Der Regensburger IG-Metall-Chef Irmischer: „Es gibt Unternehmen, die machen alles richtig“

Von Marion Koller · 6. Dezember 2024 um 17:00

Die Elektro-Industrie in der Stadt und der Region boomt, doch vier Großunternehmen bauen Hunderte Stellen ab. Der Bevollmächtigte der Regensburger IG Metall, Rico Irmischer, analysiert die Situation.

Herr Irmischer, wie geht es der Regensburger Industrie, von der Tausende Arbeitsplätze abhängen? ams Osram, Infineon, Continental und das von Schaeffler geschluckte Vitesco bauen Jobs ab.

Rico Irmischer: Die Situation ist ambivalent. Wir haben die Meldungen über Stellenabbau bei den genannten Unternehmen. Doch weiterhin herrscht Fachkräftemangel. Und wir haben auch Krones, die Maschinenfabrik Reinhausen, Schneider Electric und die Starkstrom-Gerätebau. Die boomen, genau wie das Regensburger BMW-Werk. Es gibt Betriebe, die machen alles richtig. BMW stellt ein und übernimmt Leiharbeiter. Der X1, X2 und die Elektrovarianten, die hier gebaut werden, gehen weg wie warme Semmeln. Jedes dritte bestellte Auto ist ein Elektro- oder Hybridfahrzeug.

„Conti hat einen Befreiungsschlag vor sich“

Und die Batterieherstellung von BMW in der Leibnizstraße?

Irmischer: Dort haben wir Einschläge wegen des insgesamt schlechteren Geschäfts mit der E-Mobilität und wegen des geplanten Auslaufs der Generation-5-Akkus. Es gibt jedoch keine Entlassungen. Mitarbeiter werden zum Teil ins BMW-Werk versetzt.

Wie läuft es bei Continental?

Irmischer: Conti hat einen Befreiungsschlag vor sich. Die wollen den Automotive-Bereich abspalten, das ist der Versuch, die Kompetenzen auf diesem Feld zu bündeln. Regensburg wäre Teil des neuen Unternehmens, mit den anderen Automotive-Standorten. Es soll Ende 2025 eigenständig an die Börse gehen. Dass Jobs wegfallen werden, ist nicht auszuschließen. Ich rate, nicht abzubauen. Es ist die einmalige Chance, die Beschäftigten und den Markt von einer Zukunftsidee zu überzeugen. Es geht um die Produkte, aber auch um Verlässlichkeit und Qualität. Kürzlich sind 350 Aufhebungs- und Altersteilzeitverträge geschlossen worden. Bis jetzt ist dem Zulieferer jeder Stellenabbau ohne betriebsbedingte Kündigungen gelungen.

Was sagt die Belegschaft?

Irmischer: Es ist so eine dunkle Wolke, die über allem schwebt. Man kann eine Conti-Depression heraushören. Der Zulieferer muss die Menschen mit positiven Maßnahmen herausholen.

ams Osram will 142 Arbeitsstellen vor allem in der Forschung und Entwicklung einsparen.

Irmischer: Wenn man in der Forschung und Entwicklung abbaut, verabschiedet man sich zum Teil von der Zukunftsidee. Wir verhandeln noch und werden alles daran setzen, dass die Zahl kleiner wird. ams Osram soll weiterhin Innovationen made in Regensburg liefern. Das ist auch nicht das erste Abbauprogramm, aber die sind weit von der Stimmung bei Conti entfernt. Trotzdem muss ams Osram aufpassen, dass es keine Beschäftigten verliert. Wir haben kleinere Firmen vor Ort, die sich für die Leute interessieren.

„Bei Krones platzen die Auftragsbücher“

Stark sind Krones und die Maschinenfabrik Reinhausen.

Irmischer: Die MR, die Starkstrom-Gerätebau und Schneider Electric profitieren von der Transformation hin zu erneuerbarer Energie. Aber das kommt nicht von alleine. Die stellen die Weichen richtig. Bei Krones platzen die Auftragsbücher aus allen Nähten. Die Leute in der Fertigung und im Vertrieb machen eine tolle Arbeit. Die Entwickler tüfteln weiter.

Laut Industrie- und Handelskammer wird in jedem vierten Unternehmen der Region die Mitarbeiterzahl in den nächsten zwölf Monaten abnehmen, entweder wegen Fachkräftemangels oder wegen Personalabbaus.

Irmischer: 2025 wird nicht auf Knopfdruck besser. Es bleibt schwierig. Wir werden weitere Schreckensmeldungen aus den Betrieben hören. Die Frage ist, ob die Unternehmen wirklich wirtschaftlich dazu gezwungen werden oder einfach den Zeitpunkt nutzen, um Jobs zu streichen.

„Infineon muss sehr hoch investieren“

Auch der Chiphersteller Infineon, der bis vor kurzem gar nicht genug Halbleiter produzieren konnte und dafür erweitert hat, will mehr als 600 Beschäftigte loswerden.

Irmischer: Das ist der falsche Schritt. Es soll über ein Freiwilligenprogramm geschehen. Zugleich haben der Vorstand, der Betriebsrat und die IG Metall die Zukunftsvereinbarung „Regensburg 2040“ unterzeichnet, die betriebsbedingte Kündigungen ausschließt und eine Standortgarantie gibt. Ich muss aber auch einräumen, dass in der Halbleiterindustrie andere Fliehkräfte herrschen als bei anderen Zulieferern. Infineon muss sehr hoch investieren, um ganz vorne mitzuspielen. Trotzdem: Warum wird ein großartiges Werk wie Regensburg in der Struktur so stark beschnitten?

BMW, Vitesco, Conti und Krones produzieren auch im ungarischen Debrecen. Sind weitere Verlagerungen bekannt?

Irmischer: Der IG Metall nicht.

Bei Vitesco Technologies sind nach der Übernahme durch Schaeffler nun 734 Stellen im Feuer.

Irmischer: Ich mache mir Sorgen, weil Teile der Entwicklung leiden werden. Wir haben ein Jahr lang dafür geworben, dass die Beschäftigten Schaeffler vertrauen. Fünf Wochen nach der Fusion verkünden die das Abbauprogramm.

2025 wird auch für die IG Metall in der Region anstrengend, die 100 Unternehmen betreut.

Irmischer: Wir haben viele Baustellen, leider viele negative. Doch oft glückt es, gemeinsam gute Lösungen in schwierigen Zeiten zu finden.

Zur Person

Rico Irmischer (35) ist Bevollmächtigter der IG Metall Regensburg.

Auch den Aufsichtsräten von Vitesco Technologies und ams Osram gehört der Gewerkschafter an.

Das Interview führte Marion Koller

„Wir haben dafür geworben, dass die Vitesco-Belegschaft Schaeffler vertraut“, sagt Rico Irmischer. Nach der Fusion habe Schaeffler den Jobabbau verkündet. Foto: Fabian Nihoa