Wenn Bärtierchen eine neue Gesellschaft bauen

Regensburg. Im April 2019 sollte eine israelische Raumsonde auf dem Mond landen. An Bord hatte sie wissenschaftliche Geräte, eine Zeitkapsel – und Bärtierchen, deren Widerstandskraft getestet werden sollte: Konnten sie im Weltall überleben?. Doch die Mission ging schief: Die Raumsonde zerschellte auf dem Mond, hinterließ dort einen Krater und die Bärtierchen. Diese Wesen, nur unterm Mikroskop erkennbar, sind Überlebenskünstler. Sie halten alles aus: Höllische Hitze, eisige Kälte, Säure, eine Dosis radioaktiver Strahlung, die Menschen umbringen würde. Sie leben in Salz- und Süßwasser, in Moos, Hochgebirgsgletschern, Regenrinnen. Trocknen sie aus, versetzen sie sich in „Kryptobiose“, einen todesähnlichen Zustand mit extrem reduziertem Stoffwechsel. Dadurch können sie jahrelang auf bessere Zeiten warten – so wie jene auf dem Mond.
Was die da oben jetzt wohl machen? Darauf gibt das Theater Regensburg eine Antwort: Schauspieldirektorin Antje Thoms inszeniert „Wir Wasserbären“, ein Stück des Theaterautors Till Wiebel. Regensburg ist das zweite Theater, dass es auf die Bühne bringt – die Uraufführung war in Mannheim.
Till Wiebel wagt da ein spannendes Gedankenexperiment: Die Wasserbären erleben eine Stunde Null, sie können nochmal ganz von vorne anfangen und von den menschlichen Fehlern lernen. Sie diskutieren sich die Köpfe heiß über die Frage: Wie baut man eine neue Gesellschaft auf?
Mindestens vier Wasserbären sollen es laut dem Autor sein, damit ein Diskurs in Fahrt kommt. Am Theater Regensburg sind es sieben. Ihre Kostümierung orientiert sich an ihrem tonnenförmigen Äußeren (Ausstattung: Kristopher Kempf). Sie sehen putzig aus und sind schlau: Profimäßig bedienen sie sich für ihren Neustart bei einem bewährten Teambuilding-Modell: Nach dem Konzept des Psychologen Bruce Tuckman von 1965 durchlaufen Fremde fünf Phasen, bevor sie zu einem gut funktionierenden Team zusammenwachsen. Ohnehin erweisen sich die Wasserbären als Gemeinschaftswesen: Sie neigen weder zu Narzissmus, noch zu Individualismus. Den Kapitalismus einzuführen, liegt ihnen fern. Vielmehr fragen sie sich: Kann man einen Planeten im Kollektiv leiten?
Es gebe zwischen ihnen keine Animositäten, kein starres Beharren auf der eigenen Position, kein Gegeneinander, erläutert Antje Thoms: „Das Stück ist utopisch im Sinne eines offenen Miteinanders.“ Die Bärtierchen haben sogar vergessen, wie das geht: übereinander zu lachen – sie lachen lieber miteinander. Für Dramaturgin Maxi Ratzkowski klingt da feine Kritik an der menschlichen Spezies an. Allerdings finden die Wasserbären auch Tolles an den Menschen: Aus Kastanien gebaute Tiere, Aussichtstürme, in Sand geritzte Herzen am Strand.
Die Wasserbären experimentieren: bilden beim Kuscheln „Liebeshaufen“, spielen Verstecken (haben aber Angst, nicht gefunden zu werden), erfinden Spiele und Performances mit Akrobatik und Yoga. Sie singen – allen voran Mezzosopranistin Katharina Solzbacher, die mitspielt. Tanz-Chef Wagner Moreira hat sich für die Tierchen eine Wasserbären-Choreografie ausgedacht.
Zunächst fühlen sie sich unbeobachtet, später tut sich die „vierte Wand“ auf – die Wasserbären entdecken das Publikum, was ihre Stimmungslage ändert. Das größte Ereignis im Stück: Die Wasserbären finden eine Zeitkapsel aus der gecrashten Raumsonde mit dem Wissen der Menschheit: alle Wikipedia-Artikel, aber auch die Bibel. Das gibt Diskussionsstoff: Sollen die neuen Mondbewohner dieses Wissen nutzen, um davon zu profitieren oder sich abzugrenzen? Sollen sie selbst Wissen herstellen? Soll ihre Gesellschaft auf Glauben aufgebaut sein? Falls ja: auf welchem? Sie kommen überein, dass Dübel in ihrer Situation praktischer wären als eine Bibel. In ihrer Gesellschaft soll jeder so sein, wie er oder sie möchte. Vielleicht wird das Publikum am Ende ja neidisch werden auf die schlauen Konzepte, die die Wasserbären entwickeln?
Für Antje Thoms passt das Stück perfekt in die Vorweihnachtszeit: „Es ist empathisch und herzerwärmend. Der Text ist wahnsinnig musikalisch und hat viel Humor.“
Premiere am 14.12., 19.30 Uhr, am 07.12., ist um 11 Uhr eine öffentliche Probe, am 08.12. um 11 Uhr die Matinee (Eintritt frei). Alle Veranstaltungen im Theater am Haidplatz.