Teenager wegen Amoktat am BKH Regensburg vor Gericht: Opferfamilie fordert Antworten

Von Isolde Stöcker-Gietl, André Baumgarten · 18. Dezember 2024 um 16:00

Wenige Tage vor Weihachten hat unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen und unter Ausschluss der Öffentlichkeit der Prozess gegen einen von Gewaltfantasien getriebenen 15-Jährigen begonnen. Die Familie des erstochenen Siebenjährigen sieht in dem Fall auch ein „Systemversagen“ und fordert Aufklärung.

Das Justizgebäude in Weiden gleicht am Mittwochmorgen einem Hochsicherheitsgelände. Polizei- und Justizbeamte sichern den Außenbereich, ein zusätzlicher Sichtschutz ist montiert und für die Medienvertreter gibt es weitreichende Verbote für Video- und Fotoaufnahmen. Das alles dient auch dazu, einen Teenager abzuschirmen, der wegen Mordes an einem Kind und versuchten Mordes an einem Lehrer und einem Pfleger angeklagt ist.

Prozess gegen 15-Jährigen findet ohne die Öffentlichkeit statt

Dennis V. wird von der Polizei als hochgradig gefährlich eingeschätzt, genießt aber aufgrund seines Alters besonderen Schutz. Dazu gehört, dass der Prozess gegen den 15-Jährigen ohne die Öffentlichkeit stattfinden wird. Hinter verschlossenen Türen. Auch, um Dennis V. nicht weiter zu stigmatisieren, wie es im Vorfeld hieß. Für die Eltern des getöteten Siebenjährigen ein schwer zu ertragendes Vorgehen, wie sie in einem Schriftwechsel mit der Mediengruppe Bayern offenbaren. Sie fragen: „Welche Sicherheitsmaßnahmen wurden am Bezirksklinikum ergriffen, um die Kinder vor Dennis V. zu schützen?“

Familie des toten Kindes fragt: „Warum vor Weihnachten?“

Dass der Prozess gerade jetzt, wenige Tage vor Weihnachten, beginnen muss, ist für die Familie des getöteten Jungen eine zusätzliche seelische Belastung, beklagen sie. Überhaupt hat es eine seltsame Anmutung, als Dennis V. um 8.26 Uhr – vorbei an weihnachtlich geschmückten Häusern und blinkenden Lichtergirlanden – in einem hellbraunen Transporter am Justizgebäude vorgefahren wird. In der Stadt wird eine friedvolle Stimmung zelebriert, mit der der junge Mann vermutlich so gar nichts anfangen kann. Denn seit seinem 13. Lebensjahr hat sich der aus der Nordoberpfalz stammende Schüler in Internetforen immer weiter radikalisiert. Anfang 2023 soll er ein Schulmassaker geplant haben, in seinem familiären Umfeld wurde von der Polizei Sprengstoff sichergestellt. Seitdem befand er sich in der geschlossenen Kinder- und Jugendpsychiatrie.

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Dennis V., ein sehr schmaler junger Mann, trägt bei seiner Vorführung ins Gerichtsgebäude weiße Sneaker, Jeans und einen schwarzen Hoodie. An Hände und Füßen ist er gefesselt. Schwarz uniformierte USK-Spezialkräfte lotsen ihn über einen Kellerabgang direkt in den Sitzungssaal, wo Strafverteidiger Dr. Georg Karl bereits auf ihn wartet. Der Saal ist mit Absperrbändern gesichert, alle Ausgänge sind doppelt mit Wachen besetzt. An Dennis V.s Bein sitzt die elektronische Fußfessel, die er als einziger Jugendlicher in Deutschland tragen muss. Verteidiger Karl will sich im Vorfeld nicht zum Vorgehen im Prozess äußern. Auch nicht zu der Frage, ob Dennis V. selbst etwas zur Aufklärung des Sachverhaltes beitragen will oder den kompletten Prozess über schweigt.

Foto in Kampfpose mit einem Fleischermesser

Die Generalstaatsanwaltschaft München, die die Anklage führt, sieht in der Tat, die sich am 26. Oktober 2023 in der Schule für Kranke und der Tagesklinik der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Bezirksklinikum Regensburg abspielte, Mord und zweifachen versuchten Mord. Heimtücke und niedrige Beweggründe sollen ihn geleitet haben. Der Jugendliche hatte unmittelbar vor dem tödlichen Angriff ein Foto von sich in Kampfpose mit einem auf das Klinikgelände geschmuggelten Fleischermesser auf Instagram gepostet.

Nebenkläger wollen keine Statements abgeben

Minuten später, startete er zu einer nur schwer fassbaren Tat: Vor dem Schul-Klo traf er auf den damals 63-jährigen Lehrer und stach ihn nieder. Durch eine offene Tür gelangte er danach in die Ambulanz, wo er den Siebenjährigen so schwer verletzte, dass dieser am nächsten Tag starb. Ein Pfleger rang den jungen Täter auf einem Gang nieder und wurde dabei ebenfalls verletzt.

Die Familie des getöteten Buben wird von Rechtsanwältin Narine Schulz vertreten, der Lehrer hat Michael Haizmann ein Mandat erteilt, der verletzte Pfleger Anwältin Iris Nickl. Auch die Nebenkläger wollen keine Statements abgeben. Interessantes Detail am Rande: Die hessische Polizei hat eine eigene Beobachterin in den Prozess entsandt. Die Hintergründe für dieses Interesse an dem Fall sind unbekannt.

Erste Zeugen zur Tat von Oktober 2023 werden gehört

Die Pressestelle des Landgerichts Weiden teilte vorab mit, dass nach Verlesung der Anklage zunächst die Polizei und unmittelbare Zeugen der Messerattacken befragt werden. Insgesamt sind 30 Zeugen und vier Sachverständige geladen. Viel Raum dürfte die Frage einnehmen, in welchem Umfang Dennis V. zum Tatzeitpunkt schuldfähig war. Die Gutachter gehen davon aus, dass die Schuldfähigkeit zwar aufgrund einer schweren seelischen Störung erheblich vermindert, aber nicht aufgehoben war.

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Für die Familie des getöteten Kindes, dessen Name auf ihre Bitte hin nicht veröffentlicht wird, gibt es eine Reihe Fragen, die sie gerne in dem Prozess beantwortet hätten. Etwa, warum tagelang nicht aufgefallen ist, dass der Jugendliche bei einem Wochenendbesuch zu Hause zwei Fleischermesser eingesteckt hatte. Die Familie würde auch gerne wissen, weshalb der Teenager überhaupt solche Gewaltfantasien entwickeln konnte. Und sie fragt: „In welcher Form übernimmt das medizinische Personal am Bezirksklinikum nach dieser Tat Verantwortung?“ Hier habe ein ganzes System versagt.

Und noch etwas wiegt sehr schwer für die Eltern des getöteten Buben: Die Familie von Dennis V. habe keine Anteilnahme für die Opfer gezeigt. „Bis heute kam kein Beileidsschreiben und keine Nachricht“, sagen sie.

Medien durfte nur den leeren Sitzungssaal besichtigen und Aufnahmen machen. Danach wurde er für Zuhörer geschlossen. Foto: Stöcker-Gietl
Die Sicherheitsvorkehrungen in und um das Weidener Landgericht waren kaum zu übersehen. Foto: Baumgarten