Doppelgängermord von Etterzhausen: Versicherungsbetrug endet unter Fallbeil

Von Isolde Stöcker-Gietl · 8. Dezember 2024 um 19:00

Es gibt Kriminalfälle, die bleiben in Erinnerung. In einer neuen Serie stellen wir Verbrechen vor, die in den im Staatsarchiv Amberg verwahrten Justiz-Akten nachzulesen sind. Der Fall Kurt Tetzner schrieb Geschichte in der Rechtsmedizin. Seine Idee, ans schnelle Geld zu kommen, endete mit seiner Hinrichtung.

33 Sekunden. Das Spektakel folgt einer erprobten Inszenierung. Die aus München-Stadelheim angelieferte Fallschwertmaschine im Innenhof des Landgerichts Regensburg ist mit einem schwarzen Vorhang verhüllt. Scharfrichter Johann Reichhart trägt Frack und Zylinder, der Todeskandidat ein weißes Büßerhemd. Auf einem Tischchen ist ein Kruzifix mit zwei brennenden Kerzen aufgestellt, davor spricht ein evangelischer Pfarrer ein letztes Gebet, bevor die Glocken zu läuten beginnen und der letzte Akt beginnt. 33 Sekunden. Dann verkündet Reichhart: „Die Strafe ist vollstreckt!“ Kurt Tetzner ist tot. Geköpft am 2. Mai 1931, weil er einen unbekannten Menschen ermordet hat, um seinen eigenen Tod vorzutäuschen.

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Auch jetzt, fast 100 Jahre später, lassen einen beim Lesen die im Staatsarchiv Amberg verwahrten Ermittlungs- und Gerichtsakten zum sogenannten Doppelgängermord von Etterzhausen (Lkr. Regensburg) nicht kalt. Ganz oben in dem dicken Stapel, den Archivar Dr. Till Strobel zusammengesucht hat, liegt der Akt, in dem die letzten Tage im Leben des aus Leipzig stammenden Kaufmanns detailliert dokumentiert sind. Vom abgelehnten Begnadigungsgesuch und der Mitteilung des Hinrichtungstermins über die technische Prüfung des Fallbeils bis zur Abrechnung des sogenannten Nachrichters, der Kosten über 822,68 Reichsmark aufführt.

Auch damals gab es Sensationsjournalismus

Es ist eine Mischung aus Sensationslust und Nüchternheit, mit der hier über das Ende eines Menschenlebens verhandelt wird. Die Unterlagen belegen etwa, dass es auch damals schon eine Art Sensationsjournalismus gab. Ein Berichterstatter schreibt sogar einen Brief an das Gericht, um an einen der begehrten Zuschauerplätze zu kommen: „Anfügen erlaube ich mir noch, dass ich bei den vorhergehenden hiesigen Hinrichtungen stets zugelassen wurde und dass meine Berichterstattung streng objektiv, kurz, ohne Sensation und ohne jede politische Färbung ist.“ Auch zwölf Honoratioren aus dem Regensburger Stadtrat nehmen als Zeugen teil. Darunter sind Namen von Geschäftsleuten, die man heute noch in der Stadt kennt.

Dass das Leben von Kurt Tetzner, der wenige Tage vor der Hinrichtung 24 Jahre alt geworden war, in Regensburg endet, ist wohl eher ein Zufall. Der von ihm verübte Mord hätte auch an jedem anderen Ort passieren können. Tetzner lebte in Leipzig und arbeitete vor seiner Inhaftierung bei einem Münchner Verlag als Handelsreisender. Doch gute Geschäfte machte der junge Mann mit Büchern und allerlei Krimskrams nicht. Das Luxusleben, das er sich erhoffte, war von seinem Auskommen nicht finanzierbar.

Deshalb träumte er von einem Erbe, das so aber nicht zu erwarten war. Bis ihm die Idee kam, sich selbst zu beerben. Mit einem vorgetäuschten Tod, den er zuvor durch Lebensversicherungen mit hohen Summen absicherte – so wie er es bereits einige Monate zuvor bei seiner krebskranken Mutter getan hatte. Als sie starb, musste die Versicherung knapp 10.000 Reichsmark zahlen.

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Mit dem Geld genoss Tetzner einen ausgedehnten Urlaub mit seiner Frau an der Ostsee. Genau das Leben, das er künftig führen wollte. Tetzners Ehefrau bestätigte nach ihrer Festnahme die kriminellen Pläne: „Mein Mann sagte, er wolle zunächst Versicherungen abschließen und dann seinen Wagen auf der Chaussee explodieren lassen.“

Von all dem wusste der Gendarmerieposten von Etterzhausen nichts, als er am 27. November 1929 auf der Bundesstraße 8 zwischen Etterzhausen und Mariaort (Lkr. Regensburg) von Augenzeugen zu einem brennenden Opel 4, einem sogenannten Laubfrosch, gerufen wurde. Bei Kilometerstein 9 fanden sie nicht nur das Fahrzeug, sondern auch menschliche Überreste, die sie zunächst dem für das Fahrzeug registrierten Halter Kurt Tetzner zuordneten. In dem in den Akten liegenden Polizeibericht wurde eine Explosion des Treibstoffs als mögliche Unglücksursache vermerkt. Die verkohlte Leiche brachte man ins Leichenhaus nach Kneiting und verständigte die Ehefrau in Leipzig.

Doch die Ermittlungen nahmen schnell eine überraschende Wende. Ein erster Verdacht keimte auf. Der Kneitinger Bürgermeister sprach von einem „sehr eigentümlichen“ Verhalten der Gattin. „Die Tetzner machte nicht den Eindruck einer trauernden Frau. Sie benahm sich so, als ob sie an den traurigen Unfall ihres vermeintlichen Ehemannes ziemlich teilnahmslos wäre. Sie machte gar keine Anzeichen, als ob sie ihren Ehemann nochmals sehen wollte und fuhr in derselben Nacht gleich wieder zurück“, diktierte er fürs Protokoll.

Spur führt zu einem Wandersburschen

Zwei Tage später notierte der Gendarmerieposten in Etterzhausen, dass Tetzner seinen Unfalltod mit hohen Versicherungssummen abgesichert hatte. Zu diesem Zeitpunkt ging man noch von einem Selbstmord aus, doch die Ermittlungen wurden ausgeweitet. Und eine Meldung in den Münchner Neueste Nachrichten weckte die Aufmerksamkeit der Ermittler. Dort berichtete ein 21-jähriger Wandersbursche , von einem Opel-Fahrer überfallen worden zu sein. Der Vorfall ereignete sich in Gaimersheim, in der Nähe von Ingolstadt. Das Opfer sagte demnach, er wisse nicht, was der Mann mit ihm vorhatte. Erst habe er wegen einer Panne um Hilfe gebeten und dann mit einer Eisenstange auf ihn eingeschlagen. Dem Opfer gelang ein Gegenschlag, wobei er den Unbekannten über dem Auge verletzte. Eine Verletzung, die man bei der späteren Festnahme Tetzners noch sehen konnte.

Die Grenzen der kriminaltechnischen und rechtsmedizinischen Möglichkeiten der damaligen Zeit waren begrenzt, wohl auch deshalb ging der Fall Tetzner später in die Geschichte des Rechtsmedizinischen Institutes in Leipzig ein. Denn auf Drängen der Versicherungen, die wegen der Versicherungssumme von 145.000 Reichsmark von Anfang an Zweifel an einem Unfall hegten – zumal die Policen erst sechs Wochen zuvor abgeschlossen worden waren – fand eine Obduktion statt. Und dabei stellte der Rechtsmediziner fest, dass der Tod nicht erst durch das Feuer eintrat. Denn weder in der Mundhöhle noch im Kehlkopf, im Rest der Luftröhre oder im Lungengewebe war Ruß zu finden. Und der Mediziner stellte außerdem fest, dass es sich bei dem Toten nicht um Kurt Tetzner handeln konnte. Diese Erkenntnisse gewann er unter anderem aus den zarten Knochen, die nicht zu Tetzners stämmigem Körperbau passten. Zudem sicherte er rotblonde Schamhaare am Opfer. Tetzner war ein dunkler Typ.

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Um die Identifizierung zu erschweren, hatte er wohl die Schädeldecke des Toten verschwinden lassen. Wer das Opfer war, konnte nie geklärt werden. Der Täter behauptete in seinen Vernehmungen, dass der junge Mann einen Namen mit J getragen und in München gearbeitet habe. Angeblich als Schneidergeselle. Außer zwei Geschwistern soll er keine Angehörigen mehr gehabt haben. Ob irgendetwas davon der Wahrheit entsprach, fand man nicht heraus. Um das Menschenleben habe er sich wenige Gedanken gemacht: „Auf einen Handwerksburschen kommt es nicht so darauf an, wie auf einen Verheirateten oder einen Mann in Lebensstellung“, schrieb Tetzner in der Haft nieder. Und rühmte sich für seinen Plan. „Der Gedanke war schlau, die Ausführung dumm. Die Geldsumme war das Treibende der Tat.“

Gefasst wurde Kurt Tetzner am 2. Dezember 1929 in Straßburg. Von dort aus hatte er zwei Mal versucht, Kontakt mit seiner Frau aufzunehmen. Weil deren Telefon überwacht wurde, observierte die Polizei das Postamt. Tetzner lief ihnen direkt in die Arme. Bei den weiteren Ermittlungen kam heraus, dass der Leipziger auch per Zeitungsanzeige nach Reisebegleitern als potenzielle Opfer für seinen Betrug gesucht hatte. Doch die Kandidaten wurden allesamt misstrauisch. „Bei Zweien ist es nicht gelungen, beim dritten wird es klappen“, sagte Tetzner vor dem Mord in Etterzhausen zu seiner Frau. „Und wenn es jetzt nicht klappt, können wir uns gleich aufhängen.“

„Er zeigt keine echte Reue“

Der Prozess begann am 17. März 1931 vor dem Regensburger Schwurgericht. Der Presserummel muss riesig gewesen sein. Auch Journalisten aus dem Ausland reisten an, um den als skrupellosen Mörder dargestellten Tetzner auf der Anklagebank sitzen zu sehen. Landgerichtsdirektor Engert und seine Beisitzer Huber und Bauer verurteilen ihn nach sprichwörtlich kurzem Prozess wegen Mordes zur Todesstrafe und einer Zuchthausstrafe von zwölf Jahren, Emma Tetzner zu vier Jahren Gefängnis wegen Beihilfe zum Mord. Ein psychiatrischer Gutachter sagte vor Gericht: „Er zeigt keine echte Reue, er bedauert nur das Misslingen der Tat.“

Mit der Nüchternheit, mit der er den Mord geplant hatte, sah Tetzner auch seiner wenige Wochen später vollstreckten Todesstrafe fast schon gelassen entgegen: Zu einem Wachtmeister sagte er: „Ich habe mir die Suppe eingebrockt und muss sie auch auslöffeln.“ Emma Tetzner ließ ihren Mann nach der Hinrichtung nicht beerdigen, sondern übergab seinen Körper der Anatomie in Erlangen. Ihre Begründung findet sich bis heute in den Akten im Staatsarchiv: „Ich habe kein Geld.“Historische KriminalfälleSerie: Mit den ausgewerteten Akten über den Doppelgängermord in Etterzhausen starten wir eine neue Serie über historische Kriminalfälle in Ostbayern. In loser Folge wenden wir uns Verbrechen zu, die im vorigen Jahrhundert für Aufsehen sorgten.

Staatsarchiv: Für die Serie greifen wir auf Akten zurück, die im Staatsarchiv in Amberg aufbewahrt werden. Die Akten dürfen für die journalistische Arbeit unter bestimmten Voraussetzungen zugänglich gemacht werden. Geprüft werden dafür unter anderem Persönlichkeitsrechte und Schutzfristen.

Gerichtsakten: Im Staatsarchiv werden unter anderem die Akten der drei Landgerichte der Oberpfalz in Regensburg, Amberg und Weiden ab 1879 aufbewahrt. Dabei handelt es sich um zusammen ca. 37.000 Akten mit 378 laufenden Metern. Das Schriftgut der Staatsanwaltschaften Amberg, Regensburg (mit Zweigstelle Straubing) und Weiden umfasst zusammen ca. 18.200 Akten und 320 laufende Mater und reicht bis ca. 1920, für Amberg bis 1850 zurück. Die Akten der Staatsanwaltschaft Weiden aus der Zeit nach 1945 beinhalten zahlreiche Ermittlungsverfahren gegen Ärzte, Kommandanten, Aufseher des KZ Flossenbürg.

Zeitungen berichteten über den Fall. Foto: Staatsarchiv Amberg
Mit einem solchen Fallbeil wurde Kurt Tetzner getötet. Für den Akt wurde die Maschine aus Stadelheim angeliefert. Foto: Weißbrod/dpa
Kurt Tetzner (links) wurde 1931 im Innenhof des Landgerichts Regensburg hingerichtet. Foto: Droemersche Verlagsanstalt Zürich