Inseln künftiger Tage: Drei junge Künstlerinnen zeigen neue Wege auf

Von Peter Geiger · 19. Januar 2025 um 18:00

Bei der Vernissage im Kunst- und Gewerbehaus betonen die Redner: Jetzt, da Demokratie und bürgerliche Freiheit ernsthaft gefährdet sind, können und müssen die Künste in die Offensive gehen und ihr revolutionäres Potenzial freilegen.

Auch wenn Einführungsworte im Ruf stehen, lediglich zur Verbreitung von Binsenweisheiten beizutragen: Alles, was Georg J. Haber und Georg Tassev bei der Vernissage zu „3 x junge Kunst“ sagen, ist von Gewicht. Vor allem deshalb, weil sich die Zeiten so rasant verändert haben. Der Historiker Niall Ferguson prägte dafür kürzlich den Begriff vom „vibe shift“, also vom großen Stimmungsumschwung, der die Welt spätestens seit den US-Präsidentschaftswahlen im Würgegriff hält.

Georg Haber, Vorsitzender des Kunst- und Gewerbevereins (KuGV), betont deshalb am Freitagabend im Kunst- und Gewerbehaus die existenzielle Relevanz von Kunst. Bei dem Format „3 x junge Kunst“, das seit gut 40 Jahren existiert und dem Nachwuchs Chancen öffnet, bestehe keine Gefahr, es könne zur „Routineveranstaltung“ degradiert werden. Georg Tassev, Vorsitzender des BBK, macht die Sache noch plastischer: Während der Pandemie hatte die Kultur im Ganzen zu kämpfen. Jetzt aber, da Demokratie und bürgerliche Freiheit ernsthaft gefährdet seien, jetzt können und müssen die Künste – als Reaktion gewissermaßen – in die Offensive gehen und ihr revolutionäres Potenzial freilegen. Tony Kobler vom KuGV-Vorstand wird noch konkreter, wenn er sich in seiner Rede tiefgründig mit den Werken befasst: Zwar zeichnen sich die Künstlerinnen durch unterschiedliche Temperamente aus, gemeinsam aber sei ihnen, dass alle drei neue Wege suchen.

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Monique S. Desto, Malerin, 1989 in Regensburg geboren, traf gleich zu Beginn ihres Studiums an der Akademie in Nürnberg, während eines Museumbesuchs, die blitzhafte Erkenntnis, dass in der Malerei ohnehin alles gesagt sei. Dennoch – und das ist das Magische an ihrer monumentalen, rund 80 Meter langen Arbeit „Gebanne:Becken:Boden“, die im großen Saal eine Art von Zwischendecke bildet – gelingt es ihr, mit ihrer Kunst Neuland zu betreten: Indem sie schichtenweise Latexfarbe aufbringt, kann sie diese schließlich, wenn sie geronnen ist und selbst Materialität erlangt hat, vom Trägermaterial lösen. Das, was auf ihren den Besucherblick bannenden, abstrakte Botschaften tragenden Bannern zurückbleibt, ist reine Farbe und bedarf nicht mehr der Korrespondenz mit einem Medium.

Melanie Schindler, Jahrgang 1991, zeigt spontan ein weises Lächeln, wird sie gefragt, ob ihr Atelier an ihrem Heimatort Regensburg oder an ihrem vormaligen Studienort Leipzig steht. Die Künstlerin, die das Experiment liebt, schiebt als ebenso heimatverbundene wie weltenbummlerische Existenz die Ortsfrage beiseite – und reklamiert den Begriff des „Labors“ für ihre Wirkungsstätte: Dort nämlich setzt sie Mixturen an, Weißwein, Hefe- oder Sauerteig. Sie setzt Fermentierungsprozesse in Gang und „entwickelt“ mit dem so gewonnenen Material in der Dunkelkammer analoges Fotopapier. Was herauskommt, sind wilde Farben und Muster. Und weil Schindler auch mit Pilzen arbeitet, entstehen zugleich „Abbilder nie gesehener Innenwelten“, von „Viszeralien“, wie Tony Kobler das nennt, was auf Deutsch mit „Eingeweide“ bezeichnet wird. Aber Melanie Schindler kann auch ganz zart und poetisch sein, etwa, wenn sie synthetische Seide mit Lyrik aus eigener Feder bestickt.

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Jasmin Schmidt wiederum, 1981 in Regensburg geboren, lebt als freischaffende Künstlerin in Flossenbürg. Sie hat ebenfalls in Nürnberg die Akademie absolviert und ließ sich für ihre großformatige, mit weißer Kreide auf schwarzem Loden entstandene Arbeit „120 bis 160 Grad“ von der Datumsgrenze und den dort gelegenen „Inseln des vorigen Tages“ inspirieren.

Zu ihrem Werk „Geteilte Schlacht“ – zwei an der Diagonale geteilte und neu angeordnete Quadrate – ließ sich die Künstlerin von mittelalterlicher persischer Miniaturmalerei anregen. Schmidt erforscht, wie sich dichte Arrangements von gestaffelten Kämpfern auflösen lassen, um am Ende Bildräume neu zu gestalten. Das klingt viel komplizierter, als es schließlich ist. Wird sie gefragt, ob sie mit ihren Neuarrangements solcher historischer Vorbilder auch die Gegenläufigkeit von West und Ost aufzulösen gedenkt, lächelt Jasmin Schmidt bejahend. Es besteht also Hoffnung.

Ausstellung läuft bis 16. Februar

Ausstellung: „3 x junge Kunst“ läuft bis 16. Februar im Kunst- und Gewerbehaus in Regensburg.

Termine: Tony Kobler führt am 26. Januar und 9. Februar (je 14 Uhr) durch die Schau, Anmeldung vor Ort. Ein Gespräch mit den Künstlerinnen ist am 26. Januar (15 Uhr).