MR-Chef fordert Umdenken der Politik: „Wir sind in der falschen Richtung unterwegs“

Mit der Maschinenfabrik Reinhausen (MR) aus Regensburg leitet Nicolas Maier-Scheubeck einen Weltmarktführer in der Energiewende. Im Interview fordert er mehr Eigenverantwortung und weniger Staat.
Die deutsche Wirtschaft ächzt momentan. Bei MR hingegen sieht es ganz anders aus – volle Auftragsbücher. Ist das Glück oder Können?
Nicolas Maier-Scheubeck: Ursächlich ist die Umgestaltung der Energieinfrastruktur. Alles hängt vom Funktionieren der Versorgung mit elektrischer Energie ab. Wir brauchen Strom für unser Wohlbefinden, für industrielle Prozesse und für die Mobilität. Auf die Notwendigkeit zusätzlicher Investitionen in die Regelungstechnik der Stromnetze hatten wir uns vorbereitet.
Und in Deutschland?
Maier-Scheubeck: Hierzulande wurde mehr auf den Ausbau des Sozialstaats als auf die Pflege der Infrastruktur gesetzt, Stichwort Deutsche Bahn. Hinzu kommen eine alternde Gesellschaft bei gleichzeitig wachsender Weltbevölkerung, geopolitische Veränderungen sowie der Klima- und Technologiewandel. Dies alles führt bis 2050 zu einem enormen Investitionsbedarf. Es ist wie beim 49-Euro-Ticket: Lenkt man immer mehr Verkehr auf ein schwaches System, eskaliert das Erneuerungsproblem.
Welche Auswirkungen hat das auf Ihr Unternehmen?
Maier-Scheubeck: Die wachsenden Anforderungen an die Netze sind unsere langfristige Planungsgrundlage. Kurzfristig erleben wir einen Hype: Zwischen 2021 und 2025 verdoppelt sich das Geschäft, allerdings mit Wachstumsschmerzen. Energiepolitisch überholen wir uns immer schneller rechts. Am Ende fehlt es den Energieversorgern vermutlich an qualifiziertem Personal zur Installation der vielen zusätzlich bestellten Produkte. Von den notwendigen Umwegen des Schwerlastverkehrs zum Umfahren maroder Straßen und Brücken ganz zu Schweigen.
„Die notwendigen Folgeinvestitionen schlagen nun zeitversetzt zu Buche
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Sind Sie schuld an den steigenden Strompreisen?
Maier-Scheubeck: Die Politik war naiv, als die Energiewende verabschiedet wurde. Man hat massiv in die Energieerzeugung eingegriffen, ohne an die Übertragungs- und Verteilungsnetze zu denken. Die notwendigen Folgeinvestitionen schlagen nun zeitversetzt zu Buche. An der Tatsache, dass elektrische Energie über Leitungen transportiert und nur bedingt gespeichert werden kann, wird auch noch so viel Künstliche Intelligenz nichts ändern.
Was macht den Strom bei uns so teuer?
Maier-Scheubeck: Ein Beispiel sind die Redispatch-Kosten. Diese entstehen, wenn entweder zu viel Strom eingespeist wird oder die in Betrieb befindlichen Kraftwerke und Energiespeicher die Versorgungssicherheit nicht mehr gewährleisten können. In diesem Jahr sind hierfür über zwei Milliarden Euro aufzuwenden. Am 14. Juli lag der Börsenpreis für Strom bei minus 7,4 Cent je Kilowattstunde. Die Netzbetreiber mussten demnach Geld zahlen, damit die Erzeuger entweder keinen Strom mehr liefern oder Dritte den überschüssigen Strom speichern. Das wird alles von den Verbrauchern finanziert. Unsere Produkte helfen, solche Unwuchten bei Wahrung der Versorgungssicherheit wirtschaftlich zu meistern.
Wie wirkt sich die Abschaltung der Atomkraftwerke auf die Situation aus?
Maier-Scheubeck: Die vorschnelle Abschaltung war ein Fehler – unabhängig davon, ob man Atomkraft befürwortet oder ablehnt. Die Risiken hätten sich durch den Weiterbetrieb kaum verändert, aber für die CO2-Bilanz war es negativ. Jetzt müssen Kohlekraftwerke länger laufen und wir schreiben mindestens zehn neue Gaskraftwerke aus. Das zeigt, wie dringend Deutschland grundlastfähige Kraftwerke zur Sicherstellung der Versorgungssicherheit braucht.
Was sind die strukturellen Probleme der deutschen Energiewende im Vergleich zum Ausland?
Maier-Scheubeck: Hierzulande hat man Kraftwerke aus ideologischen Gründen abgeschaltet und Einspeiser statt Eigenversorger subventioniert. Dies sind wesentliche Treiber für den erforderlichen Ausbau der Stromnetze. Deutschland hat weltweit fast die höchsten Strompreise und das wird leider auch so bleiben. Diese durch Subventionen senken zu wollen, ist ein Nullsummenspiel. Am Ende zahlen es dann eben die Steuerzahler. Politisch mag das kurzfristig ein Deal sein, volkswirtschaftlich ist es fragwürdig.
Wenn Sie eine „Medizin“ für unser Land empfehlen müssten, was wäre das?
Maier-Scheubeck: Ich weiß, das klingt plakativ – weniger Regulierung und mehr Vertrauen in die Eigenverantwortung. Ein privates Beispiel: 2008 habe ich eine Baumaßnahme abgeschlossen, jetzt plane ich in ähnlicher Dimension und die Kostenschätzung hat sich fast verdreifacht. Die Bauarbeiter verdienen aber nicht das Dreifache und auch die gesetzlich regulierten Kaltmieten haben sich nicht derart erhöht, dafür wirkt der Zuwachs an Vorschriften preistreibend. Kein Wunder, dass kaum mehr jemand Wohnungen baut.
Aber das deutsche Ingenieurswesen hat das Land zur drittgrößten Volkswirtschaft gemacht. Was ist passiert?
Maier-Scheubeck: Wir haben lange in geopolitischem Glück geschwelgt – geschützt durch die USA, dank Gorbatschow und Deng Xiaoping gesegnet mit der Wiedervereinigung und einem grenzenlosen internationalen Handel. Dabei haben wir die Veränderungen um uns herum übersehen: ein neuer Kalter Krieg mit Russland, die politische Wende in China, ein Trump in den USA. Unsere Wohlstandsverwaltungsmentalität hat die Wahrnehmung getrübt.
„Der Staat sollte nur noch dort einspringen, wo schwerste unverschuldete Hindernisse der Eigenvorsorge entgegenstehen“
Was müsste sich ändern?
Maier-Scheubeck: Wir müssen die Lust auf Leistung neu entfachen. Es geht vordergründig nicht um Steuer- oder Abgabensenkung. Wir brauchen Menschen, die mittels eigener Anstrengungen für ihren Lebensunterhalt sorgen wollen und müssen uns allen dies auch wieder zumuten. Der Staat sollte nur noch dort einspringen, wo schwerste unverschuldete Hindernisse der Eigenvorsorge entgegenstehen. Bürgergeld und andere Wohltaten entwerten die Motivation der Leistungswilligen. Arbeitende können sich mit ihren Familien keine Wohnung in der Stadt leisten, während Wohngeldempfänger dort einziehen. Das frustriert die Leistungsträger dieser Gesellschaft.
Führt das zu einem Erstarken extremer Parteien?
Maier-Scheubeck: Das erklärt die Wahlerfolge von Parteien wie der AfD oder Phänomene wie Trump. Viele Menschen fühlen sich abgehängt, gerade weil so vieles unverständlicherweise vom Staat unterstützt wird und gleichzeitig immer weniger funktioniert. Mit zusätzlichen Subventionen lässt sich das nicht ändern.
Glauben Sie an einen grundlegenden Richtungswechsel nach der Wahl?
Maier-Scheubeck: Ich war ein Anhänger von Helmut Schmidt. Damals wurde Helmut Kohl in den Medien als Birne verunglimpft und war doch ein Glücksfall der Geschichte. Gerhard Schröder heilte mit seinen Reformen den kranken Mann Europas, wofür ihn seine Partei verteufelte und wovon Angela Merkel sehr lange profitierte. Der Jurist Olaf Scholz hat einen verfassungswidrigen Haushalt zu verantworten, von Wirtschaft keine Ahnung und Erinnerungslücken. Ob Friedrich Merz die Kraft hat, das Ruder herumzureißen, kann ich nur hoffen. Sicher bin ich aber: Wir sind seit Jahren politische Geisterfahrer und müssen schnell die Richtung wechseln.
Das Interview führten Gerd Otto und Christian Eckl.
