Sie musizierten und spielten Theater mitten im Krieg, mitten in Regensburg

Ein Buch erzählt vom reichen Kulturleben französischer Gefangener, die ab 1914 in Regensburg interniert waren. Die Publikation schenkt einen neuen Blick auf ein Kapitel der Stadtgeschichte.
Dass es in Regensburg während des Ersten Weltkriegs ein Kriegsgefangenenlager französischer Soldaten gab, war bis vor wenigen Jahren nur eine wenig beachtete Randnotiz der Stadthistorie. Mit dem zufälligen Erwerb der vollständigen Ausgabe der Lagerzeitung „Le Pour et le Contre. Journal hebdomadaire des Prisonniers de Regensburg“ im Winter 2008 durch die Staatliche Bibliothek Regensburg änderte sich die Quellenlage: Ein neues Kapitel der Stadtgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts öffnete sich weit und schärfte den Blick auf eine zeitlich begrenzte, aber erstaunlich lebendige Kulturenklave, die bisher größtenteils völlig unbekannt war.
Der Band „Mitten im Krieg. Mitten in Regensburg“, 2024 erschienen und von Isabella Treskow und Bernhard Lübbers herausgegeben, führt die reichen Erkenntnisse eines mehrjährigen Forschungsprojekts noch einmal zusammen, das in einer engen Kooperation der Staatlichen Bibliothek Regensburg mit der Universität Regensburg (Lehrstuhl für Romanistik) und mit Unterstützung des Kulturreferats Regensburg entstanden ist.
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Das Kriegsgefangenenlager auf der Fläche des einstigen Eisstadions am Unteren Wöhrd war nicht das größte seiner Art, im Oktober 1918 lebten dort aber immerhin bis zu 4700 Gefangene. Zwischen 1914 und 1919 waren dort vor allem französische Soldaten interniert, die in dieser Zeit ein reges, vielfältiges und eigenständiges Kulturleben entwickelten. „Sie gaben eine eigene Zeitung heraus, spielten Theater, schrieben und dichteten, musizierten und sangen, trieben Sport“, erzählt Bernhard Lübbers, Leiter der Staatlichen Bibliothek Regensburg. Dabei, so Lübbers weiter, darf nicht vergessen werden, dass das Leben in einem Kriegsgefangenenlager für die von den Kriegsereignissen traumatisierten und gezeichneten Internierten karg und entbehrungsreich war. Die kulturellen Aktivitäten waren die willkommene Abwechslung und Ablenkung von der harten Realität eines sonst monotonen und weitgehend isolierten Lageralltags.
Dass man sich dennoch mit der Umgebung befasste, zeigt eine bemerkenswerte, sechsteilige Stadtgeschichte von Autor Alfred Besancenot in den Herbstausgaben der zwischen Juli 1916 und April 1917 wöchentlich erscheinenden Lagerzeitung. Unter dem Titel „Ratisbonne á travers les âges – Regensburg im Wandel der Zeiten“ verfasste Besancenot nicht nur kenntnisreiche Abhandlungen der Stadtgeschichte von frühester Besiedelung bis in die Gegenwart, sondern forderte auch in seiner direkten Ansprache die Mitinhaftierten zu besonderer kunsthistorischer Aufmerksamkeit bei ihren Wegen durch die Altstadt auf.
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Von Theater- und Musikaufführungen im Lager zeugen aufwendig verfertigte Plakate und Programmhefte. Das zur Verfügung stehende Instrumentarium war limitiert, das Ensemble bestand 1916 neben einem Klavier aus fünf Geigen, einer Bratsche, einem Cello, einem Kontrabass, drei Flöten, einer Oboe und einer Posaune. Marcel Gennaro, der sich maßgeblich um das Kulturprogramm kümmerte, war nicht nur ein guter Musiker und Konzertdramaturg, sondern offensichtlich auch ein begnadeter Arrangeur. Er übertrug das klassische Repertoire und die Musik des „Café-Concerts“ auf die vorhandene Besetzung. Im Lagertheater „Ratis-Bouffes“ bediente man sich mit wenigen Ausnahmen weitgehend aus Stücken des Boulevardtheaters und besetzte gezwungenermaßen Frauenrollen mit Männern.
Das Buch verdeutlicht vor allem, wie sehr das reiche Kulturleben im Lager auch die unmittelbare politische, gesellschaftliche und soziale Situation der Kriegsgefangenen aufgriff und widerspiegelte, in manchen Momenten auch eine Ventilfunktion in der vorherrschenden Not und persönlichen Verzweiflung übernahm.
Die zahlreichen Autoren gehen weiter, stellen das Leben im Kriegsgefangenenlager in den Kontext der Zeit des Ersten Weltkriegs und beleuchten gesellschaftliche, kultur- und kunsthistorische Bezüge des französischen Mikrokosmos am Regensburger Donauufer. Eine spannende und erstaunliche Lücke, die das lesenswerte Buch kurzweilig schließt.
„Mitten im Krieg. Mitten in Regensburg. Französische Kriegsgefangene des Ersten Weltkriegs in der Donaustadt“, Herausgeber: Bernhard Lübbers & Isabella von Treskow. Das Buch ist erschienen im Universitätsverlag Regensburg, hat 136 Seiten und kostet 29,95 Euro.