Regensburger Publikum erlebt eine überragende Beethoven-Interpretation

Die Hofer Symphoniker, der Chor der Klangverwaltung und die Solisten lassen sich vom jungen Dirigenten Martijn Dendievel mitreißen, wagen viel – und ernten am Ende Standing Ovations für die Neunte.
Dirigent Martijn Dendievel (29) will „eine Geschichte erzählen, dem Publikum orchestrale Farben zeigen, die man nur live und in diesem Moment wahrnehmen kann, sowie bis an die Grenzen gehen, um die Botschaft des Komponisten zu transportieren.“ Das sind seine Ziele beim Dirigieren. Und alle löst er ein beim begeisternden Neujahrskonzert bei Odeon Concerte im Audimax.
Die Hofer Symphoniker in Maximalbesetzung, der Chor der Klangverwaltung und vier hochkarätige Solisten (Susanne Bernhard, Sopran, Sinja Maschke, Alt, Maximilian Schmitt, Tenor, und Thomas E. Bauer, Bass) bilden eine Crew, die sich von diesem jungen, höchst eloquenten Dirigenten mitreißen lässt, viel wagt, rasante Tempi ebenso wie unglaubliche dynamische Abstufungen mitmacht und auf das klare Dirigat sehr schnell reagiert. So durchsichtig, im Detail durchstrukturiert, ohne philisterhaft zu wirken, so abwechslungsreich, bunt und aufregend, voller überraschender Wendungen und raffinierter Dynamik, oft bis ins Extrem, hört man die Neunte selten.
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Vor 200 Jahren wurde sie uraufgeführt, „erstmals in der Geschichte der Sinfonie nicht bloß usuelles Einbeziehen der menschlichen Stimme; die Vertonung von Versen aus Schillers Hymne an die Freude im Finalsatz erscheint als Zielpunkt der gesamten Entwicklung. Dem Vokalpart, der in einer Doppelfuge gipfelt, gehen instrumentale Variationen über das ,Freuden’-Thema voraus und verzahnen den Kantaten-Schluss des Werks mit den vorangegangenen Instrumentalsätzen ebenso wie ein zunächst instrumentales, später vom Bass aufgegriffenes Rezitativ.“ Mit diesen prägnanten Worten fasst Musikkritiker Gerhard Dietel das Besondere an der Neunten zusammen.
Typisches von Beethovens Spätstil kennzeichnet die Musiksprache: Aufwertung kontrapunktischer Technik, dazu äußerte Simplizität (Trio-Thema) und bewusste Stilbrüche. Dem 19. Jahrhundert galt das Werk als Monstrosität und Verirrung, für Richard Wagner kennzeichnet sie den Übergang zum Musikdrama.
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Im Scherzo, das an zweiter Stelle steht, nimmt Dendievel die Tempi fetzig und schnell, baut differenzierte dynamische Steigerungen ganz lebendig auf. Alle Teile korrespondieren gut, manches ist flüchtig, anderes witzig und feingliedrig, nie plakativ. Das Adagio molto e cantabile entwickelt sich sanft und ruhig fließend, alles kommt ins Schwingen, dass es eine Freude ist. Die Bläser der Hofer Symphoniker, deren Chefdirigent Dendievel (er machte erst 2022 sein Masterexamen Dirigieren in Weimar) seit September ist, reagieren aufmerksam und im besten Sinne solistisch, die Streicher sorgen meist für betörende Klangfülle, decken aber nie andere Details zu.
Im vierten Satz brillieren die Celli mit betörendem Rezitativ, alles gerät sehr durchsichtig, klar aufgebaut. Die Solisten sind nie gezwungen, zu forcieren, singen fantastische Linien, der Sopran strahlt drüber. Der Chor klingt entschlackt und differenziert. Ein unglaublicher Gänsehautmoment auf die Worte „steht vor Gott“ bei der Fermate vor „Alla Marcia“ gelingt allen Beteiligten, bevor sich die folgenden Variationen mit Doppelfugati und Doppelfugen klanggewaltig, aber immer durchsichtig entwickeln. Mit unglaublicher Verve kommt man zum Schluss und erntet Standing Ovations für eine überragende Beethoven-Interpretation.
Den Namen dieses Dirigenten sollte man sich merken; er wird eine große Karriere machen.
