Helga Reiter – Jäger unter Generälen: Warum eine Reservistin es weit gebracht hat in Cham

Helga Reiter – Jäger der Reserve. So steht es unter all ihren amtlichen Schriftstücken. Sie ist klein, blond und von beachtlichem Durchsetzungsvermögen. Und sie hat es weit gebracht in einer Bundeswehr – mit Nichts auf den Schulterklappen. Nach 41 Jahren und drei Monaten Dienst hat sie nun den letzten Zentimeter ihres Maßbandes erreicht. „Lage Null“, wie das bei der Bundeswehr heißt, wenn der letzte Tag in ihren Diensten gekommen ist.
Bei mancher Schulung saß sie unter Generälen, hohen Politikern, Staatsanwälten... Respekt hat sie, Berührungsängste kennt sie nicht. So passt es auch gut, dass sie zwar ihr Berufsleben lang in den Geschäftsstellen des Reservistenverbandes unterwegs war, aber ihr „absolutes Highlight“ im typischen Bundeswehr-Jargon so beschreibt: „Teilnahme an der 20. Dienstlichen Veranstaltung zur Information des Heeres und für zivile Führungskräfte in Hammelburg mit Ernennung zum Oberleutnant auf Zeit und dadurch Erhalt des Status Reservistin.“
Sieben Tage Ausbildung
Da ist es wieder, dieses Talent der Bundeswehr, auch extrem spannende Sachverhalte so zu umschreiben, dass einem die Füße einschlafen. Helga Reiter hat im Juli 2026 nämlich bei einer siebentägigen Grundausbildung mitgemacht, die für ausgewählte Persönlichkeiten die Chance bietet praktisch im Durchlauferhitzer eine Soldaten-Ausbildung zu bekommen. Schießen, Gefechtsausbildung, ABC-Schutz, Sanitätsausbildung. Reiter erinnert sich noch an jede Sekunde. So saß sie im Zug nach Hammelburg mit der späteren Bundesbildungsministerin Anja Karliczek. Sie trafen sich später an der 30 Meter hohen Seilbrücke wieder. „Als Karliczek der Mut verlassen wollte, da hab ich zu ihr gesagt: Wenn ich es geschafft habe – und ich habe Höhenangst – dann kriegen Sie das auch hin. Sie hat es gemacht und war anschließend richtig stolz auf sich – zu Recht“, erinnert sich Reiter.
Glühende aktive Reservistin
Seitdem ist sie nicht nur in der Geschäftsstelle Des Verbandes eine Bank, sondern auch eine glühende aktive Reservistin. Sie ist ausgebildet am Sturmgewehr und an der Pistole. Sie hat mit dem Maschinengewehr geschossen und Gefechtsausbildungen mitgemacht. In den Jahren seit 2016 hat sie höchstens vier der alljährlich 10 bis 20 Dienstveranstaltungen der Reservisten versäumt.
Dabei kommt ihr zugute, dass man von ihr gefahrlos sagen kann, dass sie mit der Bundeswehr verheiratet ist, weil auch ihr Mann Hermann Reiter dort aktiv ist. So haben sich die beiden auch kennengelernt.
„Machen Sie halt!“
Heute sagt Helga Reiter rückblickend: „Es waren immer meine Reservisten. Und meine Devise war: Die Arbeit im Reservistenverband und das Reservistendasein muss man leben.“ Heute überlegt die Bundeswehr noch, ob die dienstälteste Angestellte im Reservistenbereich in Bayern nicht sogar bundesweit ungeschlagen sein könnte, was ihre Dienstzeit von fast 42 Jahren betrifft.
Mit 1800 Mitgliedern hat sie den größten Reservistenverband der Oberpfalz betreut und einen der größten Bayerns. Sie war in der Bezirks- und der Landesgeschäftsstelle, aber der Sprung ins aktive Reservisten-Dasein war in der Zeit seit 1983 das einschneidendste Ereignis. Bei ihren Vorgesetzten und bei den verschiedenen Kommandeuren hat sie immer ein offenes Ohr gefunden, wenn sie wieder einmal was Neues einführen wollte. „Machen Sie halt“, hieß es dann oft.Und Helga Reiter hat gemacht. Modenschauen, Tage der Offenen Tür, Marsch der Kreisgruppe, Kleiderschwimmen, Sommerbiathlon und nicht zuletzt die Organisation des Marsches der Verbundenheit im Landkreis Cham waren das Ergebnis. Manche, sagt sie, haben mir den Kreisverband nicht zugetraut. „Aber das hat mich als Frau unter so vielen Männern nur motiviert. Ich bion Löwe, und Löwen sind ehrgeizig.“
Der Tag Null
Nun naht er also, der Tag Null. Am 1. Januar. „Es war lang. Es war interessant, aber irgendwann ist es auch lang genug gewesen“, sagt Helga Reiter. Langweilig wird es ihr nicht, versichert sie. Sie betreut ehrenamtlich ihren kranken Cousin und kümmert sich um ihre Mutter. Und dann ist da ja noch der Reservistenverband. Der kennt das Ablaufdatum 65 nicht, das derzeit für aktive Reservisten gilt. „Da findet sich sicher auch noch Arbeit für mich“, sagt sie.
Sie hat viel erreicht in ihrem Arbeitsleben. Nur auf den Schulterstücken, da steht noch immer „Jäger“. Das ist der Grenadier in Grundausbildung und seine Schulterklappe ist leer. Daneben prangt an der Uniform die Goldene Schützenschnur. Die kriegt nur, wer die Waffen wirklich beherrscht. Es ist bezeichnend, dass Helga Reiter sie trotzdem hat, obwohl ihre Hände eigentlich zu klein sind für die Dienstpistole der Bundeswehr, die P8. Aber sie hat sich auch hier durchgebissen.
Den einen Balken auf der Schulter, den Gefreiten, den hätte sie sich noch gewünscht. Warum sie dafür eine Sicherheitsprüfung gebraucht hätte, weiß nur die Bundeswehr. Die hat bis zur Verabschiedung im Neuen Jahr noch 14 Tage Zeit, darüber nachzudenken.