„s’Kracherl“ ist nun leider Geschichte: Warum ein Lebenstraum in Cham viel zu kurz geraten ist

Von Johannes Schiedermeier · 31. Dezember 2024 um 18:00

Irgendwann wird der Preis zu hoch. Auch für einen Lebenstraum. Und ein Lebenstraum, das war für Maximilian „Maxe“ Schließler sein Regionalladen in der Hafnerstraße. Als der Rest seines Budgets in das Sommerloch gefallen war, drehte er Anfang Dezember das letzte Mal den Schlüssel im Schloss. Nun steht es an der Tür: „s’Kracherl is leider zou!“

Viele seiner Stammkunden sind traurig, manche fassungslos und so ungläubig, dass sie das eindeutige Schild zwar lesen, aber ignorieren. Zwei Frauen wollen Tofu. Die Freundin ist bis aus München hergefahren, sagt sie.

Es hat an Vielem gelegen

Doch die Kühltheken sind unwiderruflich leer. „Es hat an etlichen Punkten gelegen, dass ich nur zweieinviertel Jahre durchgehalten habe“, sagt Schließler. Ein Laden mit regionalen Produkten, nachhaltig und mit Herz produzierten Lebensmitteln und mit möglichst wenig Verpackung: Dafür müsste es in Cham doch genug Kunden geben– meint man.

„Momentan überwiegt die Enttäuschung. Über die Fehler, die ich gemacht habe, aber auch über die Einstellung der Menschen zu einer regionalen und nachhaltigen Ernährung. Aber ich bereue außer meinen Fehlern nichts. Ich habe viel gelernt und ich habe was Neues vor.“ Es klingt am Ende versöhnlich, was Schließler als Fazit zieht, während er in seinem fast leergeräumten Laden sitzt.

Meilenweit vorbei an jeder Statistik

Alle Statistiken, die er vorher studiert hatte, haben am Ende der Realität nicht standgehalten. „Meilenweit vorbei“, sagt Schließler. Ernährung und Nachhaltigkeit seien nicht unter den TOP 5-Themen der Menschen. Eher das Vorzeigbare wie Urlaub, Kleidung, Auto, findet Schließler. Dann habe er selbst Fehler gemacht. Er habe unterschätzt, dass die Verpackung, die man selber mitbringt schwer ist und Parkplätze vor der Haustüre Mangelware sind. Für einen Außensitz für das kleine Cafe sei der Bürgersteig zu eng gewesen. Die Zylinder für die unverpackte Ware hätten die Wand gehört, nicht mitten ins Geschäft. „Das hat viel Platz gebraucht“, sagt Schließler.

Und am Ende sei einfach in der Hafnerstraße zu wenig los gewesen. Im Winter sei das Geschäft gelaufen, im Sommer sei er damit in ein Loch gefallen. Da habe es auch nichts genützt persönlich mit leichten Speisen und Salaten bei den benachbarten Büros der Innenstadt zu werben.

Budget aufgebraucht

Im Winter sei der Laden gut gelaufen. Im Cafe habe er sich eine gute Stammkundschaft insbesondere aus älteren Leuten aufgebaut. „Die haben mich zum Grillen eingeladen und ich habe ihnen das Internet eingerichtet“, erzählt Schließler. Nach manchen habe er am Samstag die Uhr stellen können. „Aber irgendwann geht dir dann das Geld für die Werbung aus und Mundpropaganda hätte mehr Zeit gebraucht, und die hatte ich nicht.“ Schließler hat sich ein Budget gegeben und das war irgendwann aufgebraucht: „Ich hab noch einmal etwas draufgelegt, aber am Ende hat alles nichts genutzt. Dann muss man aufhören, bevor man sich zu sehr verschuldet.

Jetzt geht Schließler zurück in seinen alten Job. „Das kann ich, das hab ich gelernt, und ich hab tolle Arbeitskollegen“, sagt er. Aber so ganz fertig ist er mit seinem Lebenstraum nicht. „Dazu bin ich zu sehr Idealist“, sagt Schließler und lacht. Der Further setzt nun auf seine Schwiegereltern in Prosdorf bei Waldmünchen. Dort soll es bald einen Hofladen geben. „Da mach’ ich mit“, sagt er. Das läuft dann aber nebenher. Später könnte er sich auch vorstellen, dass noch was ganz Neues kommt. Das sei aber noch nicht spruchreif: „Jetzt räume ich erst einmal noch einen Monat den Laden aus und bin zu Hause. Dann bau ich meine Schulden ab. Mir gehört hier alles, bis zur letzten Schraube“, erklärt er mit einer weit ausholenden Handbewegung.

Das ist einerseits kein Problem. Viele regionale Lieferanten haben ganz einfach zurückgenommen, was noch da war. „Weil wir uns immer gut verstanden haben“, sagt Schließler. Andererseits hat ihn die Wirtschaftskrise eingeholt, die sich derzeit aufbaut. Als er die Kühltheken zurückgeben wollte, da haben ihm die Hersteller erzählt, dass ihre Lager derzeit voll sind und niemand gerade einen neuen Laden eröffnet.

Wer braucht Kühltheken?

Vereine und Feuerwehren hätten sowas schon gebraucht, aber dort hat bisher niemand den Lagerplatz dafür gefunden. Und deswegen wartet Schließler noch immer auf Interessanten für zwei handliche Kühltheken, die noch im Laden stehen. Auch das teuerste Inventar steht noch da: die Portioniertheke mit den Zylindern für die unverpackten Produkte. „Ich schau mal, ob das vielleicht ein Hotel für das Frühstück brauchen kann.“

Schließler ist überzeugt, dass sein Lebenstraum trotzdem Zukunft hat: „Wir müssen hin zu einer regionalen und nachhaltigen Ernährung, wenn wir die Probleme in den Griff kriegen wollen. Wenn da jeder nur ein klein wenig umdenken würde, dann wäre schon ganz viel erreicht.“ Das klingt nach jemandem, der auf die nächste Chance wartet.

Leider zou — und zwar für immer: sKracherl in der Schwanenstraße ist Geschichte.