Neustart mitten in der Pandemie: 2019 kam Lisa Huang aus China nach Zeitlarn

Von Daniel Pfeifer · 4. Januar 2025 um 15:00

Es war eine angespannte Zeit, in der Lisa Huang mit ihren drei Kindern aus China nach Deutschland kam: Vier Monate nach ihrer Einreise machten Berichte einer neuartigen Krankheit in einem Fischmarkt in Wuhan die Runden. Inzwischen haben sie in Zeitlarn ihre neue Heimat gefunden.

In Wald im Landkreis Cham lebte Lisa Huang Mitte 2020, als das Corona-Virus nach Deutschland kam. Im November zog die Familie nach Zeitlarn, als die Regierung harte Kontaktregeln beschloss.

Im Hintergrund schwang bei manchen Menschen immer wieder diese Überzeugung mit: Die Chinesen sind Schuld. „China-Virus“ nannten es einige, asiatische Menschen wurden argwöhnisch betrachtet. „Geh doch zurück nach China“, habe eine Frau mal gesagt. „In der Schule haben meine Kinder in dieser Zeit viel mitgekriegt, auch Rassismus“, sagt Lisa Huang. Als wäre es nicht schon schwierig genug gewesen, mitten in einer nie dagewesenen Pandemie in ein völlig fremdes Land zu kommen.

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Liebe und Verlust in China

Nach und nach jedoch, als die Lockdowns vorbei waren und die Familie immer besser mit deutscher Sprache und deutscher Bürokratie zurecht kam, wurde es leichter, erzählt Lisa Huang. Heute leben sie und ihre Kinder in einer lichtdurchfluteten Dachwohnung in Zeitlarn. Bei den Barmherzigen Brüdern in Regensburg macht sie derzeit eine Ausbildung zur Pflegekraft, im August schließlich wurde sie offiziell deutsche Staatsbürgerin.

Ihre Kinder haben ihr in dieser Hinsicht etwas voraus: Den deutschen Pass haben sie schon ihr Leben lang. Das ist auch der Grund, warum die Familie vor fünfeinhalb Jahren ihr Heimatland verließ. Lisa Huang, gebürtig aus einem Dorf nahe der Millionenstadt Chaozhou, traf den Vater ihrer Kinder vor 22 Jahren in Shenzhen. Der Deutsche arbeitete im Import-Export-Geschäft zwischen China und Deutschland. 16 Jahre waren die beiden ein Paar. Im November 2018 starb ihr Mann.

Plötzlich war Lisa Huang auf sich gestellt. Weil ihre Kinder keinen chinesischen, sondern einen deutschen Pass hätten, habe sie alle Schulgebühren selbst zahlen müssen – „unmöglich“, sagt sie. So beantragte sie ein Visum und verließ das Land mit ihren Kindern und vier Koffern mit den wichtigsten Habseligkeiten in Richtung Deutschland. Innerhalb von fünf Jahren lernte Lisa Huang fast fließend Deutsch: Eine gewaltige Herausforderung, sagt die heute 42-Jährige. Für sie ebenso wie für ihre Kinder. Hautnah erlebte sie mit, wovon viele Einwanderer berichten: Je jünger die Kinder sind, desto schneller gewöhnen sie sich an ihre neue Heimat. Ludwig, ihr Jüngster, habe innerhalb kürzester Zeit Deutsch gelernt, auch Monika schlage sich gut. Am härtesten traf es Theresa, die in China bereits die 7. Klasse besuchte. Alles kam zusammen: ein neues Land, eine andere Sprache, anderer Schulstoff und dann auch noch pandemiebedingt geschlossene Schulen. Trotz all dieser enormen Widrigkeiten schaffte sie den Abschluss. Unendlich stolz war Lisa Huang auf ihre Tochter, sagt sie. „Das war so ein glücklicher Moment.“

„Bayerische Direktheit“

Allein, erzählt sie, hätte es die Familie aber nicht geschafft. Die Integrationsstelle des Landkreises und ein Bekannter hätten von Anfang an mit Amtsangelegenheiten geholfen.Dafür ist sie sehr dankbar – wenn sie auch zu Beginn einige Zeit brauchte, um mit der Mentalität in Deutschland zurecht zu kommen. Vor allem mit der „bayerischen Direktheit“, wie sie sagt. Diese unterscheide sich stark von ihrer chinesischen Erziehung. „Es hat lange gedauert aber jetzt verstehe ich besser, dass das gar nicht unhöflich gemeint ist.“

In die Zukunft blickt sie hoffnungsvoll. In Zeitlarn und Regensburg fühle sie sich angekommen, obwohl (oder gerade weil) sie im Vergleich zu ihrer vorherigen Heimat, der 18-Millionen-Megastadt Shenzhen, winzige Dörfer sind. Für die Zukunft wünscht sie sich, ihre Ausbildung zu bewältigen, dass Tochter Monika es auf FOS oder gar Gymnasium schafft und dass Ludwig „brav bleibt“, sagt sie und lacht. Dann wäre sie schon zufrieden.

Vier Fragen an Lisa Huang

Was ist Ihr Lieblingsort in Zeitlarn und warum?

Lisa Huang: „Das Regendorfer Wehr. Im Sommer gehe ich dort picknicken und paddeln mit meinem Sohn. “

Was war der größte Kulturschock in Zeitlarn?

Huang: „Deutsche zeigen Emotionen nicht so einfach. Ich umarme immer gerne, aber das ist hier nicht so beliebt.“

Was ist das Interessanteste, das Sie hier erlebt haben?

Huang: „Vielleicht der Weihnachtsmarkt in Regensburg. Schon mein Partner hat früher von Weihnachtsmärkten erzählt. Das erste Mal Lebkuchen habe ich in China gegessen.“

Was ist Ihr Lieblingswort auf Bairisch?

Huang: „Freilich.“