Ein Chamer zwischen Feuer und Eis

Cham. Michael Sigl ist in Cham-West aufgewachsen. Damals ahnte er noch nicht, das das Klima dort allenfalls lauwarm ist, gemessen an seinen künftigen Lebensumständen: Er ist inzwischen Professor Doktor und forscht zum Thema Klima an Eisbohrkernen und Vulkan-Asche.
Grundschule in Cham, Abi am Fraunhofer, Zivildienst in den Behinderten-Werkstätten, Studium der Geografie in Regensburg. Klingt irgendwie genauso unaufgeregt wie Sigl selbst, wenn er über sein Leben spricht. Dabei waren seine Leistungskurse Chemie und Geschichte im Nachhinein betrachtet schon sehr richtungsweisend für den Chamer – alle Zeichen standen auf weite Welt.
Heute lebt er mit Frau und zwei Kindern (zwei und vier Jahre) in der Schweiz. Dort betreibt er am Paul-Scherrer-Institut direkt neben dem Kernkraftwerk im Aargau eine ganz andere Form der Kernforschung: Er untersucht Eisbohrkerne aus dem Altaigebirge in Sibirien, aus den Anden und den Alpen. Und das pressiert. Denn in drei Jahrzehnten wird es dort aufgrund des Klimawandels keine Eisbohrkerne mehr geben, sagt er.
Bohrkern, Rinde und Asche
Die Forschung hat ihn auch schon an das Desert-Research-Institut nach Reno verschlagen. Dort untersuchte er die Eisbohrkerne aus Grönland und der Antarktis. Die Forscher können die Bohrkerne auslesen wie ein Buch: Sie verraten ihnen Temperaturen, Luftbläschen enthalten Atmosphäre von Annodazumal, Klimagase und – die Asche von Vulkanausbrüchen. „So bin ich auf die Vulkane gekommen“, sagt Sigl.
Und der Professor Doktor kann seine Geschichten gut erzählen. Spannend und verständlich erklärt er, wie aus der Rinde uralten Bäume, Bohrkern-Inhalten und Schwefelgas-Einlagerungen von Vulkanausbrüchen Geschichte rekonstruiert werden kann. Zum Beispiel lebt in Ostkalifornien eine Grannenkiefer, die auch Methuselah genannt wird, weil sie das älteste Lebewesen der Erde ist und Baumringdaten zufolge 4853 Jahre alt. Das bedeutet, dass sie bereits weit verbreitet war, als die alten Ägypter die Pyramiden von Gizeh bauten.
Seit 2015 widmet sich Sigl in Bern der Klima- und Umweltphysik, die ohne solche Zeitzeugen nicht auskommt. Er ist Teil einer Vierergruppe aus Forschern, die von der EU für ihr Projekt zwei Millionen Euro bekommen hat. „Wir arbeiten im selben Gebäude wie Albert Einstein“, sagt Sigl und grinst.
Eine der Erkenntnisse aus der Forschung war: Der Einfluss von Vulkanausbrüchen auf Island auf das Klima ist größer als man geglaubt hat. Die Eruptionen dort sind zwar nicht so heftig, aber sie halten lange an.Nach 740 hat so ein Ausbruch 200 Jahre gedauert. Das haben die Forscher anhand entsprechender Einschlüsse nachgewiesen. „Jetzt geht es gerade wieder los“, sagt Sigl und glaubt, dass Island damit noch lange zu tun haben wird.
Die Arbeit der Forscher gleicht einem Puzzlespiel. 43 vor Christus – das sagt eine Schwefelablagerung in einem Bohrkern aus entsprechender Tiefe – hat es einen Vulkanausbruch gegeben. Sigls Team hat Gesteinsproben aus den Kratern von Vulkanen und kann so den Ort des Ausbruchs zuordnen.
Gleichzeitig schreibt Brutus, der Caesar-Mörder, über das schlechte Wetter in Rom, Konsul Marcus Antonius von einer Hungersnot, und Kleopatra über Hochwasser – das Puzzle ist fertig. Neben der zweifelsfreien Datierung des Ausbruchs sind auch noch die verschiedenen Wechselwirkungen dokumentiert. Denn Vulkan-Asche steigt bis in die Stratosphäre und reflektiert dort das Sonnenlicht. Dadurch wird es bis zu drei Grad kälter in den betroffenen Gegenden.
Es wäre also theoretisch möglich, Asche in die Stratosphäre zu schießen, um die Erwärmung abzumildern... Davon rät der Klimaforscher Sigl aber ab. „Das wäre nur ein Herumdoktern an Symptomen“, sagt er. Gleichzeitig räumt er ein, dass die Politik kaum reagiert, obwohl die Fakten zum Klimawandel alle auf dem Tisch lägen und dass das manchmal frustrierend ist.
Politisch schwierig
Aber er hat auch ein gewisses Verständnis: „Es ist halt politisch schwierig, einer Generation zu erklären, dass sie heute verzichten und Geld ausgeben muss, damit die nachfolgende Generation etwas hat. Deshalb liegt es nahe dass man versuchen wird, die Symptome zu bekämpfen. Politisch ist das ein Weg, wird aber von der Wissenschaft nicht empfohlen“, sagt Sigl. „Das ist, als könnte man die Heizung nicht mehr ausschalten und kippt dann das Fenster, um zu sehen, was es bringt. Letztlich ist es keine Lösung.“
Auch deswegen geht Sigl gerne in Schulklassen, er hält Vorträge und veröffentlicht in Zeitschriften. „Wir wollen, dass Wissenschaft zu den Menschen kommt“,sagt er.



