Syrer aus Landkreis Kelheim blicken auf ihre Heimat: In die Freude mischt sich auch Angst

Bei Menschen aus dem Landkreis Kelheim nachgefragt: Nach dem Fall des Assad-Regimes betrachten viele Syrer die Zukunft ihres Landes mit etwas Sorge.
Vor rund einer Woche haben Rebellen in einer Blitzoffensive das Assad-Regime in Syrien hinweggefegt. Für Exil-Syrer auch im Landkreis Kelheim war das ein Grund zum Feiern. Aber noch ist völlig unklar, in welche Richtung sich das Land entwickelt. Die Mediengruppe Bayern hat Geflüchtete und Helfer in Abensberg und Kelheim gefragt, wie sie über die Ereignisse in Syrien, die Hoffnung auf Rückkehr und die Debatte in Deutschland schauen.
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Mohammad Khado kam schon vor der großen Flüchtlingswelle nach Deutschland. Als dann vor knapp zehn Jahren viele Landsleute auch im Landkreis eintrafen, war Khado Mittler zwischen den Kulturen. Mittlerweile arbeitet er für die Stadt Kelheim im Flüchtlingswesen/Angelegenheiten Obdachloser.
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Khado, dessen Eltern in Syrien unweit der Grenze zur Türkei leben, war erfreut über die Nachrichten aus Syrien und auch ein bisschen überrascht, wie schnell es zum Schluss mit dem Umsturz vonstatten ging. „Es ist natürlich eine Freunde, dass ein halbes Jahrhundert von Gewalt, Folter und Diktatur vorbei ist. Die Menschen können erst einmal tief einatmen. Wir hoffen jetzt auf eine neue Phase mit einer Demokratie, mit Menschenrechten und ohne jegliche Angst oder Haft. Wir erwarten einen neuen Anfang“, so Khado.
Komisches Bauchgefühl
Und doch mischt sich auch ein wenig Skepsis in das Ganze: „Wir müssen jetzt die Situation beobachten“, sagt Khado. Ein komisches Bauchgefühl habe er schon, was jetzt auf das Land zukommt. „Die, die jetzt am Hebel sind, haben ja noch keine große Erfahrung mit Politik.“ Was ihm vor allem Bauchschmerzen bereitet: „Neben der syrischen Flagge wird die islamische Flagge gehisst. Ich finde aber, das widerspricht ein bisschen der Aussage der Anführer, dass es einen Ministerpräsidenten für alle geben soll. Ich bin dafür, dass Politik und Religion getrennt sind.“ Es werde sicherlich nicht leicht für die Minderheiten im Land, mutmaßt Khado. Er habe seine Kindheit und Jugend mit christlichen Freunden verbracht: „Syrien war immer ein Land für alle und das soll so bleiben.“
Ein regelmäßiger Treffpunkt für viele Syrer ist die Sprechstunde bei Christiane Lettow-Berger (Grüne), der Integrationsbeauftragten der Stadt Kelheim. Geschätzt betreut sie etwa 85 bis 90 Syrer aus dem ganzen Landkreis. Lettow-Berger hilft ihnen bei der Navigation durch den deutschen Behördendschungel. Ein knappes Dutzend Geflüchteter drängt sich bei unserem Besuch um den Tisch, überwiegend junge Männer.
Ein 25-jähriger Syrer, der sich als Said vorstellt – seinen Nachnamen möchte er nicht in der Zeitung lesen – übersetzt unsere Fragen. Die Männer lächeln freundlich, öffentlich äußern möchte sich jedoch keiner. Sie fürchten um ihre Familien in Syrien, erklärt Said. Er selbst ist jedoch bereit, mit unserer Zeitung zu sprechen. „Ich bin glücklich, dass Assad weg ist. Ich hoffe, dass Syrien in Zukunft sicher ist. Und zwar für alle Syrer: Kurden, Alawiten, Sunniten, Schiiten, Drusen und Christen.“ Einige Männer in der Runde nicken zustimmend, als Said die vielen ethnischen und religiösen Gruppen in Syrien aufzählt.
Hoffen auf Demokratie
Said fährt fort: Er hoffe, dass Syrien sich zu einer Demokratie entwickelt. Sorgen mache es ihm, dass die Türkei und Israel in Syrien militärisch aktiv sind. Said stammt aus Damaskus und lebt seit 2022 in Deutschland.
Seine Eltern leben noch in Damaskus und haben ihm erzählt, dass seit dem Sturz des Assad-Regimes manches besser geworden sei. Brot sei günstiger geworden und Armee-Checkpoints, an denen Soldaten den Menschen Wegzoll abgepresst hatten, seien verschwunden. Momentan möchte Said nicht nach Syrien zurückkehren, weil das Land noch nicht sicher sei. Wenn es sicher ist, „muss ich sehen, wie es weitergeht“.
Was Said unserer Zeitung erzählt hat, deckt sich mit dem, was Lettow-Berger beobachtet. „Alle Syrer, mit denen ich Kontakt habe, haben sich sehr gefreut, dass Assad gestürzt wurde“, sagt sie. Kein einziger habe bisher gesagt, dass er sofort nach Syrien zurückgehen wolle. „Erstmal beobachten, wie sich alles in Syrien entwickelt.“
Kritisch äußert sich Lettow-Berger zur öffentlichen Debatte in Deutschland: „Als Integrationsbeauftragte und persönlich war ich entsetzt, dass bereits am Tag nach dem Sturz und der Flucht von Assad Rückführungsvorschläge und -forderungen gestellt wurden“, vor allem von Unions-Politikern. „Empathielos, töricht und rechtlich nicht haltbar“ finde sie das.
Zahlen hinter den Personen
Geflüchtete: Im Landkreis Kelheim halten sich derzeit 3688 Personen mit Flucht-hintergund auf. Die meisten kommen aus Syrien (1533 Personen), Ukraine (1247), Afghanistan (258), Irak (114), Nigeria (86), Palästinenser (67), Iran (48), Russland ( 36), Sonstige (335)
Unterbringung: Die Personen sind entweder in einer staatlichen Unterbringung (Gemeinschaftsunterkünfte der Regierung von Niederbayern oder dezentralen Unterkünften des Landkreises Kelheim) untergebracht oder haben eigenen Wohnraum.
Aufenthalt: 3202 Personen besitzen ein humanitäres Aufenthaltsrecht und damit eine Aufenthaltserlaubnis: 1247 Personen eine Aufenthaltserlaubnis nach § 24 AufenthG (Ukraine), 13 Personen sind Asylberechtigte, 469 Personen besitzen die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft, 837 Personen subsidiären Schutz, bei 151 Personen liegen Abschiebungsverbote/-hindernisse vor, 225 Personen besitzen sonstige humanitäre Aufenthaltstitel, 260 Personen eine Aufenthaltserlaubnis als Familiennachzug zum Flüchtling
Situation der Syrer: Im Kreis Kelheim leben derzeit 1594 syrische Staatsangehörige, davon sind acht Asylberechtigte, 352 Personen besitzen die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft, 665 Personen subsidiären Schutz, 54 Personen sonstige humanitäre Aufenthaltstitel, 186 Personen eine Aufenthaltserlaubnis als Familiennachzug zum Flüchtling, 23 Personen sind abgelehnte Asylbewerber, 257 Personen befinden sich im Asylverfahren, 49 Personen besitzen sonstige Aufenthaltstitel.
Quelle: Landratsamt Kelheim
