Vor Blutbad am Regensburger BKH: Messerstecher (14) plante Amoklauf an Oberpfälzer Schule

Der 14-Jährige, der am Donnerstag ein siebenjähriges Kind und einen Mitarbeiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie niederstach, war bereits zuvor als „Gefährder“ eingestuft worden. Im Januar stellte die Polizei Sprengstoff bei ihm sicher. Er plante ein Schulmassaker.
Das Foto im sozialen Netzwerk Instagram ist schockierend: Der 14-Jährige hat ein Schlachtermesser in der linken Hand. Er trägt Handschuhe, schwarze Kleidung und ein tief in die Stirn gezogenes Cap. Das Handy verdeckt sein Gesicht, als er auf den Auflöser drückt und sein Spiegelbild abfotografiert. Die Aufnahme, deren Löschung die Polizei mittlerweile veranlasst hat, ist in einer Toilette der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Regensburg entstanden – kurz vor einer Tat, die fassungslos macht: Ein siebenjähriger Junge und ein 63-jähriger Mitarbeiter ringen seit Donnerstagvormittag um ihr Leben. Inzwischen steht fest: Es war nicht die erste Bluttat, die der 14-Jährige plante. Schon vor seiner Unterbringung in Regensburg im Januar zeigte sich, wie ernst es ihm mit seinen Absichten war. Die Behörden sahen in ihm schon damals einen „Gefährder“.
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Seine Vorgeschichte: Gemeinsam mit einem befreundeten 13-Jährigen fasste er im Laufe des vergangenen Jahres konkrete Pläne für ein Massaker, das er an einer Schule in der nördlichen Oberpfalz verüben wollte. Die Polizei fand im Januar, nachdem Sicherheitsbehörden auf Chats aufmerksam geworden waren, Industrie-Sprengstoff und Softairwaffen sowie weitere verbotene Gegenstände im Wohnhaus der Familie im Landkreis Neustadt an der Waldnaab. Das Gerücht verbreitete sich damals im Ort wie ein Lauffeuer, denn der Jugendliche stammte aus einer nach äußerem Anschein gutbürgerlichen Familie, die es vor Jahren aus Norddeutschland in die Oberpfalz verschlagen hatte.
Für seine Pläne hatte sich der Teenager in Internetforen ausgetauscht und sich wohl davon inspirieren lassen. Ob Columbine High, Erfurt oder Winnenden: Er hatte sich gefühlt so ziemlich über jedes Schulmassaker weltweit informiert. In einer Chatgruppe diskutierte er mit anderen Teilnehmern über den Tatplan.
Messerstiche im Bezirkskrankenhaus Regensburg: Vorgehen erinnert an Münchner OEZ-Attentäter
Sein Vorgehen erinnert an einen 18-jährigen Attentäter, der 2016 in München aus rassistischen Motiven neun Menschen erschoss. Auch er hatte sich zuvor in Foren über Waffen und Massenmorde ausgetauscht. Das lässt die Dimension der Pläne des jungen Oberpfälzers erahnen. Er wollte womöglich einen Amoklauf von großer Tragweite umsetzen. Wäre es dazu gekommen, wären Menschenleben in höchster Gefahr gewesen, hieß es damals aus Polizeikreisen. Dass das Massaker an einer bereits konkret festgelegten Schule stattfinden sollte, wollte Polizeisprecher Claus Feldmeier seinerzeit zwar nicht bestätigen, sprach aber von einem Ort aus dem Lebensumfeld des Jungen.
Bereits damals war die Bayerische Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus (ZET) der Generalstaatsanwaltschaft München in das Vorgehen eingebunden. Der strafunmündige Teenager wurde da bereits als Person eingestuft, von der per Definition „Straftaten von erheblicher Bedeutung“ zu erwarten seien. Nun wird die ZET den Fall übernehmen, bestätigte sie am Freitag.
Mit einem richterlichen Beschluss wurde im Januar die unbefristete Unterbringung in dem besonders geschützten und gesicherten Bereich am Bezirksklinikum angeordnet. In Bezug auf den 13 Jahre alten Mittäter kamen die Ermittler zu der Auffassung, dass er nur eine untergeordnete Rolle gespielt haben dürfte.
Die Überlegungen, dass der Haupttäter als schwer oder kaum therapierbar eingestuft werden müsse, drangen damals nicht an die Öffentlichkeit. Die Tat am Donnerstag zeigte aber nun, dass er wohl gewillt war, seine Tatpläne unter allen Umständen doch noch umzusetzen. Auch Oberstaatsanwalt Rauscher spricht von „gewissen Parallelen“ zu dem damaligen Vorhaben.
Womöglich hätte es in der Kinder- und Jugendpsychiatrie weitere Opfer gegeben, wenn es nicht einem Pfleger gelungen wäre, den Jugendlichen zu überwältigen und bis zu seiner Festnahme durch die Polizei zu sichern. Zuvor hatte der 14-Jährige mindestens zweimal auf das siebenjährige Kind eingestochen. Nach Reanimation und Notoperation schwebt der Junge noch immer in Lebensgefahr. Der Mitarbeiter, der als erstes angegriffen wurde, trug schwere Verletzungen davon.
Psychiaterin über Messerstecher von Regensburg: „So jemand ist brandgefährlich“
Für Psychiaterin Leila Badry aus dem niederbayerischen Straubing, die den Fall für unser Medienhaus einordnet, müssten bei Gewaltphantasien, wie sie der 14-Jährige in Chats geäußert hatte, „sofort alle Alarmglocken schrillen“. So jemand sei brandgefährlich, ist die psychiatrische Sachverständige überzeugt. „Tritt so etwas in dem jungen Alter auf, wird das früher oder später ausgelebt.“ Daran führe aus ihrer Sicht als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie gar kein Weg vorbei.
Ähnlich ordnet auch die Münchner psychiatrische Gutachterin Hanna Ziegert das Potenzial so junger Gewalttäter ein, wie sie in einem Interview für das Buch zum Podcast „Spuren des Todes“ gegenüber der Mediengruppe Bayern äußerte. Ziegert hatte einst den 18 Jahre alten Mörder einer Kelheimer Joggerin begutachtet. Der Mann kam nach Verbüßung seiner Jugendstrafe in die Sicherungsverwahrung, wo er bis heute untergebracht ist. Ziegerts Einschätzung: „Wenn die Taten bereits in so jungen Jahren passieren, sind die Kriminal- und Sozialprognosen deutlich schlechter. Je früher die Tat geschieht und je schwerer sie ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass auch in Zukunft schwere Straftaten zu erwarten sind. Das Störungspotenzial ist in der Persönlichkeit dieser Menschen zu suchen.“
„Eiskalt geplant“: Wie konnte die Tat im Bezirksklinikum gelingen?
Doch wie konnte dem Jugendlichen die Tat im Bezirksklinikum gelingen? Mit dieser Vorgeschichte? In einem geschlossenen, besonders geschützten Raum? Badry sagt: Das Besorgen des Messers und das Selfie unmittelbar davor sprechen für eine „eiskalt geplante Tat“. Der Täter stehe dazu und rühme sich damit. Das spreche für empathieloses Handeln ohne Rücksicht auf Konsequenzen für sich und andere. Das Bezirksklinikum äußerte sich zunächst nicht zu den offenen Fragen.
Das Amtsgericht in Regensburg hat am frühen Nachmittag erneut die Unterbringung des Teenagers in einem psychiatrischen Krankenhaus angeordnet. Für die Behörden steht nun die große Frage im Raum: Wo? Eine Rückkehr in der Klinik gilt nach MZ-Informationen als ausgeschlossen. Wahrscheinlicher wäre, dass der 14-Jährige in eine forensische Einrichtung verlegt wird. Infrage kämen dafür Parsberg (Lkr. Neumarkt) als Außenstelle von Regensburg oder auch Erlangen – beides Kliniken mit allerhöchsten Sicherheitsstandards.
Aus dem Bezirksklinikum hieß es am Freitag, dass bei jedem Verdacht oder Hinweis auf eine mögliche Gefährdung grundsätzlich immer die zuständigen Behörden informiert und einbezogen würden, so Sprecher Johannes Müller. Ob es im vorliegenden Fall einen solchen Hinweis gab, sagte er nicht.
Für die Behörden steht nun die Frage der weiteren Unterbringung des Teenagers an. Während die Amokpläne, die er mit 13 Jahren geschmiedet hatte, noch in die Strafunmündigkeit fielen, könnte er nun für einen versuchten Mord nach dem Jugendstrafrecht belangt werden. Die Höchststrafe wären dafür 15 Jahre. Auch eine Sicherungsverwahrung könnte verhängt werden. Allerdings spielen dabei die psychiatrischen Gutachten die ausschlaggebende Rolle. Sollte der Junge als nicht therapierbar eingestuft werden, droht ihm eine dauerhafte Unterbringung in einer Einrichtung für psychisch kranke Straftäter.