Die vereitelten Massaker-Pläne eines 13-Jährigen

Von Isolde Stöcker-Gietl · 26. Januar 2023 um 05:00

Der Plan stand. Der Ort des Massakers war festgelegt. Und der 13-Jährige wusste, wie er in seinem unmittelbaren Umfeld an Industrie-Sprengstoff kommen konnte.

Die Kriminalpolizei ermittelt noch immer die Hintergründe zu einem Attentat, das ein strafunmündiger Jugendlicher aus dem Landkreis Neustadt an der Waldnaabauf eine Schule in der Region geplanthat. „Es war sehr konkret, aber nach unseren aktuellen Erkenntnissen stand noch kein Anschlag unmittelbar bevor“, sagt Polizeisprecher Claus Feldmeier vom Polizeipräsidium Oberpfalz. Dass das Thema Gewalt an Schulen zunimmt, bestätigt Siegfried Hümmer, Regionalkoordinator Oberpfalz des Kriseninterventions- und Bewältigungsteam Bayerischer Schulpsychologen, kurz KIBBS.

Die Aufregung in der Nordoberpfalz war groß, als die Polizei nach der Durchsuchung von drei Wohnungen am 16. Januar zwei Schüler wegen der Vorbereitung einer Amok-Tat in die Kinder- und Jugendpsychiatrie brachte. Dort werden die beiden 13-Jährigen weiterhin betreut, bestätigt der Polizeisprecher – „aufgrund eines richterlichen Beschlusses“. Unklar ist, wie weit der zweite Jugendliche überhaupt in die Anschlagpläne eingeweiht war. Die Polizei geht von einer untergeordneten Bedeutung aus. Der Jugendliche leugnet, die Tat mit vorbereitet zu haben.

Andere Massaker analysiert

Besorgniserregend ist das Vorgehen des 13-Jährigen, der als eigentlicher Planer des Anschlags gilt. Ob Columbine High, Erfurt oder Winnenden: „Er hat sich gefühlt so ziemlich über jedes Schulmassaker weltweit informiert“, sagt Feldmeier. In einer Chatgruppe tauschte er sich mit anderen Teilnehmern über Anschläge aus und arbeitete an Verbesserungsvorschlägen. Das lässt die Dimension, seiner Pläne erahnen. Der 13-Jährige wollte womöglich einen Amoklauf von herausragender Tragweite umsetzen. Dass der an einer konkret festgelegten Schule stattfinden sollte, will Feldmeier zwar nicht bestätigen, spricht aber von einem Ort aus dem Lebensumfeld des 13-Jährigen. Zu möglichen Auslösern für die Pläne schweigt die Polizei. Es sei Aufgaben der Kinder- und Jugendpsychiatrie das herauszufinden. Aufgabe der Polizei sei es wiederum Gefahren abzuwehen, weshalb ein rascher Zugriff erfolgte, nachdem die Aktivitäten des Jugendlichen im Netz aufgeflogen waren, sagt Feldmeier.

Vor einen Richter müssen die beiden 13-Jährigen nicht, da sie laut Gesetz noch nicht strafmündig sind. Ein Verfahren läuft allerdings gegen einen Angehörigen des Anschlagsplaners. Dieser hatte wohl verbotenerweise Industrie-Sprengstoff – wie er etwa in Steinbrüchen oder zur Sprengung von Häusern verwendet wird – von seiner Arbeitsstelle mitgebracht und zu Hause gelagert. „Dass der 13-Jährige damit einen Anschlag plante, war der Person nicht bewusst“, sagt der Polizeisprecher.

Schon einmal machte ein Anschlag an einer Oberpfälzer Schule Schlagzeilen. Im Jahr 2005 schoss ein 14-Jähriger in einer Mittelschule in Rötz (Lkr. Cham) mit dem Jagdgewehr seines Vaters auf einen Lehrer. Die Kugel verfehlte den Pädagogen nur knapp. Der Schüler konnte noch im Klassenzimmer überwältigt werden.

Schulen sind sensibilisiert

Solche Vorfälle haben dazu geführt, dass in den Schulen die Präventionsarbeit ausgebaut wurde, sagt Siegfried Hümmer, KIBBS-Regionalkoordinator. Das Team aus Schulpsychologen mit der Qualifikation Notfallpsychologie rückt aus, wenn es an Schulen Gefährdungslagen gibt, aber auch, wenn Schüler etwa durch den Tod eines Mitschülers psychisch schwer belastet sind. „Wir werden meist vom Schulleiter oder der übergeordneten Behörde angefordert und stellen dann ein Team zusammen, das bei einer Gefährdungslage schnell an der Schule ist.“ Etwa 20 Einsätze sind es pro Jahr, allein in der Oberpfalz.

Auch das Fortbildungsangebot „Krisenmanagement an Schulen“ werde stark nachgefragt. Längst gibt es Wartelisten. Nicht ohne Grund. Hümmer bestätigt, dass sich Gewalttaten an Schulen häufen. Er berichtet von Schülern, die mit einem Messer in den Unterricht kommen oder konkrete Drohungen aussprechen. Die Gründe für solche Taten seien multikausal und reichten von Leistungsanforderungen, gefühlte Kränkungen bis zum Konsum gewaltverherrlichender Computerspiele. Der aktuelle Fall im Landkreis Neustadt/Waldnaab sticht laut Hümmer trotz der wachsenden Problematik heraus. „Diese Dimension hatten wir so noch nicht.“