Das sagen Syrer in Regensburg: Eine Rückkehr ist für viele jetzt keine Option

Machthaber Baschar al-Assad ist aus Syrien geflohen. Seit wenig später das gefürchtete Saydnaya-Militärgefängnis geöffnet wurde, weiß der Regensburg der Mahmoud Alhamwi aus Damaskus: „Mein Bruder ist tot.“
Jahre habe die Familie nicht gewusst, ob der Mann noch lebt. Ein Mitinsasse habe Alhamwis Eltern nun am Dienstag traurige Gewissheit verschafft. „Ich telefoniere jeden Tag mit meinem Vater. Meine Mutter steht unter Schock und redet nicht mehr“, berichtet der Mann, der ausgerechnet zu dem Zeitpunkt das Restaurant 1001 Nacht am Arnulfsplatz eröffnete, als gerade erste Nachrichten von der Eroberung Aleppos durch Hayat Tahrir al-Sham-Kämpfer (HTS) die Runde machten. Wie Alhamwi verfolgen viele Regensburger Syrer die Schlagzeilen jetzt wie gebannt.
Telefon aus Angst aufgelegt
Etwa Mohammad Almuhaimmed, der Anfang des Jahres aus Idlib nach Deutschland kam und bei einem Paketdienst arbeitet. Er beschreibt die Angst, die das Regime verbreitete. Die Sorge, überwacht zu werden, habe dazu geführt, dass seine Familie sofort den Hörer auflegte, als er sie anrief, um sie über den Sturz zu informieren. Inzwischen habe er mit seinen Leuten gesprochen und die Freude sei groß.
Aller Verluste in der Familie zum Trotz: Almuhaimmeds Großvater sei seit den 1980er-Jahren verschollen, die Spur seines Onkels und seines Cousins habe sich auf der Flucht aus Syrien verloren, ein weiterer Cousin sei bei einem Bombenanschlag gestorben. Er selbst hat eine große Narbe am Schlüsselbein, die er bei einem Angriff davongetragen habe. Der Sturz Assads sei überraschend gekommen. „Wir konnten uns das nicht vorstellen, weil er ewig in dem Land geherrscht hat“, sagt Almuhaimmed. Jetzt wünscht er sich, dass sich die Nachbarstaaten nicht in Syrien einmischen. „Syrien hat eine große Vergangenheit. Diese Phase kann das Land alleine meistern“, ist er sich sicher.
Sarhad Hannan aus dem Vorstand von Campus Asyl arbeitet als technischer Systemplaner im Bereich Heizung, Lüftung, Sanitär und absolviert ein berufsbegleitendes Studium. An dem Morgen, als er aufwachte und nicht klar war, wo sich Assad gerade befindet, habe er sich gefreut. Hannan hat inzwischen mit vielen Angehörigen und Freunden in Syrien gesprochen. „Alle freuen sich, manche haben aber auch Angst, Kurden oder andere Minderheiten haben große Sorge“, sagt er. Ihm komme es darauf an, dass die HTS nicht lediglich sagt, eine Demokratie zu errichten. „Das reicht nicht. Ich vertraue nicht darauf. Sie müssen es auch machen“, wird Hannan deutlich.
Wie geht es nun mit ihnen weiter? Angesichts der Situation in Syrien stellte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) Entscheidungen zu Antragstellenden aus dem Herkunftsland Syrien zunächst zurück. Alhamwi ist zwar eingebürgert, habe sich die Frage nach einer Rückkehr aber gestellt. „Ich habe eine Frau in Deutschland geheiratet und frage mich: Was passiert dann mit ihr? Es würde für sie alles so sein, wie hier damals bei mir“, sagt er. Nach seiner Ankunft in Deutschland sei er alleine gewesen und niemand habe ihn verstanden.
Zukunft in Deutschland
Almuhaimmed will im Moment nicht von einer Rückkehr reden, sondern hofft darauf, auf Dauer hier bleiben zu können. Hannan hat ebenfalls einen deutschen Ausweis und überlegt, ob er einmal für einen Urlaub nach Syrien zurückkehren könnte. „Jetzt ist es zu früh. Ich kenne die Lage nicht und weiß nicht, ob das überhaupt geht“, sagt er. Ein großer Wunsch, den er für Syrien hegt, ist, dass es dort in Zukunft ein Bildungssystem wie in Deutschland gibt. Vielleicht könne er ja helfen, es dorthin zu bringen, frage er sich.
Dass die Verfahren beim Bamf ausgesetzt wurden und es Debatten darüber gibt, ob Menschen nach Syrien zurückkehren sollen, kann Hannan nicht nachvollziehen. „Ich habe das Gefühl, dass das gesagt wird, weil Wahlen vor der Tür stehen“, vermutet er. Sicher freue er sich, dass Assad weg ist, das heiße aber nicht, dass es in Syrien sicher ist.
Ähnlich reagiert Michael Buschheuer, Vorstand bei Space-Eye: Er empfindet derlei Forderungen in mehrfacher Hinsicht als dumm. „In der syrischen Community gibt es viele Leistungsträger“, verweist er etwa auf Ärzte. Das seien hervorragend integrierte Menschen. Anstatt sie als Abgeschobene nach Syrien zu schicken, müssten sie als potenzielle Botschafter begriffen werden. „Die brauchen wir, um wirtschaftliche Beziehungen aufzubauen“, verdeutlicht Buschheuer. Auf diese Weise könne Deutschland von der Integration dieser Menschen profitieren.
Am Sonntag startet um 14 Uhr am Hauptbahnhof eine Demonstration für die Einheit Syriens und die Unterstützung der revolutionären Kräfte.
