Aus Jähzorn getötet: Zerbrochenes Glas kostet in Mitterteich ein Kind das Leben

1933 verschwindet in der nördlichen Oberpfalz ein Elfjähriger. Er war von seinen Eltern zu einem Botengang geschickt worden. Tagelang wird nach dem Kind gesucht und alles versucht. Aber auch die Resl von Konnersreuth kann nicht helfen. Der Mörder stirb später durch das Fallbeil.
Mitterteich. Auf dem Schwarz-Weiß-Bild, das seit fast 100 Jahren in den Gerichtsakten im Staatsarchiv Amberg liegt, sieht man einen schmalen Jungen, der ernst in die Kamera blickt. Seine Haare sind kurz geschoren, seine Ohren stehen leicht ab. Auf dem Foto trägt er eine karierte Jacke. „Ein ordentlicher Bursche, zuverlässig, bescheiden und brav. Er war die Freude seiner Eltern“, ist über den Elfjährigen in den Gerichtsprotokollen zu lesen. Der Schüler Josef Fischer wurde im Juli 1933 in Mitterteich (Lkr. Tirschenreuth) von seinem Vater zum Abholen der Militärrente und zum Kirschenkaufen geschickt. Doch er kehrte von diesem Botengang nicht zurück. Die verfaulten Kirschen fand die Polizei zwei Wochen später in der Mitterteicher Glasfabrik. Dort, wo man auch jenen Mann fand, der für den Tod des Buben verantwortlich gemacht wurde.
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Ein Mord an einem Kind – damals wie heute ein Verbrechen, das die Menschen erschüttert. Die alten Zeitungsberichte lassen noch erahnen, was seinerzeit im dörflichen Umfeld von Mitterteich los war. Der ganze Ort suchte tagelang nach dem verschwundenen Jungen. Die Eltern waren völlig verzweifelt und versuchten alles, um Josef wohlbehalten zurückzubekommen. In einem Zeitungsartikel, der den Akten beiliegt, ist zu lesen, dass sie auch „zur Schwarzen Resl von Konnersreuth fuhren“ und versuchten, dort durch das Medium etwas zu erfahren. Doch auch die Mystikerin konnte keine Hinweise geben.
Im Kartoffelacker entdeckt
Zehn Tage später dann die traurige Gewissheit: Ein Glasmacher entdeckte inmitten der Kartoffelacker und Kornfelder in Sichtachse zu den großen Hallen der Glasfabrik die Leiche. Der Junge musste schon mehrere Tage dort gelegen haben, notierte die Polizei. Ein angewinkeltes Bein war ein wichtiges Indiz, dass das Kind dort nur abgelegt wurde und der Fundort nicht der Tatort war. Rechtsmediziner, die heute akribisch jedes noch so unbedeutend scheinende Detail an Fundort und Opfer dokumentieren und so die Kriminalpolizei unterstützen, gab es in jener Zeit zwar, aber mit weitaus weniger Bedeutung für die Ermittlungsarbeit. In den 1930er Jahren kam es vor allem auf die Zeugenbefragungen an. Und wichtige Zeugen gab es auch im Fall Josef Fischer.
Die Nachricht vom Tod des Buben muss sich damals wie ein Lauffeuer im Ort verbreitet haben. Die Zeitungen veröffentlichten am nächsten Tag Bilder von Trauben von Schaulustigen, die sich an den Absperrungen versammelt hatten. Auch der trauernde Vater wurde an der Fundstelle fotografiert, wie er mit gesenktem Haupt die Bergung mitverfolgte. Persönlichkeitsrechte kannte man damals noch nicht.
Nazis verändern den Ton
Als Josef Fischer starb, war Adolf Hitler gerade ein halbes Jahr an der Macht. Ein neuer politischer Geist wehte – auch durch die damals ärmliche Nordoberpfalz. Der Tonfall änderte sich. Das ist vor allem in jenen Teilen der Mordakte zu erkennen, in denen es um den Täter geht. Alex Schicker, damals Platzwart in der Glasfabrik, wurde von Beginn der Ermittlungen an als Schuldiger präsentiert. An einer Stelle heißt es über den 50-Jährigen: „Ein Schädling schlimmster Art.“ Er wurde als „falsch, hinterlistig, rechthaberisch, rücksichtslos, herzlos und brutal“ beschrieben. Dabei gab es auch andere Zeugenaussagen. Er sei zwar jähzornig gewesen, hieß es, aber im nächsten Moment auch wieder herzensgut.
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Drei Tage nach dem Leichenfund war der Mann ins Visier der Ermittler geraten. Bei einer Befragung stritt er zunächst alles ab. Doch die Ermittler hatten an der Hose des Jungen rote Farbe, Eisenoxyd, gefunden, wie es nur in der Glasfabrik Verwendung fand. Schicker, selbst Vater von vier Kindern, arbeitete seit zehn Jahren dort. Den Polizeiprotokollen zufolge galt er als gefürchtet unter den Arbeitern. Auch zu seinen eigenen Kindern soll er keine liebevolle Beziehung gepflegt haben, ist in den Akten vermerkt.
Die Staatsanwaltschaft Weiden, die Kriminalpolizei Nürnberg und die Gendarmerie vor Ort legten sich schnell auf ihn als Täter fest. Auch weil sie in der Polier, am Arbeitsplatz von Schicker, die inzwischen verdorbenen Kirschen fanden. Zudem gab es Zeugen, die Schicker und den getöteten Bub zusammen gesehen haben wollten. Schließlich legte der Mann ein Geständnis ab. „Der Knabe ist nicht verunglückt, ich habe ihn in der Polier erschlagen. Er hat Signalgläser hinuntergeworfen. Beim Klirren sprang ich auf und schlug ihm mit einer Latte auf den Kopf.“ Dass er den Jungen zuvor beobachtet hatte, um an die 50 Reichsmark zu kommen, die er für seinen Vater bei der Postsparkasse holen sollte, stritt Schicker vehement ab. Die Ermittler waren hingegen überzeugt, dass Schicker das Kind auf dem Fabrikgelände auf den Kopf geschlagen, ausgeraubt und dann erwürgt hatte. Die Leiche hatte er nachts mit dem Fahrrad zum 200 Meter von der Fabrik entfernten Kornfeld gebracht. Die Zeitungen titelten: „Neue Sensation im Mitterteicher Knabenmord“ und berichteten über das Geständnis.
Die Väter kannten sich
Als Schicker vor dem Landgericht Weiden der Prozess gemacht wurde, kam heraus, dass der Angeklagte und der Vater des ermordeten Buben sich gut kannten. Am 15. März 1934 verurteilte das Gericht Schicker zur Todesstrafe – die wegen der Beisetzung von Reichskanzler Paul von Hindenburg am 6. August kurzfristig verschoben werden musste. Auch damalige Nazi-Größen aus der Region ersuchten um „Eintrittskarten“.
Schicker beharrte darauf, dass alles ein unglücklicher Zufall war. In den Protokollen heißt es: Schicker habe vor seinem Tod gebeichtet, gebetet und sein Schicksal ergeben angenommen.