Kleinkunstbühne Statt-Theater: Seit 40 Jahren im Keller

Das Regensburger Statt-Theater feiert seinen runden Gründungs-Geburtstag mit vielen Wegbegleitern.
Sie hätten es selber nicht für möglich gehalten: Das Statt-Theater macht 40 Jahre voll. Am 14. Dezember 1984 gingen in der Winklergasse die Lichter zum ersten Kabarettabend an. Auf den Tag genau 40 Jahre später wird „The Old Star Ensemble“ an die Gründung erinnern: Inge Faes, Tobi Ostermeier, Matthias Leitner und Peter Nikisch treten vor geladenen Gästen auf, weitere Termine sind geplant. Die Kleinkunstbühne ist heute eine der wichtigsten und ältesten Regensburger Kultur-Institutionen. Und sie ist ein Leuchtturm der Kabarett- und Kleinkunst-Szene in Bayern. Inge Faes und Peter Nikisch, von Anfang an dabei, sind bis heute ihre Gesichter.
„Kleinkunst“ ist hier wörtlich zu nehmen: Wer die Bühne besucht, für den heißt es: Ab in den Keller. Dort finden sich Besucher in einem Wohnzimmer mit 70 Plätzen, in dem man den Platznachbarn und Bühnenmenschen recht nahe kommt. „Man sitzt wie in einer Schneekugel“, so beschreibt es Inge Faes. Von der Künstlergarderobe dort unten heißt es, sie sei mit ihren zwei Quadratmetern die kleinste der Welt.
Mit Sarg und Lendenschurz
Der Raum ist begrenzt, doch auf der Bühne passierte Großes: Seit Beginn steht das Statt-Theater für Eigenproduktionen mit messerscharfen Gesellschaftsanalysen, für Gastspiele namhafter Kabarettisten und für Newcomer, für die der Auftritt im Keller einen wichtigen Karriereschritt bedeutete. Viele wollten später erneut im Statt-Theater auftreten. Der heute dienstälteste Gast war Peter Vollmer, gefolgt von Holger Paetz. Außerdem traten, neben anderen, Andreas Giebel, Helen Vita, Urban Priol, Volker Pispers, Christian Springer, Evelyn Künnecke, Frank Lüdecke, Luise Kinseher, Severin Groebner, Michael Altinger, Matthias Deutschmann und Constanze Lindner auf. Skurrile Dinge ereigneten sich: Der Sarg, den Jörg Hube für sein „Herzkasperl“-Programm mitbrachte, passte kaum ins Theater. Und Georg Schramm ließ, angetan mit Lendenschurz und Schlagbohrmaschine, auf der Bühne Sand aus einer Gießkanne über sich rieseln.
Inge Faes und Peter Nikisch erinnern sich an die Ersterkundung dieses Kellers: „Wir waren ausgerüstet mit einem Kerzenleuchter wie in der Pullmoll-Werbung“, sagt Faes. Licht gab es nicht, aber einen Notausgang. So war die feste Spielstätte gefunden. Zu dieser Zeit gab es die Truppe bereits vier Jahre – sie tingelte umher: in der Schwedenkugel, im Hinterhaus oder im Studentenkeller in der Baumhackergasse. „Das Programm hat man sechsmal gespielt bei einem Wirt, der sich derbarmt hat“, sagt Inge Faes. Angefangen hatte alles mit dem Bruder von Nikischs Schwager. Der wollte ein Kabarett aufziehen und bat Nikisch, die Texte für die Sketche zu überarbeiten. Nikisch fand Gefallen am Schreiben. Die bunte Truppe flog bald auseinander, nur Nikisch und Wolfgang Maier blieben. 1983 dann stießen Pianist Eberhard Geyer und Inge Faes dazu, später (und bis zum Jahr 2000) Wolfgang Köppl. Nikisch witzelt, vor dem Einstieg von Faes sei die Anforderung gewesen: „Wir suchen eine Frau, die singt und sich auch sonst für nichts zu schade ist.“ Faes hatte geplant, nach ihrem Studium aus Regensburg wegzugehen, „in eine richtige Stadt“, wie sie scherzt. Dann entdeckte sie ihre komische Seite und blieb. Ihr erster großer Text: „Monolog einer Nutte in der Psychiatrie“. An weiterem Stoff fürs Kabarett mangelte es nicht: Franz Josef Strauß war im Amt, Wackersdorf lag vor der Haustür.
Hier ist alles selbst gemacht
Faes sagt: „Es war eine Gründerzeit. Außer Unitheater, Bauerntheater und Städtischen Bühnen gab es damals nichts in Regensburg. Wir haben uns von Saison zu Saison gehangelt und gedacht: Wenn’s schief geht, ist man nicht gleich verschuldet bis ans Ende der Tage.“ Für ihren Lebensunterhalt hatten sie anfangs noch zusätzliche Jobs. Förderung von der Stadt Regensburg gab es erst viel später – der damalige Oberbürgermeister Viehbacher soll gesagt haben, er werde nicht Leuten Geld geben, die ihn „mit Dreck beschmieren“. Im Statt-Theater bewiesen sie nicht nur auf der Bühne kreatives Potenzial sondern auch beim Improvisieren im Alltagsbetrieb.
Auch wenn heute vieles professioneller ist – der „Charme des Selbstgemachten“, sagt Faes, ist noch da, weil sie alles in Personalunion seien: Kabarettisten, Betreiber, Wirte, PR-Manager. Ein wichtiger Grund, warum Gastkünstler gerne kommen, auch von weit her: „Man trifft im Statt-Theater jeden Tag jemanden von uns persönlich an. Und wir haben selber Spiel-Erfahrung.“
Das Spielen am Beginn ihrer Karriere vergleicht Faes – nur leicht überspitzt – mit einem Gewerkschaftsseminar: „Wir haben unsere Statements rausgehauen und das Publikum hat andächtig gelauscht.“
Heute müssten junge Kabarettisten von Anfang an perfekt sein. „Wir selber hatten 15 Jahre lang Zeit, uns auszuprobieren und miteinander zu wachsen“, sagt Faes. Nachwuchs für das Ensemble zu finden, sei schwer: „Junge Leute spielen eher Soli“, sagt Nikisch. Weil das Publikum dünner gesät ist, teilt man ungern die Einnahmen mit mehreren Personen.
Nikisch schrieb jahrelang ein neues Ensembleprogramm pro Jahr. Eigene Textarbeit, das ist für ihn ein wesentliches Merkmal des deutschen Kabaretts. Bei Comedians sitze oft eine Maschinerie von Gagschreibern. Dass es im TV heute so viel Comedy gebe, erzeuge beim Publikum eine gewisse Müdigkeit, sind sich Faes und Nikisch einig.
Hellwach werden die beiden sein, wenn die Gastkünstler ihrer Festwoche auftreten. Von denen erwarten sie nichts weniger als „dass sie uns mit Honig beträufeln“. Schließlich haben Faes und Nikisch auch Opfer gebracht: „40 Jahre im Keller, das muss man sich mal vorstellen!“, prustet Faes los, auf ihre unnachahmliche Art, die die Besucher des Kellers in der Winklergasse so an ihr lieben.
Die Festwoche mit Kabarett und Lobgesängen auf das Statt-Theater bestreiten Peter Vollmer, Michael Altinger und Constanze Lindner (11. Dezember) sowie Alfred Mittermeier, Claudia Pichler und Ludwig W. Müller (12. Dezember, je 19.30 Uhr), am Empfang: Inge Faes und Peter Nikisch.


