90 Minuten Weltflucht mit dem Universitätschor Regensburg

Von Gerhard Dietel · 20. Januar 2025 um 14:00

Das Ensemble verzaubert mit einem Romantik-Programm. Dirigent Arn Goerke vermeidet aber klug die Grenzüberschreitung zur Sentimentalität.

Soll die Kunst sich am Puls der Zeit orientieren, Stellung zur Realität und ihren Auseinandersetzungen nehmen? Oder soll sie die Flucht vor der Gegenwart antreten und „in eine bessere Welt entrücken“, wie es so schön in Franz Schuberts Lied „An die Musik“ heißt? Eineinhalb Stunden solcher Entrückung aus dem Alltag bot der jüngste Auftritt des Regensburger Universitätschors, der im Audimax unter seinem Leiter, Universitätsmusikdirektor Arn Goerke, „Romantische Werke für Chor und Klavier“ präsentierte, die aus der Feder von Clara Schumann und Johannes Brahms stammen.

Idyllische Naturstimmungen entwerfen die beiden in ihren Chorsätzen und (von Arn Goerke für Chor eingerichteten) Solo-Gesängen. Von schlagenden Nachtigallen ist die Rede, von mondbeglänzten Nachtstunden und goldnem Sonnenschein. Eingebettet in diese Naturstimmungen ist der Mensch, der sich ins „Kinderland“ zurückträumt, in „Feldeinsamkeit“ versinkt, aber auch zu zweisam „Ewiger Liebe“ strebt oder in diesem Streben enttäuscht wird.

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Wohlgemerkt: Nicht nur für die Zuhörer von heute, sondern auch für diejenigen zur Zeit ihrer Entstehung war das bereits ein Stück Weltflucht, die sich vom Alltag einer entstehenden Industriegesellschaft abkoppelte und poetische Gegenbilder entwarf.

Weich und rund tönt der Universitätschor von der Anfangsnummer an, Brahms’ „Schöner Nacht“, in kluger dynamischer Zurückhaltung mit nur wenigen, organisch entwickelten Höhepunkten. Dialogische Ansätze, auch Echoeffekte bieten einzelne Nummern, doch überwiegt der geschlossene, homophone Klang. Sentiment darf im Gesangs-Vortrag Platz haben, doch vermeidet Arn Goerke klug die Grenzüberschreitung zur Sentimentalität, indem er oft eher zügige Tempi wählt, als dem „Verweile doch, du bist so schön!“ nachzugeben.

Janka Hobe am Flügel bietet dem Chor nicht nur harmonische Stütze oder durchwebt dessen Stimmen mit zartem Rankenwerk, sondern wird in Vor-, Zwischen- und Nachspielen zur Mit-Interpretin, die feinfühlig poetische Stimmungen zeichnet.

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Ein wenig vom übrigen Programm heben sich die archaisierenden Klänge von „Darthulas Grabgesang“ ab, in dem eine fiktive alt-keltische Welt beschworen wird, und mehr noch die umfangreichere Schlussnummer, Brahms’ (eigentlich mit Orchesterbegleitung komponierter) „Nänie“ nach einer Dichtung Friedrich Schillers. „Auch das Schöne muss sterben!“ konstatiert Schiller in ihr unter inhaltlichen Anspielungen auf die antike griechische Mythologie. Eingeleitet vom wie mit Harfentönen beginnenden Klavierpart verbreitet der Universitätschor hier, Brahms’ Vertonung entsprechend, eher milde Trauer als expressiven Schmerz. Und wo Schiller mit dem Bild des „Hinabfahrens zum Orkus“ schließt, lässt Brahms lieber die vorletzte Gedichtzeile wiederholen, die in das Wort „herrlich“ mündet.

Herrlich findet das Publikum im weiten Audimax-Rund denn auch das, was ihm geboten wurde, wie der heftige und anhaltende Schluss-Applaus zeigt.