Lauter mütende Menschen hocken aufeinander

Eine Gesellschaft, die nicht zum Handeln fähig ist, die ohne Kraft und Saft, aber mit viel Sehnsucht vor sich hinlebt: Anton Tschechows „Drei Schwestern“ hat viel mit Heute zu tun.
Christina Rast zögerte lange, Anton Tschechow zu inszenieren. Erst fühlte sie sich zu jung für seine Stoffe und seinen Blick auf die Welt. Als sie älter war, vor drei, vier Jahren, hatte sie keine Lust auf Stücke über gescheiterte, melancholische Menschen, weil sie noch euphorischer, offen zumindest in die Zukunft blickte. Aber heute, sagt sie, passt es: dieses Gefühl, in einem alten Europa zu leben, das orientierungslos ist und in einer Zwischenwelt scheint, in der allen klar ist: Es entsteht etwas Neues – aber man weiß nicht was.
Und so kommt es, dass die Regisseurin, die an berühmten Häusern in Zürich, Hamburg, Dresden, Wien oder München gearbeitet und reichlich Preise einfahren hat, nun am Theater Regensburg mit einem hochinteressanten Team inszeniert: „Drei Schwestern“, Anton Tschechows Tragikomödie über eine Familie, die ohne Kraft und Saft, dafür voller Sehnsucht vor sich hinlebt.
Die Matinee im Antoniushaus beginnt mit einem kleinen Kanon zu viert: „Arbeit, Zufall, etwas Liebe, Vergesslichkeit oder Tee? Wir wissen es nicht so genau-au“, singen Komponist Bo Wiget, Regisseurin Rast, Kostümbildnerin Myriam Casanova und Dramaturgin Elena Höbarth ganz zart. Damit ist der Ton, der das Stück trägt, gesetzt.
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Den Schwestern, dem Bruder und ihren vielen Gästen, die am Land aufeinanderhocken: Allen ist langweilig, alle sind schlaff, alle sagen: Das schaffe ich nicht. „Allein das Wort müde kommt 25 Mal vor“, sagt Elena Höbarth. Gleichzeitig knistert die Atmosphäre und ist mit Spannung aufgeladen. Irgendwo im Inneren der Figuren vermutet man versteinerte Wut. Und wie das so ist, wenn sich komplizierte Beziehungen anbahnen, wirkt das Ganze auch schnell witzig und irrwitzig.
Franziska Rast, bildende Künstlerin und Schwester der Regisseurin, übernimmt das Bühnenbild. Umzugskisten stapeln sich, Möbel verschiedener Epochen stehen herum. Es ist das Sammelsurium von Menschen, die seit Jahren weg wollen in die große Stadt, aber nie den Hintern hochkriegen.
Die Bühne bleibt offen, ohne Wände, und zeigt: Nichts hindert die Figuren zu gehen – außer sie selbst. Der offene Raum, in dem zwölf Leute permanent anwesend sind, erlaubt auch, die Technik von aktivem Weghören und Wegsehen zu demonstrieren. Über Anwesende wird gesprochen, als seien sie nicht da, und der Seitensprung zwei Schritte entfernt wird ausgeblendet. Christina Rast: „Man tut einfach, als wäre nichts.“ Im Hintergrund deutet Bühnenbildnerin Franziska Rast auf drei monumentalen Gemälden, die sie den drei Schwestern widmet, Frauen in Machtpositionen an. Eine von ihnen: Julia Timoschenko, bis 2010 Ministerpräsidentin der Ukraine, hinter der sich zwei Männer küssen. Wie die anderen Frauen bleibt sie festgebacken in ihrem schnörkelverkrusteten staubigen Goldrahmen, handlungslos. Bo Wiget zitiert bei der Matinee den Soziologen Hartmut Rosa und seinen Begriff vom „rasenden Stillstand“. „Mütend“ wird heute die Mischung aus müde und wütend auch genannt.
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Myriam Casanova hat zeitlose Kostüme entworfen, die etwa Formales, Überhöhtes haben und andeuten, wer zu wem gehört. Die Schwestern etwa tragen fast identische Mäntel. Die Drei , sagt sie, sind immer bereit, abzureisen. „Sie sind angezogen, um wegzugehen.“
Bo Wigets Musik gibt der Sache den Kick. Der Cellist und Komponist kreiert viel für die Bühne, auch postdadaistische Performances. Für die „Drei Schwestern“ erdachte er eine Soundkulisse, die zum Beispiel mit dem Knarzen von Möbeln spielt, und schuf Songs, die wie Couplets funktionieren, außerdem Kanon-Stücke. Die Matinee endet, wie sie begonnen hat, nur vielstimmiger: „Arbeit, Zufall, etwas Liebe, Vergesslichkeit oder Tee?“ singt am Ende der ganze Antoniussaal.
Premiere am 25. Januar im Antoniushaus
Sehen: „Drei Schwestern“ hat am 25. Januar (19.30 Uhr) Premiere im Theater im Antoniushaus.
Reden: Zu den folgenden Aufführungen gibt es Einführungen und Nachgespräche.