Mal schmissig, mal schmachtend: Regensburger Neujahrskonzert macht gute Laune

Das Philharmonische Orchester spielte mit großer Lust und viel Drive. Zeitweise fuhr der Rhythmus dem Publikum so in die Beine, dass es schwer fiel, still zu sitzen.
Mit einem Doppelgesicht blickt uns der Jahreswechsel an: Ausgelassenes Feiern verheißt er, gibt aber auch Anlass zu Besinnung und nachdenklichem Bilanz-Ziehen. Für ein paar entsprechend ernste Töne sorgt zum Schluss des Neujahrskonzerts des Philharmonischen Orchesters Regensburgs Intendant Sebastian Ritschel, als er den Ausblick auf die Zukunft des Theaters und den Dank an die Mitarbeiter seines Hauses mit mahnenden Worten verbindet, Demokratie und Frieden in unserem Lande zu bewahren.
Für fröhliche und temperamentvolle Feierlaune ist dagegen das Orchester unter seinem Leiter, Generalmusikdirektor Stefan Veselka, beim Konzert im Neuhaussaal zuständig. „All That Jazz“ steht als Motto über der Programmfolge, in der Sinfonik und Jazz in ganz unterschiedlicher Mischung zueinander finden.
Lesen Sie mehr: Fantastische Klangabenteuer beim Festival Sparks & Visions in Regensburg
„Prelude, Fugue and Riffs“: schon der Titel dieser das Konzert eröffnenden Komposition von Leonard Bernstein kombiniert europäische Tradition und genuin afroamerikanische Musikpraxis, wobei letztere überwiegt. Bigband-Sound wechselt hier mit Soli der Klarinette (Michael Wolf) und des Klaviers (Paolo Trojan), und trocken federnde Rhythmen fahren dem Hörer in die Füße, die stillzuhalten schwer fällt.
Manche „blue note“ des Jazz gibt auch der Partitur von Maurice Ravels anschließend aufgeführtem G-Dur-Klavierkonzert ihre spezielle Farbe. Den Solopart gestaltet der norwegische Pianist Håvard Gimse souverän: mit viel virtuosem Figurenwerk in den hellen Registern des Flügels, aber auch wunderbar abgetönter Nocturne-Stimmung im Adagio-Mittelsatz, der den Pianisten zunächst allein auf weiter Flur musizieren lässt.
Lesen Sie mehr: Axel Hacke begegnet der Härte der Lebens mit heiterer Lässigkeit
Am entspanntesten geht es nach der Pause zu, als zunächst in kammermusikalisch kleiner Besetzung Schostakowitschs „Suite Nr. 1 für Jazzorchester“ erklingt, in der der Jazz freilich, im Vergleich zu Bernsteins Direkt-Zugriff, stärker domestiziert erscheint. Hier, wie auch häufig sonst an diesem Abend, treten immer wieder einzelne Orchestermitglieder mit feinen Einzelleistungen hervor, mit viel Drive im Schlagzeug und mit großer Lust bei Violine (Sandor Galgoczi) und Bläsern, aus dem gewohnten Rahmen edel-polierten Musizierens zugunsten mancher „hot intonation“ auszubrechen. Da lässt auch Stefan Veselka ein ums andere Mal den gewohnten Taktstock sinken und übersetzt die Partituren lieber in Körpersprache, als ebenso eleganter wie impulsiver Vortänzer seiner Musikerinnen und Musiker.
Von Jazz kaum mehr einen Hauch verspürt man in der abschließend musizierten „Suite für Variete-Orchester“ von Schostakowitsch, bei der ähnliche Neujahrskonzert-Stimmung wie wenige Stunden zuvor im Wiener Musikvereinssaal aufkommt. Der auf seinen öffentlichen Porträts immer so grämlich blickende Komponist muss heimlich gegrinst haben, als er tief in die Kiste der Unterhaltungsmusik des 19. Jahrhunderts griff und seine Walzer und Polkas geradezu zur Über-Kenntlichkeit stilisierte, mal schmissig, mal schmachtend und vom Philharmonischen Orchester in opulenter Orchestrierung so präsentiert, dass die gute Laune von Stück zu Stück wuchs.
Alle Konzerttermine von „All That Jazz“ sind ausverkauft.