Der 14-jährige Berek Goldfeier überlebte Ghetto und KZ – in Regensburg wurde er ermordet

Von Isolde Stöcker-Gietl · 16. Januar 2025 um 17:30

Berek Goldfeier hatte nach dem Zweiten Weltkrieg ein Ziel: Gemeinsam mit seinem Bruder wollte er nach Israel ausreisen. An der Donau legten sie im Dezember 1945 eine Zwischenstation ein. Diesen Aufenthalt in Regensburg bezahlte der Schüler mit dem Leben. Autorin Waltraud Bierwirth ist sicher: Hier waren Antisemiten am Werk.

Es ist eine schmale Akte. Nur wenige mit Schreibmaschine befüllte Blätter der Ermittler. Ein paar Bilder, ein Zeitungsbericht. Sehr dünn. Zu dünn, um einen Mord aufzuklären? Im Dezember 1945 starb in Regensburg der 14-jährige Schüler Berek Goldfeier. Ein jüdisches Kind, aufgewachsen in Polen, erst wenige Wochen zuvor in die Oberpfälzer Stadt gekommen – nach Jahren im Ghetto in Lodz, im KZ Auschwitz-Birkenau und einem Außenlager von Groß-Rosen. Seine Pläne, zusammen mit seinem Bruder Moshe nach Israel auszureisen, konnte Berek Goldfeier nicht mehr umsetzen. Er starb an einem kalten Dezembertag im Umfeld des Regensburger Bahnhofes. Erdrosselt mit einer fäkalienbeschmierten Unterhose.

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Im Staatsarchiv in Amberg wird bis heute die Akte zu dem ungeklärten Mordfall aufbewahrt. Die Ermittlungen wurden 1975 eingestellt. Eine konkrete Spur zu einem Täter gab es nie. Und auch die Hintergründe, die zu der Tat geführt haben, konnten nicht erhellt werden. Angenommen wurde ein Raubmord. Doch Berek Goldfeier hatte 1700 Reichsmark sowie kleinere Summen an Zloty und Rubel in der Tasche, als seine Leiche gefunden wurde. Es fehlten ein Siegelring mit Monogramm und eine Uhr, wie der Bruder feststellte.

Die Regensburger Autorin Waltraud Bierwirth hat sich Jahrzehnte später intensiv mit den Geschehnissen in jener Nacht befasst. Denn der Grabstein des Jugendlichen auf dem jüdischen Friedhof an der Schillerstraße hatte ihr Interesse geweckt. Die abgebrochene Stehle steht im jüdischen Glauben für ein jäh endendes junges Leben. Waltraud Bierwirth ist überzeugt, dass Juden auch nach dem Krieg ermordet wurden, weil sie Juden waren. Der Judenhass sei Monate nach Ende des Nationalsozialismus ja nicht ausgelöscht gewesen, sondern lediglich in die Hinterzimmer verbannt worden, sagt sie. Und noch etwas hält Bierwirth für denkbar: Dass die Regensburger Polizei im Fall des 14-Jährigen und der Ermordung einer jüdischen Familie in Regensburg zwei Jahre später – auch hier wurde Raubmord als Motiv angenommen – nicht mit der nötigen Akribie ermittelt hat. Denn es gibt nach den Recherchen Bierwirths weitere Parallelen zwischen den Morden. Alle Opfer waren im Ghetto Lodz. Dort waren Regensburger Polizisten für die Bewachung der Häftlinge eingesetzt und später auch für Deportationen eingeteilt. Unklar bleibt, ob diese Umstände bei den Ermittlungen in Regensburg eine Rolle gespielt haben könnten. Beweise, dass man sich von dort kannte, gibt es nicht, sagt Bierwirth.

„Ein antisemitischer Mord“

Die Autorin schreibt derzeit ein Buch über diese beiden Nachkriegsmorde, die sie als antisemitische Morde einstuft. „Die Handakte“ soll in diesem Jahr erscheinen. Es sei eine aufwendige Recherche gewesen, die sie unter anderem auch ins ehemalige Getto Lodz führte.

Berek Goldfeier kam Anfang Dezember aus dem Lager Friedland nach Regensburg. Am Tag seines Verschwindens wollte er sich von einem Bahnbediensteten warme Sachen zum Anziehen holen, so hatte er es Freunden gesagt. Danach hörten sie nichts mehr von ihm. Am Vormittag des 20. Dezember 1945 wurde er tot in einer Durchgangshalle zwischen Bahnhof und Postamt gefunden. Sein Körper war vor einer Reihe ausgebauter Heizkörper unter einem Sack Stroh versteckt, der mit einer Metalltür abgedeckt war. Ein Postschaffner fand den Toten zwischen dem Unrat. In der Mittelbayerischen Zeitung wurde tags darauf eine Suchmeldung zu dem schmächtigen Opfer veröffentlicht. Laut Obduktion hatte der junge Mann eine Strangulationsfurche am Hals, an dem die verdreckte Unterhose hing. Die Mittelbayerische schrieb: „Vermutlich handelt es sich um einen Ausländer.“ Sein Bruder identifizierte den 14-Jährigen.

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Ein Hilfslokführer geriet in dem Fall in Verdacht. Hinweise gab es auch auf ein Mitglied eines Rollkommandos und der Edelweißpiraten, einer bekannten Widerstandsgruppe junger Leute im Dritten Reich. Ein Mitglied der Gruppe wurde durch das amerikanische Militärgericht befragt. Ohne weiterführende Erkenntnisse.

Häftling unter Verdacht

Auch ein lediger Bauschlosser, der aus Untereinbuch im westlichen Landkreis Regensburg stammte, wurde überprüft. Der Mann saß bereits wegen des Verdachts, dass er einen Sparkassen-Verwalter und dessen Hausangestellte in Basel ermordet und die Ehefrau des Bankiers schwer verletzt hatte, in der Schweiz in Untersuchungshaft. „Ein „degenerativer Verbrechertyp klassischer Art sowie geistesschwach in erheblichem Grad“, heißt es über ihn in den Akten. Allerdings geht aus den Ermittlungen nicht konkret hervor, warum er im Zusammenhang mit dem Tod von Berek Goldfeier überhaupt ins Visier geriet. Letztlich verlief auch diese die Spur im Sand. In den Akten ist vermerkt, dass sich der Inhaftierte im Juni 1953 in seiner Zelle in Basel erhängte.

Berek Goldfeier wurde in Regensburg beigesetzt, seine sterblichen Überreste später nach Israel überführt. Sein Grabstein am Jüdischen Friedhof erinnert bis heute an den ungeklärten Mord.

Der ermordete Schüler Berek Goldfeier Foto: Bierwirth