungswillen trifft, trotz – oder vielleicht genau wegen der hohen Routine und der ungeheuren Souveränität.

Flexibel in Stil und Ausdruck stellte die Academy of St Martin in the Fields im Audimax den beiden Beethoven-Klavierkonzerten zunächst das zeitgenössische Werk „Parade“ der britischen Komponistin Errollyn Wallen (geboren 1958) voran, das zum Gedenken an den 100. Geburtstag von Sir Neville Marriner (1924-2016), dem legendären Gründer der Academy, im April 2024 erstmals erklungen war. Der Modernität des kurzweiligen Stückes, das durchaus mit typischen Stilelementen britischer Musiktradition kokettiert, begegneten die Musiker mit jener präzisen Noblesse, mit der sie auch im Anschluss das Klavierkonzert Nr. 1 C-Dur und das Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll von Beethoven zum Leuchten bringen sollten.

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Präzision ist auch eine herausragende Eigenschaft des Klavierspiels von Jan Lisiecki. Vielleicht ist genau das die gemeinsame Basis des Solisten und der Musiker der Academy, von der aus sich die Energie bündelt zu einer entrückten, leidenschaftlichen, aber auch minutiös durchdachten Interpretation, die sich jenseits technischer Mühe ganz auf die dramaturgische Ausgestaltung stürzen kann.

Im traumwandlerischen Zusammenwirken des Pianisten mit seinem kongenialen Konzertmeister Tomo Keller gelangen blitzschnelle Interaktionen. Trotz mancher orchestraler Wucht blieb das Spiel leichtfüßig und transparent. In den langsamen Sätzen der beiden Klavierkonzerte verbreitete sich samtiger, warmer Klang, ohne sich behäbig aufzustauen.

Der klar strukturierten Klavierkunst des erst 29-jährigen Kanadiers kam das nur zugute. In seinen perlenden Läufen über die ganze Breite der Klaviatur wurde er nie belanglos, lotete harmonische Verflechtungen in seinem perfekten Mix aus nüchterner Klarheit und emotionaler Tiefe bis an den Rand des Machbaren aus, ohne sich jemals darin zu verlieren oder gar im Puls nachzuhängen. Die weit ausladende Kadenz im ersten Satz des C-Dur Konzerts gestaltete Lisiecki mit wenig Pedaleinsatz als fesselnde, fiebrige und hochvirtuose Traumsequenz, operierte am offenen Herzen seiner ausgeklügelten und emotional aufgeladenen Ausdrucksfähigkeit, ehe er fast beiläufig wieder an das Orchester übergab.

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Es war der Zauber dieses Abends bei Odeon Concerte, dass technische Perfektion und klangliche Vollendung eine tiefberührende Interpretation und Hingabe nicht ausschließen, sondern im Idealfall überhaupt erst ermöglichen und befeuern. Das war in jedem Moment des Konzerts unzweifelhaft zu hören, aber auch in der Körpersprache der Musiker zu sehen. Beethovens Musik ließ sie alle an der Vorderkante ihrer Stühle sitzen, es schien auch gar nicht anders zu gehen.

Das Publikum spürte diese ungeheure Kraft und feierte Orchester und Jan Lisiecki im gleichen Maße für eine mitreißende und hingebungsvolle Performance der absoluten Spitzenklasse. Mit Chopins Miniatur darauf zu antworten, war der konsequente und stimmungsvolle Schlusspunkt unter die Musik Beethovens.

Bei Odeon Concerte im Audimax gastiert als nächstes das Concertgebouw Kammerorchester Amsterdam mit dem Geigenvirtuosen Ray Chen: am 21. Februar (20 Uhr).