Nevena Vrbarac aus Bosnien beherrschte nur zwei deutsche Sätze aus Netflix-Serien

Von Marion Koller · 1. Januar 2025 um 05:00

Für unsere Serie „Angekommen in Regensburg“ haben wir uns mit Nevena Vrbarac getroffen. Die 29-Jährige hat in Bosnien keine Zukunft für sich gesehen und nun in Regensburg ihr Glück gefunden.

Nevena Vrbarac arbeitet zurzeit im Nachtdienst. Für das Interview hat sie ihren Schlaf unterbrochen. Die Bosnierin ist ein paar Stunden früher in das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder gekommen. Im Büro der Marketingabteilung erzählt sie vom Wechsel nach Deutschland. Dass sie übernächtigt ist, sieht man ihr nicht an. Die 29-Jährige nimmt kein Blatt vor den Mund und lacht viel. Ihr Deutsch versteht man gut, doch mit einigen Redewendungen kämpft sie.

Nevena Vrbarac hat in Bosnien-Herzegowina keine Zukunft für sich gesehen. Seit dem Bürgerkrieg leide der kleine Staat unter Finanznot. „Es steht vielleicht noch Geld für die Grundschule zur Verfügung, aber nicht für eine Weiterbildung“, sagt sie. In ihrer Heimatstadt Socolac bei Sarajewo hat sie als Krankenschwester im Notfallzentrum gearbeitet. Die junge Frau wollte Qualitätsmanagement studieren. 16 000 Euro hätte das gekostet.

10.000 Euro Schmiergeld

Auch für forensische Psychiatrie interessierte sie sich. „Das Krankenhaus hat gesagt, wenn du 10 000 Euro zahlst, kriegst du einen Platz. Die Korruption in Bosnien ist eine Katastrophe.“ Wie hätte sie mit einem ein Nettogehalt von rund 500 Euro im Monat so eine Summe aufbringen sollen? „Dann habe ich gesagt, ich kann nicht mehr hier leben.“

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Im Internet entdeckte Nevena Vrbarac eine Anzeige der Bundesagentur für Arbeit zum Programm Triple Win (Dreifacher Gewinn), mit dem Deutschland Pflegekräfte anwirbt. Aus Bosnien-Herzegowina, von den Philippinen, aus Tunesien, Indonesien, Indien und Jordanien werden ausgebildete Fachleute vermittelt, die in Deutschland eine Anerkennungsqualifizierung durchlaufen. Nevena Vrbarac zögerte. „Ich hatte Angst, meine Unterlagen zu schicken, weil mein Deutsch nicht so gut war.“ Schließlich wagte sie es. Triple Win vermittelte sie an das Regensburger Krankenhaus, an dem 3800 Menschen aus 88 Nationen zusammenarbeiten.

Warum eigentlich Deutschland? Die 29-Jährige schätzt die vielen Möglichkeiten. Sie könne hier lernen und sich weiterentwickeln. Sie beherrschte aus Netflix-Serien zwei deutsche Sätze: „Ich liebe dich, mein Schatz“ und „Guten Tag“. Den ersten Sprachkurs absolvierte sie noch in Bosnien. In der Klinik antwortete sie nur mit Ja oder Nein, um sich nicht zu blamieren. Das Krankenhaus kümmerte sich um ein Apartment bei den Eckert-Schulen in Regenstauf. Nach der Arbeit besuchte sie einen zweiten Sprachkurs. Es sei schwierig gewesen. Nevena Vbarac hatte keine Freunde.

„Gott sei Dank habe ich jetzt genug“, ruft sie lächelnd aus. Im März 2024 sagte ihr die Stadtbau eine Wohnung im Westen zu. „Jetzt bin ich superzufrieden.“ Die Anerkennungsqualifizierung als Pflegefachkraft hat sie geschafft. Eine Spezialisierung auf Wundmanagement schwebt ihr noch vor. Das Deutsch perfektioniert die Bosnierin im Gespräch mit Kolleginnen und Patienten.

Natürlich fehlt Nevena Vrbarac die Familie in Socolac. Ihre Eltern und Geschwister leben dort. „Meine Mama und der Papa sind traurig“, sagt die Wahl-Regensburgerin. „Aber sie sehen, dass es mir gutgeht.“

Den Job verloren

Alle drei Monate fährt sie nach Bosnien – auch, um Burek, mit Fleisch gefüllten Teig, und Cevapcici zu essen. Die Wiedersehensfreude ist immer groß. Doch nach fünf Tagen habe sie meistens genug von Socolac. „Ich höre immer die gleichen Geschichten von Geldnot und einer katastrophalen Politik.“

Ihr Bruder (40), ein Lastwagenfahrer, und ihre Schwester (44), eine Verkäuferin, haben beide in diesem Jahr den Job verloren. Der Bruder wechselte zur Feuerwehr, doch die Schwester hat noch nichts Neues gefunden. Ab und zu jobbt sie im Restaurant des Onkels. Nevena Vrbarac ist glücklich über ihren Job und liebt die Altstadt. Ihre Leidenschaft ist die Fotografie. Oft nimmt sie den Dom ins Visier – und im Advent die Weihnachtsbeleuchtung.

Vier Fragen an Nevena Vrbarac

Was ist Ihr Lieblingsort in Regensburg und warum?

Nevena Vrbarac: „Der Domplatz. Dieser Dom ist wunderbar. Wenn ich dort bin, fühle ich Ruhe in mir.“

Was war der größte Kulturschock in Regensburg?

Vrbarac: „Die vielen Obdachlosen. Positiv überrascht war ich, dass die Leute nicht lachen, wenn ich deutsch spreche.“

Was ist das Interessanteste, das Sie in Regensburg erlebt haben?

Vrbarac: „Ich mag die Steinerne Brücke, die Donau, die Kultur, das Einkaufen hier. Alles ist interessant. Woanders würde ich nicht mehr hingehen. “

Was ist Ihr Lieblingswort auf Bayerisch?

Vrbarac: „Freilich und Servus.“ Was ist Ihr Lieblingsort in Regensburg und warum?

Nevena Vrbarac: „Der Domplatz. Dieser Dom ist wunderbar. Wenn ich dort bin, fühle ich Ruhe in mir.“

Was war der größte Kulturschock in Regensburg?

Vrbarac: „Die vielen Obdachlosen. Positiv überrascht war ich, dass die Leute nicht lachen, wenn ich deutsch spreche.“

Was ist das Interessanteste, das Sie in Regensburg erlebt haben?

Vrbarac: „Ich mag die Steinerne Brücke, die Donau, die Kultur, das Einkaufen hier. Alles ist interessant. Woanders würde ich nicht mehr hingehen. “

Was ist Ihr Lieblingswort auf Bayerisch?

Vrbarac: „Freilich und Servus.“