Verheerender Luftangriff vor 80 Jahren war Kumpfmühls schwärzeste Viertelstunde

Ein Blick in die Historie: Auch Regensburg blieb vom Luftkrieg keineswegs verschont. Am 28. Dezember 1944 starben in Kumpfmühl 47 Menschen und Regensburgs ältester Stadtteil veränderte sich für immer.
Wie an jedem Samstag ist auch heute wieder Markttag in Kumpfmühl. Für die Kunden, die dort einkaufen, wirkt es so, als hätte es das bunte Treiben im Herzen von Regensburgs ältestem Stadtteil schon immer gegeben. Denn der Markt und sein Ort vermitteln einen stimmigen, historisch gewachsenen Eindruck. Doch dem ist nicht so. „Der Kumpfmühler Markt ist ein Resultat der Bomben des Zweiten Weltkriegs“, weiß Hubert Wartner, der Ehrenvorsitzende des Geschichts- und Kulturvereins Regensburg-Kumpfmühl (GKVR). Das verheerende Ereignis fand genau heute vor 80 Jahren statt.
Entgegen der landläufigen Meinung blieb Regensburg keineswegs verschont vom Luftkrieg. Wie Peter Schmoll, Autor zahlreicher Bücher zum Thema, recherchiert hat, war die Stadt zwischen August 1943 und April 1945 genau 20-mal das Ziel alliierter Bomber. Auch die als unversehrt geltende Altstadt wurde davon in Mitleidenschaft gezogen, die romanische Obermünsterkirche zum Beispiel wurde (mit Ausnahme ihres frei stehenden Glockenturms) vollständig zerstört.
„Glück“ hatte Regensburg insofern, dass die überwiegende Mehrzahl der Angriffe von den US-Streitkräften geflogen wurde. Im Gegensatz zu den britischen Flächenbombardements, bei denen ganze Städte in Schutt und Asche gelegt wurden, konzentrierten sich die Amerikaner auf kriegswichtige Industrieziele und das Verkehrsnetz. So traf der erste und zugleich größte Angriff die Messerschmitt-Flugzeugwerke im Stadtwesten, danach waren vor allem die Bahnanlagen mit Haupt- und Güterbahnhof im Visier. Die Zielgenauigkeit war für damalige Verhältnisse erstaunlich gut. Oft, aber eben nicht immer. Für Kumpfmühl als direkt angrenzenden Stadtteil war dies fatal, besonders an jenem 28. Dezember 1944.
Eine Zeitzeugin erinnert sich
„Dank Peter Schmoll wissen wir sehr viele Details über den Verlauf dieses Tages“, sagt der GKVR-Vorsitzende Rainer Girg. Demnach starteten um 8 Uhr 135 B-17 Bomber von den italienischen Stützpunkten um Foggia und Tarent aus ihren Flug in Richtung Norden. In Regensburg heulten die Sirenen um 11.20 Uhr, 45 Minuten später brach das Inferno über Kumpfmühl herein. Kurz, aber gewaltig. Nach einer Viertelstunde war alles vorbei. Doch das reichte, um das Leben von 47 Menschen zu beenden und Regensburgs ältesten Stadtteil für immer zu verändern.
„Die Liste der Zerstörungen ist dramatisch. Es gab in Kumpfmühl kaum eine Straße, die nicht Bombeneinschläge zu verzeichnen hatte“, fasst Girg die Dokumentation von Schmoll zusammen. Einige Beispiele: In der Kumpfmühler Straße wurden zahlreiche Gebäude schwer beschädigt und die Häuser 43 und 46 total zerstört, an der Stelle des „Zacher-Anwesens“ mit der Nummer 46 befindet sich heute der Marktplatz. Auch die namensgebende Kumpfmühle an der Ecke Gutenbergstraße/Am Mühlbach gibt es seit diesem Tag nicht mehr.
Die Niederkirche der erst vier Jahre zuvor geweihten Wolfgangskirche wurde ebenso zerbombt wie die Vorhalle der Theresienkirche. Etliche zerstörte Wohnhäuser waren zudem am Eisbuckel oder auch in der Simmernstraße zu beklagen. Eben dort, unter der Gaststätte Schmauskeller, befand sich ein Bunker. Hier suchte Sabine Keimes, damals ein kleines Mädchen, zusammen mit ihrer Mutter Schutz vor den Bomben. Girg hat sie als eine der letzten lebenden Zeitzeugen interviewt und erhielt eindrucksvolle Schilderungen: „Wir hörten die donnernden Einschläge, und Schutt und Staubwolken drangen ein. Meine Mutter hat später erzählt, dass ich immer kurz vor einem Einschlag zu weinen anfing – wie ein Tier, das die Gefahr wittert.“
Wie sich Keimes erinnerte, hat der Angriff vom 28. Dezember 1944 länger gedauert als alle anderen zuvor. Als er vorbei war, sah sie, dass er auch heftiger war als alle anderen und dass die lauten Einschläge tatsächlich nicht näher hätten sein können: „Nachdem die Sirenen endlich Entwarnung heulten, Hilfskräfte den Ausgang freigeschaufelt hatten und wir wieder ans Tageslicht kamen, gab es den Schmauskeller nicht mehr – über uns weggebombt!“
Doch das Mädchen sollte an diesem Tag noch eine andere Ruine sehen: Wo vor dem Alarm noch das Wohnhaus der Familie stand, türmte sich jetzt ein Schuttberg auf. „Der Erker, den Mutti so geliebt hatte, war noch teilweise stehen geblieben. Aus ihm ragte der geschmückte Weihnachtsbaum heraus, an dem zwei feine kleine Silberglöckchen heil geblieben waren“, schilderte Keimes ihre ebenso surrealen wie unvergesslichen Beobachtungen. „Ich hänge sie jedes Weihnachten an meinen Christbaum. Zur Erinnerung und als Mahnmal, wie gut es uns heute geht – im Frieden."
Andacht um 12 Uhr
Die Erinnerung an den 28. Dezember 1944 am Leben erhalten und zum Frieden mahnen will auch der GKVR. 2013 wurde auf Initiative des Vereins vor dem Bürgerheim Kumpfmühl ein Gedenkstein für die Opfer des verheerenden Luftangriffs enthüllt. Hier werden an diesem Samstag um 12 Uhr im Rahmen einer Andacht, an der auch Bürgermeisterin Astrid Freudenstein teilnimmt, Kerzen entzündet.
Gemäß einer Idee von Wartner und Prälat Alois Möstl, dem langjährigen Pfarrer von St. Wolfgang, läuten seit 2014 an jedem runden und halbrunden Jahrestag während der Zeit des damaligen Bombardements die Glocken von St. Wolfgang und St. Theresia. So wird es auch an diesem Samstag um 12.15 Uhr sein. Genau zu der Zeit also, an dem die letzten Kunden des Samstagsmarkts ihre Einkäufe erledigen. An dem Ort, der vor exakt 80 Jahren Schauplatz eines Infernos war.

