Warnstreik am Theater abgewendet: Mitarbeiter kämpfen für klare Regeln zur Arbeitszeit

Beschäftigte mit dem Tarifvertrag NV Bühne können kaum planen, sollen aber jederzeit erreichbar sein. „Es braucht bessere Bedingungen und bundesweite Standards“, sagt die Regensburger Schauspielerin Katharina Solzbacher.
Am Freitag stand es sozusagen Spitz auf Knopf für einen Warnstreik am Theater Regensburg, schildert Katharina Solzbacher. Am Montag, im Gespräch mit der Mediengruppe Bayern, zeigt sich die Schauspielerin froh, dass man „in letzter Minute“ um die Arbeitskampfmaßnahme herumgekommen sei: „Auch wir wollen eine Behinderung des Vorstellungsbetriebs vermeiden“, betont die Künstlerin, die den Lokalverband der Bühnengewerkschaft GDBA leitet.
Sie können ihre Woche nicht fest planen, haben keine klaren Regeln für ausreichende Ruhezeiten vor Vorstellungen oder zwischen Proben, sollen aber ständig erreichbar sein: Wer nach dem Tarifvertrag NV Bühne arbeitet, hat, wie die Beispiele zeigen, keinen leichten Job. Ohne Flexibilität geht hier nichts. Die Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger kämpft deshalb – mit BFFS (Bundesverband Schauspiel e.V.) und VdO (Vereinigung deutscher Opern- und Tanzensembles e.V.) – um Entlastung und mehr Planbarkeit.
Ein Warnstreik stand im Raum
In Leipzig versuchten die Schwester-Gewerkschaften am 15./16. Januar, dem Deutschen Bühnenverein bessere Arbeitsbedingungen abzuringen. Ein Warnstreik stand im Raum. Der wurde nur abgebogen, weil sich der Bühnenverein noch entscheidend bewegt hat, sagt Mesut Bayraktar, GDBA-Sprecher in Hamburg, auf Nachfrage. „Die Gewerkschaften waren am 17. Januar streikbereit.“
Im Bereich Bühnentechnik liege man „in wesentlichen Punkten noch auseinander“, so Bayraktar. Nun komme es auf die Gespräche am 18./19. Februar in Hamburg an. „Wir hoffen, dass wir alle offenen Fragen am Verhandlungstisch gelöst kriegen“, heißt es von der Bühnengewerkschaft, aber auch: „Bitte bleibt bereit.“ Mitglieder sollen sich im Februar auf eventuelle Warnstreiks einrichten. Fürs Theater Regensburg, wo mit „Come from Away“ das Glanzlicht der Saison ansteht, wäre das bitter. „Aber nach Warnstreik“, sagt Solzbacher, „sieht es vorerst nicht aus.“ Sie sagt aber auch: „Viele unserer Abteilungen arbeiten am Anschlag.“
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„Viel zu viele Berufsfelder haben diesen schwammigen Vertrag“
Am Theater Regensburg arbeiten über 100 Menschen nach dem NV Bühne: Sängerinnen, Schauspieler oder Tänzer, aber auch künstlerische Beschäftigte in Büros, Ton, Licht, Maske oder Dramaturgie. „Viel zu viele Berufsfelder haben diesen schwammigen Vertrag“, sagt Solzbacher und zitiert als Beispiel einen Passus: Danach müsse jeder „möglichst jederzeit erreichbar sein“. Daraus könnten Chefs sogar eine Residenzpflicht ableiten, also: das Gebot, die Stadt nicht zu verlassen. Wenn Häuser sich kooperativ zeigen, ist das schön. „Die Gewerkschaft sagt aber: Dein netter Chef ist auch nur Zufall“, so Solzbacher. „Deshalb gehören bundesweite Standards her.“
Die Schauspielerin muss, wie Kolleginnen und Kollegen, ihren Jahresurlaub am Stück nehmen, in der Sommerpause. Freie Tage unterm Jahr für wichtige private Termine sind eine Frage der Kulanz. Zu den Forderungen gehören deshalb unter anderem ein freier Werktag jede Woche, regelmäßig planbare freie Wochenenden und eine 39-Stunden-Woche für Mitarbeiter im technisch-künstlerischen Bereich statt der aktuell 40 bis 46 Stunden.
„Der Notfall ist am Theater oft Normalität“
„Ich bin optimistisch“, sagt Matthias Schloderer über die Tarifgespräche. Der kaufmännische Leiter des Theaters Regensburg gehört dem Tarifausschuss des Deutschen Bühnenvereins an, der bereits ein Arbeitszeitmodell entwickelt hat, in dem sich angesprochene Wünsche wiederfinden.
Einiges setze Regensburg bereits um: „Einen freier Werktag pro Woche für die, die auf der Bühne stehen, den gibt’s hier schon“, sagt Schloderer. Er sieht vor allem bei Arbeitszeit im künstlerischen Bürobereich „dringenden Regelungsbedarf“. Und er begrüße, dass es bei Themen wie Arbeitsausgleich, Ruhezeiten und Planbarkeit vorwärts geht. „Die Verhandlungen verlaufen wie man hört sehr konstruktiv. Deshalb hätte mich ein Warnstreik am Freitag auch überrascht.“
Unabhängig von bundesweit erhobenen Forderungen ist in Regensburg „nicht alles, aber vieles gut geregelt“, sagt Katharina Solzbacher. Matthias Schloderer sei „ein geschätzter Gesprächspartner“. Und dass Arbeit am Theater kein Nine-to-Five-Job ist, sei wohl jedem Mitarbeiter klar. Dennoch: „Es braucht verbindliche Regelungen“, sagt die Schauspielerin. Regeln, die auch im Einzelfall gelten, etwa wenn jemand kurzfristig einspringen soll. „Der Einzelfall ist oft ein Notfall. Und am Theater ist der Notfall oft Normalität.“