Syrer plant erste Heimreise: Seit fast zehn Jahren hat Mohamad (24) seine Eltern nicht gesehen

Von Benedikt Baumgartner · 14. Januar 2025 um 15:42

Einen Direktflug gibt es noch nicht. Mohamad Alyamani wird Anfang Februar mit seinem Bruder Wael in ein Flugzeug nach Istanbul steigen. Von dort geht ein Anschlussflug – nach Damaskus. Erstmals seit ihrer gemeinsamen Flucht vor fast zehn Jahren kehren die Brüder von Regensburg zurück nach Syrien.

Von der Hauptstadt fahren sie mit dem Bus in ihre Heimatstadt Idlib. „Dort hat die Befreiung angefangen“, sagt Alyamani stolz. Und erleichtert. Ohne den Sturz des Assad-Regimes könnte er nicht nach Syrien fliegen.

2015 hat er seine Heimat verlassen. „Wir mussten raus aus Idlib“, erzählt der 24-Jährige. Die Angriffe Assads seien zu massiv geworden, „es ging ums Überleben“. In einem Zeltlager in den Bergen an der türkisch-syrischen Grenze fand die Familie Zuflucht. Die beiden Brüder machen sich nach ein paar Wochen auf den beschwerlichen Weg nach Europa. „Berge rauf, Berge runter, über das Meer – mein Vater und meine Mutter sind schon alt, die hätten die Flucht nicht geschafft“, sagt Alyamani zur Trennung von seinen Eltern. Nach monatelanger Flucht kommen er und sein Bruder Wael in Deutschland an.

Wochenlang keine Nachricht von den Eltern

Kontakt zu ihren Eltern können sie nur spärlich halten. Wenn Vater und Mutter Verbindung zum Internet oder Telefonnetz haben, geben sie ein Lebenszeichen von sich. Dazwischen liegt oft wochenlang Stille, immer wieder müssen sie bei Angriffswellen aus ihrem Haus in das Zeltlager flüchten. Ein Besuch war für die Söhne unmöglich, solange das Assad-Regime Bestand hatte. Auch in Deutschland hatte Alyamani noch Angst vor dem ehemaligen Machthaber. „Ich habe ja erlebt, wie er bombardiert hat, wie er Leute umgebracht hat.“ So etwas könne man nicht vergessen.

54 Jahre Diktatur enden

Mohamad und Wael sind gut angekommen in Regensburg, haben Arbeit gefunden in einem Sicherheitsdienst. Beide sind mittlerweile eingebürgert. Mohamad möchte eine Ausbildung zum Elektriker beginnen, wenn er wieder zurück aus Syrien ist. Nun sind seine Gedanken aber bei der Heimreise. „Das ist ein Gefühl, das man schwer beschreiben kann“, sagt er rund drei Wochen, bevor er seine Eltern sehen wird. „Man glaubte irgendwann nicht mehr, dass Assad wieder weggeht. Das war das größte Problem, dass man die Hoffnung verliert.“ 54 Jahre lang regierten Baschar al-Assad und sein Vater Hafiz über Syrien. Dann wurden sie innerhalb von Tagen gestürzt.

Sprechen ohne Angst: „Das ist Freiheit“

Neben dem Wiedersehen mit seinen Eltern, Tanten und Onkeln freut sich Alyamani vor allem auf syrisches Essen. „Falafel, Hummus nach der richtigen, frischen Art.“ Und dass man jetzt in Syrien in Ruhe essen könne, ohne Angst etwas gefährliches zu sagen. „Das ist Freiheit.“

Drei bis vier Wochen wollen er und sein Bruder in der alten Heimat bleiben und sich ein Bild vom Zustand des Landes machen. „Wir sind alle gespannt, wie das neue Syrien sein wird“, sagt Alyamani. Die Zerstörung seiner Heimat kennen die beiden nur von Videos. „Das macht mich schon traurig“, sagt Mohamad Alyamani, „aber wir dürfen nicht den Mut verlieren, wir müssen Syrien wieder aufbauen.“ Deutschland diene doch als bestes Beispiel, nach dem Zweiten Weltkrieg habe das Land nach dem Wiederaufbau einen Aufschwung erlebt. Diese Geisteshaltung will Alyamani nach Syrien tragen. „Ich möchte eine Brücke zwischen den Ländern sein.“ Es sei eine sehr schöne Sache, wenn sich zwei Kulturen kennenlernen.

Syrien als Touristen-Magnet?

Viele Syrer seien in Deutschland aufgenommen worden, nun lädt Alyamani Deutsche ein, Syrien zu besuchen. Er schwärmt von der reichen Geschichte, dem wunderschönen Land. In Syrien will der Deutschsyrer von der Unterstützung hierzulande erzählen: „Was Deutschland mir angeboten hat, werde ich nie vergessen.“

Tourismus kann sich freilich erst entfalten, wenn Syrien stabil und sicher ist. Alyamani ist optimistisch. Zwischen der Bundesregierung und den syrischen Machthabern ist erster Kontakt aufgenommen worden. Dass nach dem Besuch von Außenministerin Baerbock vor allem über die ausgebliebene förmliche Begrüßung durch Milizenführer al-Scharaa gesprochen wird, verstimmt Alyamani. „Ich hätte ihr die Hand gegeben“, sagt er. „Aber das heißt nicht, dass er ein schlechter Mensch ist.“ Der Deutsch-Syrer fürchtet die neuen Machthaber nicht. In der Region Idlib hätten sie schon jahrelang die Macht inne und haben keinen islamistischen Staat eingerichtet.

„Syrer waren nie islamistisch“

Entsprechend hält er es für „unwahrscheinlich“, dass Syrien nun ein Gottesstaat wird. „Syrer waren nie islamistisch“, beteuert Alyamani. „Jahrhundertelang haben dort unterschiedliche Religionen – Muslime, Christen, Juden – zusammengelebt.“ Noch liegt ein langer Weg des Wiederaufbaus vor Alyamanis Heimatland. „Es gibt oft keinen Strom, kein Trinkwasser, keine Schulen, keine Universitäten. Syrien ist noch nicht zum Leben geeignet“, sagt er. Irgendwann könne er sich aber vorstellen, wieder dauerhaft in Syrien zu leben. Für seinen Bruder sei eine Rückkehr schwieriger. Vier Kinder hat er, alle sind in Deutschland geboren, gehen hier in Kindergarten und Schule.

„Die syrisch-deutsche Zukunft wird gut sein“

Viele Syrer werden aber zurückgehen in ihre Heimat, prophezeit Alyamani, nicht nur zum Urlaub, sondern dauerhaft. Der Kontakt nach Deutschland, ob geschäftlich oder persönlich, werde bleiben, ist Mohamad Alyamani überzeugt: „Die syrisch-deutsche Zukunft wird gut sein.“

Wer darf reisen?

Eingebürgert: Für Mohamad und Wael Alyamani ist die Reise nach Syrien kein Problem. Sie haben die deutsche Staatsbürgerschaft erlangt und können reisen, wohin sie wollen.

Asylbewerber: Schwieriger gestaltet sich die Lage für Geflüchtete, die auf Anerkennung ihres Asyl-Antrags warten. Ihnen droht beim Besuch des Heimatlandes in der Regel die Aberkennung ihres Schutzstatus.

Ausnahme: Nun hat Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) angeregt, syrischen Asylbewerbern eine einmalige „Erkundungsreise“ in ihr Heimatland zu gestatten. Maximilian Kall, Sprecher des Bundesinnenministeriums, erläuterte: „Es ermöglicht erst freiwillige Rückkehr nach Syrien, wenn sich Menschen auch ein Bild machen können, ob Häuser noch stehen, ob Familienangehörige zum Teil noch leben und ob sie in ihrer Heimat wirklich sicher sind.“ Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) machte bereits einen vergleichbaren Vorschlag.