Ausstellung in der Galerie Zink: Videoinstallationen mit Kriegswaffen und Munition

Von Michael Scheiner · 12. Januar 2025 um 16:50

Erkan Özgen, ein international stark beachteter „Künstler aus der Türkei“, stellt derzeit in Waldkirchen aus. Seine Schlüsselwerke – ähnlich eindrucksvoll wie Picassos berühmtes Monumentalbild Guernica – zeigen individuelle und kollektive Erfahrungen von Krieg und Ausgrenzung.

Waldkirchen. Ein Mann im T-Shirt geht durch eine ausgetrocknete, leicht hügelige Landschaft. In der Hand Werkzeug, mit dem er in einer Senke die rissige Erde aufzuharken beginnt. Als ihm das Loch tief genug erscheint, füllt er es mit Wasser aus einigen Plastikeimern und setzt umsichtig Fische in den lehmigen Tümpel. Dann nimmt er das Werkzeug, läuft einige Schritte weiter und gräbt ein weiteres Loch. Er wird dies, darin Sisyphos durchaus ähnlich, wieder und wieder tun. Man muss nicht groß Ahnung von Fischzucht haben, um zu erkennen, dass dieses ruhige Tun keine normale landwirtschaftliche Arbeit ist.

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Es ist eine neue Video-Arbeit von Erkan Özgen, ein international stark beachteter „Künstler aus der Türkei“, wie er selbst seine Herkunft aus dem kurdischen Diyarbakır in der Osttürkei umschreibt. Produziert wurde das Video von der Galerie Michael Zink in Waldkirchen, die auch die erste Einzelausstellung Özgens in Deutschland präsentiert. Die dokumentarisch anmutende Arbeit „Living Pits“, nach der die Ausstellung benannt ist, verweist auf die ökologische Verwüstung und Zerstörung natürliche Umweltbedingungen, die wir mit unserer Lebensweise selbst verursachen.

Menschen schaufeln ihr Grab

Gräbt man ein wenig tiefer bei dem Gedanken, stößt man vielleicht auf die Erkenntnis, dass wir als Menschheit dabei sind, unser eigenes Grab zu schaufeln. Der darin wuchernde Fatalismus kann und darf aber niemanden davon abhalten weiterzugraben, um mit „lebenden Gruben“ das empfindliche Gleichgewicht in der Natur und beim Klima mühsam wieder herzustellen. Auch das liest man in der existenziellen Art, wie der Video-Künstler das Thema behandelt.

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Drei weitere Videos und zwei Fotoarbeiten beschäftigen sich auf unterschiedliche Weise mit Konflikten, Traumata und Menschenwürde. Es sind Schlüsselwerke Özgens, die auf vielschichtige und ähnlich eindrucksvolle Weise wie Picassos berühmtes Monumentalbild Guernica, individuelle und kollektive Erfahrungen von Krieg und Ausgrenzung anschaulich darstellen. Am bekanntesten ist vermutlich „Wonderland“, die Geschichte eines 13-jährigen taubstummen Jungen aus Syrien. Mit seinem ganzen Körper erzählt er von der Flucht vor dem Islamischen Staat (IS) und macht damit die Gräuel dieser menschenverachtenden Terrorgruppe mit Händen und Füßen greifbar.

Um weibliche Selbstermächtigung und Besetzung des Raumes geht es in „Dark in Dark“. Eine mutmaßlich muslimische Frau entzieht sich mit einer unerwarteten Wendung religiösen und patriarchalischen Zwängen. Das zunächst in Mehrdeutigkeit angelegte Video in einer kargen Landschaft, durchzogen von einer Trasse aus Strommasten, rüttelt an den Stereotypen vom Wesen und der Stellung der Frau.

Unterdrückung der Frauen

Auf eine weniger subversive, weil direktere Weise, macht das Porträt einer Frau mit ins Haar gewickelten, leeren Gaskartuschen auf Gewalt und Kontrolle durch staatliche Organe aufmerksam, unter der vor allem Frauen zu leiden haben. Wie Hinkelsteine tragen Menschen in „Dead Souls“ ihren eigenen Grabstein mit fiktiven Todesdaten auf dem Rücken. Diese letzte Identität wirkt wie ein Mahnmal, ein schicksalhaftes Monument.

Auf die Notwendigkeit von Frieden pocht Özgen auch mit dem in Kalifornien mit Kriegs-veteranen aufgenommenen Video „Harese“. Waffen und Munition werden musikalisch genutzt und stellen damit indirekt die psychischen Schäden heraus, die durch Kriegseinsätze verursacht werden. Wie in allen Arbeiten werden universelle Probleme angesprochen, die gerade heute durch zahlreiche gewaltsame Konflikte, Migration, Menschenrechte und Klimawandel weltweit große Bedeutung haben.

Die Ausstellung „Living Pits“ von Erkan Özgen ist bis 23. Februar in der Galerie Michael Zink in Waldkirchen zu sehen.