Cham hat große Pläne mit der Kläranlage und investiert zehn Millionen Euro in das Wachstum der Zukunft

Kaum sieht das neue Seniorenheim seiner Vollendung entgegen, da hat die Stadt schon ein neues Millionenprojekt an der Backe – die Kläranlage. Wenn die drei geplanten Bauabschnitte vollzogen sind, werden rund zehn Millionen Euro als Investition im Haushalt stehen. „Und ein Wert der Kläranlage von 50 Millionen“, vollendet Bürgermeister Martin Stoiber.
Auf dem Tisch der Zentrale des Klärwerks liegen große Pläne. Stoiber erklärt sie gemeinsam mit Abwassermeister Josef Mühlbauer und seinem Tiefbau-Ingenieur Josef Ried. Der Hintergrund: Als eine neue Genehmigung fällig wurde, hat das Landratsamt eine neue Überrechnung gefordert. Die ist jetzt da und erfordert eine groß angelegte Sanierung. „Wenn die vorbei ist, sind wir mit unserer Kläranlage auf absehbare Zeit zukunftsfähig“, sagt Stoiber.
Riesige Menge Abwasser
Derzeit ist die Kläranlage ausgelegt auf einen Einwohnerwert von 38 200. Der Einwohnerwert (EW) beschreibt die Summe der Schmutzfracht aller angeschlossenen Einwohner. Sie ergibt sich aus den Frachten der Abwässer aus Privathaushalten und Gewerbe. Die Zahl der Chamer Einwohner liegt derzeit bei rund 17 000. Die restlichen Abwassermengen sind dem Gewerbe zuzurechnen.
Wie die Rollen verteilt sind, das klärt ein Blick ins Internet. Dort hat die Stadt die Berechnungen der von ihr beauftragten Ingenieurgesellschaft für Abwassertechnik eingestellt. Die Einwohner von Cham werden dort auf insgesamt 18 490 Gleichwerte hochgerechnet. Die Molkerei folgt mit 10 750 und das Gewerbe mit 7620.
6105 Kubikmeter Abwasser
Dahinter stecken große Mengen Abwasser, die die Kläranlage an der Frühlingstraße täglich zu bewältigen hat. Die Chamer Bürger verbrauchen beim Waschen, Kochen, Duschen und Klospülen im Durchschnitt 2483 Kubikmeter Wasser pro Tag, die über den Kanal als Abwasser in die Kläranlage gelangen. Aus der Molkerei kommen täglich im Schnitt 2706 Kubikmeter und aus dem Gewerbe 916. Am Ende hat es die Kläranlage mit 6105 Kubikmetern Abwasser zu tun, die täglich gereinigt werden müssen.
Was zum Schluss aus den beiden Nachklärbecken mit insgesamt fast 1000 Kubikmetern Fassungsvermögen in den Regen überläuft, ist weitestgehend sauber. Abwassermeister Josef Mühlbauer stimmt zu: „Ja, man kann da drin schwimmen und den Karpfen stört es auch nicht.“ Die Kläranlage wird aber statt mit den angesetzten 38 200 Einwohnerwerten auch mit 49 999 fertig. Da ist Tiefbau-Ingenieur Josef Ried überzeugt. Die neue Überrechnung gibt ihm Recht und wurde jetzt vom Landratsamt auch als plausibel beurteilt. Allerdings sind die erwähnten Sanierungen und zum Teil auch Neubauten notwendig, weil manche Einrichtungen in die Jahre gekommen sind. Genau gesagt, stammen die ältesten Teile von 1973.
Sanierung am offenen Herzen
Es wird eine Herausforderung sein, weil die Sanierung praktisch am offenen Herzen stattfinden muss. Man kann so eine Kläranlage eben nicht einfach mal außer Betrieb nehmen und den Bürgern sagen, dass sie ihr Klo drei Jahre zunageln müssen.
Wie geht so etwas? Ein verständliches Beispiel ist das Schneckenpumpwerk. Es hebt das eintreffende Abwasser an und sorgt dafür, dass es anschließend im natürlichen Gefälle durch die ebenerdige Kläranlage laufen kann. Jede Schnecke fördert rund 140 Liter Abwasser pro Sekunde. Zwei Schnecken sind immer in Betrieb, eine ist in Reserve, für den Fall eines Defekts. Abwassermeister Josef Mühlbauer erklärt die Lösung: Die Schnecken werden einzeln getauscht. So läuft die Kläranlage praktisch immer im Normalbetrieb. Das Restrisiko: Während die eine Pumpe ausgebaut ist, fällt eine zweite aus. Auch dafür ist vorgesorgt: „Wir haben leistungsstarke Pumpen, mit denen wir im Notfall überbrücken können“, sagt Mühlbauer.
Riesige Dimensionen
Trotzdem sind die Dimensionen der Sanierung riesig. Die drei Belebungsbecken in denen Bakterien unter Sauerstoffzufuhr das Abwasser reinigen, haben alleine ein Fassungsvermögen von fast 6000 Kubikmetern. Vorgeschaltet sind Feinst-Rechen, Sand- und Fettfang.
Der Schlamm, der in den beiden Nachklärbecken auf den Boden sinkt, ist noch sehr flüssig. 50 Kubikmetern pro Stunde schafft der Bandeindicker, der mehr Festigkeit in die Masse bringt. Dann geht es in den Faulturm, der 2550 Kubikmeter Schlamm fasst, und das entstehende Gas in ein Blockheiz-Kraftwerk einspeist. Der Nachgeschaltete Schlammstapel-Behälter hat ein Volumen von weiteren 1000 Kubikmetern, bevor eine Zentrifuge 15 Kubikmeter Schlamm pro Stunde entwässert und die Trockenmasse der Schlammentsorgung zugeführt wird.
„Derzeit wird der Großteil davon wieder auf die Felder gefahren“, sagt der Abwassermeister. Die Preissteigerungen beim Dünger durch den Ukrainekrieg hätten diese Lösung wieder lukrativer für die Landwirte gemacht.
Und nochmal fünf Millionen
Wenn die Sanierung fertig ist, kann die Stadt statt bisher 850 Kubikmeter 1150 Kubikmeter Abwasser pro Stunde verarbeiten. Zwei von drei Bauabschnitten müssen bis Ende 2028 abgeschlossen sein. Für die investierten rund fünf Millionen Euro gibt der Freistaat eine Förderung von 70 Prozent.
Dann muss die Stadt eine neue Förderung beantragen und Planungen für die Sanierung von Faulturm, Gasverwertung, Schlammstapelbehälter sowie Lagerflächen und Werkstatt vorlegen. Da lauern noch einmal fünf Millionen Investition. Noch stehen auch Teile des Fuhrparks im Freien, weil die Ausrüstung samt Chemiebehältern viel Platz braucht. Tiefbau-Ingenieur Ried hat schon Pläne im Kopf: „Eine überdachte Garage mit Photovoltaik – das wär’s!“
