Kaminkehrerinnen bringen in Schwandorf Glück – Mehr Mädchen interessieren für Handwerk

Ein Lächeln zaubern sie wohl jedem Menschen auf das Gesicht. Kaminkehrer aus Marzipan oder Schokolade, und erst recht natürlich als echte Person, bringen Glück für das neue Jahr. Um ganz sicher zu gehen, dreht man am besten an den goldenen Knöpfen oder berührt die rußgeschwärzte Jacke.
Lange war diese Arbeit eine Männerdomäne, doch das hat sich geändert, genau wie das Berufsbild. Durch die Energiewende ist dieses Handwerk mitten im Wandel und steht vor großen Herausforderungen. Zwei 16-jährige Mädchen stellen sich diesen und absolvieren beim Obermeister der Kaminkehrer-Innung der Oberpfalz, Peter Wilhelm aus Schwandorf, im ersten Lehrjahr eine Ausbildung. Es ist ein Beruf der Zukunft, wissen Esther Büchhold aus Neukirchen bei Schwandorf und Alina Herrmann aus Unterwarnbach und berichten begeistert davon – auch ihnen bringe diese Tätigkeit Glück.
Aufs Dach erst mit 18 Jahren
Etwas erstaunt seien Freunde und Verwandte durchaus gewesen, manche hätten es anfangs gar nicht geglaubt, dass sich die beiden jungen Frauen für diesen ungewöhnlichen Weg entschieden haben, und auch viele Kunden seien überrascht und erfreut. Etwas Handwerkliches sollte es auf jeden Fall sein, erklärt Alina, die während der Realschule bei einem Praktikum, das ihr Vater ihr vermittelt hatte, Gefallen an diesem Beruf fand. „Die Arbeit ist abwechslungsreich und interessant, und man hat viel mit Menschen zu tun“, sagt die 16-Jährige. Natürlich sei man Wind und Wetter ausgesetzt, doch vor allem müsse man Tätigkeiten wie Messungen von Abgas- und Heizungsanlagen ausführen.
Den Menschen aufs Dach steigen dürfen die beiden Auszubildenden erst ab 18 Jahren. Doch das sei meist gar nicht mehr nötig, erklärt Meister Wilhelm (65): „Bei meiner Gesellenprüfung vor fast 50 Jahren musste ich noch in den Kamin rein und hochsteigen.“ Heute kehre man oft mit der sogenannten Haspel vom Dachboden aus.
In der Berufsschule werde man unter anderem in den Fächern Chemie, Technisches Zeichnen oder Fachrechnen unterrichtet – und man lerne jede Menge Vorschriften und Gesetze, erklärt Esther, die nach der Mittelschule ein Praktikum bei einem Heizungsbauer machte, dabei auf der Baustelle jedoch Wilhelm aufgefallen sei: „Sie hat überall mit angepackt und nicht nur zugeschaut. Das hat mir imponiert“, sagt der Meister und freut sich, dass sich Frauen für diesen Beruf interessieren.
Wilhelm ist auch Leiter der Ausbildungsstätte für den gesamten nordbayerischen Raum in Mühlbach bei Dietfurt und hat den Wandel miterlebt. Noch immer habe man zu wenig Fachkräfte in diesem Bereich, aber über Nachwuchssorgen brauche man nicht klagen, betont Wilhelm. Erstmals gebe es heuer vier statt drei Berufsschulklassen im ersten Lehrjahr, und von den 92 angehenden Kaminkehrern seien 19 Mädchen.
Wie kam aber nun diese Zunft zu der Ehre und Tradition, als Glücksbringer zu gelten? Das habe ihren Ursprung bereits im Mittelalter, als sie für Sicherheit sorgten, erklärt Wilhelm. Die Kaminkehrer, damals noch ein fahrendes Volk, das aus Italien stammte, fegten die Kamine, wo immer sie hinkamen, weil sonst Gefahr bestand, dass diese – und somit ganze Stadtviertel – durch den festgesetzten sogenannten Glanzruß in Brand gerieten. Allerdings mussten sie außerhalb der Stadtmauer übernachten.
Die Gesellen wurden Beschützer und Lebensretter und somit zu Glückssymbolen. Denn wo sie waren, war es sicher. Und die Menschen bedankten sich bei ihnen nicht nur mit Geld, sondern oft mit Naturalien: mit Geräuchertem, das ohnehin im Kamin hing, oder mit Eiern. Von diesem Brauch, so weiß Esther, käme sogar die Tradition, einen Zylinder zu tragen: „Darunter konnte man die Eier sicher nach Hause bringen.“ Wobei anfangs nicht jeder diesen „hohen Hut“ haben durfte, ergänzt ihr Chef. Es sei so lange ein Privileg herrschaftlicher Leute gewesen, bis ein Kaminkehrer einen Adeligen vor dem Ertrinken rettete – also wieder einmal Glück brachte. Ab da wurde der Kaminkehrerzunft der Zylinder erlaubt.
Brand- und Betriebsschutz
Bis heute sind diese Handwerker für Brand- und Betriebsschutz zuständig und haben eine wichtige Aufgabe. Auch die Tradition, ihnen am Jahresende etwas zu schenken, blieb erhalten – allerdings keine Eier mehr. Übrigens nennt man sie nur in Bayern Kaminkehrer, ansonsten in Deutschland und in Mittelfranken Schornsteinfeger. Seit längerem werde über eine Änderung der Berufsbezeichnung diskutiert, sagt Wilhelm. Denn durch die Energiewende weg von fossilen Brennstoffen könnten Kaminkehrer zukünftig vor allem als Berater für erneuerbare Energien tätig werden.
Wie immer ihr Beruf auch heiße, Alina und Esther haben ihren Platz gefunden, sagen beide strahlend. In ihrer Freizeit betätigt sich Alina bei der Feuerwehr, die ohnehin traditionell eng mit Kaminkehrern zusammenarbeitet, und Esther spielt Fußball. An die Zukunft denken beide bereits, so möchte Alina die Meisterprüfung machen. Bestimmt, so ist sie überzeugt, ist das Glück dabei weiter an ihrer Seite.
