Kelheimer Tatortreiniger über die Realität seines Berufs zwischen Tod, Gerüchen und Menschlichkeit

Von Antonia Zuruev · 10. Dezember 2024 um 19:00

Die Serie „Der Tatortreiniger“ mit Bjarne Mädel in der Hauptrolle hat vielen einen humorvollen, wenn auch skurrilen Blick auf die Arbeit eines Tatortreinigers gewährt. Doch hinter den Kulissen dieser außergewöhnlichen Tätigkeit steckt viel mehr, als die fiktionale Darstellung vermuten lässt.

Timo Simon (57), der Mann hinter TiSi Service, einem vielseitigen Kelheimer Dienstleistungsunternehmen, bietet nicht nur klassische Hausmeister- und Handwerkerservices, sondern auch die Tatortreinigung an. In einem Gespräch mit unserer Zeitung gewährt er einen Einblick in die tatsächlichen Herausforderungen seines Berufs und erklärt, was die Arbeit eines echten Tatortreinigers von der Darstellung in der Serie unterscheidet.

Herr Simon, haben Sie die Serie „Der Tatortreiniger“ gesehen?

Timo Simon: Ja, die habe ich gesehen. Es gibt ein paar Parallelen dazu, aber die Serie ist natürlich ziemlich überspitzt, das ist schon klar.

Was unterscheidet Ihren Arbeitsalltag von dem, was in der Serie gezeigt wird?

Simon: Nun, in der Serie passiert in jeder Folge irgendetwas Aufregendes. In der Realität ist es natürlich nicht so, dass man ständig solche außergewöhnlichen Erlebnisse hat. Normalerweise ist das bei mir immer eine normale Routine, wenn ich diese Arbeiten mache. Es gibt in der Realität selten Situationen, in denen man so mit den Menschen und dem Geschehen konfrontiert wird wie der Tatortreiniger in der Serie.

Können Sie beschreiben, wie ein Tatort riecht?

Simon: Süßlich. Blut hat ja einen süßlichen Geruch. Und dann kommt noch der Verwesungsgeruch dazu – ähnlich wie verdorbenes Essen. Besonders wenn jemand – gerade im Sommer – längere Zeit in der Wohnung lag, kommt oft zusätzlich verdorbenes Gemüse, Obst oder andere Lebensmittel hinzu. Am Ende entsteht eine Mischung aus Verwesung und süßlichen Noten, die den Raum durchzieht.

Wie kommen Sie mit diesen Gerüchen klar? Kann man sich jemals daran gewöhnen?

Simon: Beim Reinigen muss man schon starke Mittel verwenden, um die Gerüche etwas zu neutralisieren. Natürlich ist es manchmal unangenehm, aber man entwickelt eine mentale Haltung dazu – das sind natürliche Dinge, die eben vorkommen, und man lernt, darüberzustehen. Eine Maske ist dabei ein Muss. Was auch hilft, ist ein wenig Menthol-Öl oder andere ätherische Öle in die Nase zu tupfen, bevor man die Maske aufsetzt. Das überdeckt die Gerüche und macht die Arbeit etwas erträglicher.

Was unterscheidet eine Tatortreinigung von einer gewöhnlichen Gebäudereinigung?

Simon: Bei einer normalen Reinigung geht es um alltägliche Verschmutzungen wie Staub oder Fett. Tatortreinigungen befassen sich aber hauptsächlich mit organischen Substanzen wie Blut, Körperflüssigkeiten und Erbrochenem – und das erfordert spezielle Chemikalien und viel Fachwissen, besonders in organischer Chemie. Zum Beispiel wird für eingetrocknetes Blut oft ein alkalischer Reiniger benötigt. Dabei ist es wichtig, immer den Untergrund im Blick zu haben. Der Reiniger löst nämlich nicht nur das organische Material, sondern kann auch den Untergrund beschädigen – etwa bei Naturteppichen.

Lesen Sie außerdem: „Ich habe nicht gedacht, dass ich so weit komme“: Höchster Grad für Karate-Meister Jamal Measara

Haben Sie schon mal einen Tatort betreten, an dem noch der Abdruck des Körpers zu sehen war?

Simon: Ja, das kommt vor, aber es ist eher ein Fleck als ein klarer Abdruck. Wenn jemand längere Zeit liegt, passiert es, dass Flüssigkeiten aus dem Körper austreten und man grob den Umriss des Körpers sieht. Meistens ist der Abdruck aber eher verschwommen und verlaufen.

Gibt es Fälle, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben sind?

Simon: Man muss schon in der Lage sein, abzuschalten, bevor man mit der Arbeit beginnt. Es ist wichtig, die Dinge objektiv zu betrachten, damit die eigenen Emotionen nicht zu sehr an einen herankommen. Aber natürlich macht man sich schon Gedanken, wenn jemand längere Zeit in der Wohnung liegt und niemand aus der Nachbarschaft etwas bemerkt oder sich gekümmert hat. Das ist das Negative daran. Es gibt aber auch positive Erlebnisse.

Können Sie so ein positives Erlebnis schildern?

Simon: Die Mitarbeiter eines Unternehmens, bei dem ein Mann Stammkunde war, haben sich Sorgen gemacht, weil er sich längere Zeit nicht gemeldet hatte. Sie riefen bei der Polizei an und baten darum, nach ihm zu schauen – und tatsächlich war er leider gestorben. Ich fand es aber sehr positiv von dem Unternehmen, dass sich die Mitarbeiter Gedanken gemacht haben, als ihr Kunde schon eine Zeit lang keine Dienste mehr in Anspruch genommen hatte.

Was hat Ihnen dieser Beruf über Leben und Tod beigebracht?

Simon: Da ich mich privat sehr für Philosophie interessiere, finde ich es faszinierend, dass dieser Beruf einen immer wieder daran erinnert, dass das Leben endlich ist. Gerade diese Vergänglichkeit verleiht dem Leben seinen Wert – sie gibt uns den Antrieb, Ziele zu setzen und ihnen nachzugehen. Wenn ich wüsste, ich wäre unsterblich, würde ich wohl auch nach einer Million Tatortreinigungen immer noch am Anfang stehen. Dieser Gedanke begleitet mich oft im Alltag. Deswegen sage ich immer: Wenn du deinen Liebsten küsst, vergiss niemals: Du küsst einen Sterblichen.

Gibt es abschließend noch etwas, das Sie aus Ihrer Erfahrung als Tatortreiniger den Menschen mit auf den Weg geben möchten?

Simon: Ja, ich möchte noch sagen, dass es wichtig ist, auf seine Nachbarn zu achten – besonders auf diejenigen, die vielleicht alleine leben und keine Angehörigen haben. Wenn man längere Zeit nichts von ihnen hört, sollte man nicht zögern, mal nachzufragen oder anzuklopfen, um sicherzustellen, dass es ihnen gut geht. Ein bisschen Nachbarschaftshilfe kann viel bewirken, vor allem bei denjenigen, von denen man weiß, dass keine Freunde oder Bekannten regelmäßig zu Besuch kommen.

Der Beruf Tatortreiniger

Aufgaben: Tatortreiniger entfernen Blut, Körperflüssigkeiten und Gewebereste an Unfall- und Sterbeorten und sorgen durch gründliche Desinfektion dafür, dass die Räume wieder hygienisch bewohnbar sind.

Qualifikationen: Tatortreiniger ist kein eigenständiger Ausbildungsberuf. Nach einer Ausbildung in Gebäudereinigung oder Desinfektion erfolgt die Spezialisierung durch Weiterbildungen. Kenntnisse in organischer Chemie, Hygienevorschriften und der Umgang mit Chemikalien sind ebenso wichtig wie körperliche Belastbarkeit und psychische Stabilität.

Arbeitsumfeld: Tatortreiniger arbeiten eng mit Hausverwaltungen, Behörden und Bestattungsunternehmen zusammen. Einsätze erfolgen erst nach behördlicher Freigabe des Tatorts.

Timo Simon vom TiSi Service bietet Tatortreinigungen an.