Plädoyer für den Optimismus: Warum das 41. Scharfrichterbeil verdient an Henning Schmidtke geht

Dass dem politischen Kabarett „unser Herzblut“ gehört, das machte Scharfrichter-Mitbegründer Walter Landshuter gleich zu Beginn eines langen Kleinkunstabends klar. In dieser Hinsicht war das 41. Passauer Scharfrichterbeil mit viel kabarettistischer Selbstbeschau und humoristischen Musikeinlagen eher eine Enttäuschung.
Ältester Finalist gewinnt den Wettbewerb
Landshuter fügte aber noch etwas hinzu: „Ich erwarte als Zuschauer, dass der Kabarettist auf der Bühne mir etwas zu sagen hat.“ Und in dieser Hinsicht war der spielerische Kampf um die handgeschmiedeten Henkersbeile dann doch ein voller Erfolg. Denn mit Henning Schmidtke aus Niedersachsen gewann der Kandidat unter den fünf Finalisten und der einen Finalistin das große Beil, der dem begeisterten Publikum in einer krisenumtosten Welt eine andere, eine optimistische Perspektive mit auf den mitternächtlichen Heimweg geben konnte.
Das Ziel eines Wettbewerbs wie des Passauer Scharfrichterbeils sollte es bestenfalls sein, junge, noch unbekannte Künstler ins Scheinwerferlicht zu holen. Natürlich wirkt es da etwas seltsam, wenn ausgerechnet der mit 54 Jahren älteste Teilnehmer in einem sowieso schon ziemlich erfahrenen Feld mit dem Hauptpreis nach Hause geht. Die Nachwuchsproblematik soll dabei aber die Leistung von Henning Schmidtke keinesfalls schmälern.
Im entspannten Plauderton, aber mit hoher Pointendichte baut Schmidtke seine Geschichten auf, erzählt etwa von seinem russischen Paketboten, der trotz seines enormen Stresses immer pünktlich ist – ganz anders als die Bahn. „Ich habe ausgerechnet, ich wiege 75 Kilo, ich reise jetzt mit DHL.“ Oder es geht um seine Existenzängste während der Pandemie. Denn wer stirbt da zuerst? Fettleibige, Alkoholiker, Kettenraucher, alle über 70. „Ich sah sofort mein komplettes Kabarettpublikum ...“
Während Corona hat Henning Schmidtke auch sein erstes Buch geschrieben – „Es ist nicht alles so scheiße, wie du denkst!“ So lautet dann auch der Titel seines aktuellen Programms und Schmidtke ist damit bei seinem eigentlichen Anliegen angekommen. Der 54-Jährige hinterfragt auf mitreißende und absolut bedenkenswerte Weise die momentan scheinbar allgegenwärtige Untergangsstimmung. Und er tut das nicht mit Esoterik, einer gefühligen Veränderung des eigenen Mind-Sets, er tut es mit harten Fakten. So ist zum Beispiel die Suizidrate weltweit in den letzten 20 Jahren um 25 Prozent nach unten gegangen. Oder: In Deutschland glauben heute weniger Menschen an Verschwörungstheorien als vor der Pandemie. „Wussten sie das?“, fragt Schmidtke ins Publikum. „Ich nicht. Vor über 20 Jahren hatte Dieter Bohlen mal einen Penisbruch. Das wusste ich.“
Sein Fazit: „Wir haben die falschen Dinge im Kopf.“ Und es gehöre gerade auch für Linke und die Medien zur intellektuellen Redlichkeit, die Erfolge der Menschen wertzuschätzen und sie nicht zu verschweigen. Denn: „Man muss auch hoffen können.“ Während gerade im politischen Kabarett das Finger-in-die-Wunde-Legen, das gesellschaftskritische Schwarzmalen zum guten Ton gehört, sorgt Hennig Schmidtke mit seinem lustigen, aber „todernst“ gemeinten Plädoyer für die Zuversicht für einen erfrischend anderen Ton. Das sieht auch die Jury so, die dem 54-Jährigen für „inhaltliche Stringenz, eine klare Haltung und wunderschön gesetzte Pointen“ lobt.
Auf den zweiten Platz schaffte es der Münchner Florian Wagner. Beim Publikum, das traditionell beim Scharfrichterbeil auch mit abstimmen darf, wäre der Klavierkabarettist sogar auf dem ersten Platz gelandet.
Handwerklich ist es herausragend, was der „Piano Man“ Wagner, Jahrgang 1990, da so auf die Bühne bringt. Wenn er etwa hochvirtuos vorführt, wie berühmte Komponisten wie Mozart oder Beethoven wohl Pophits wie „Atemlos“ oder „Money, Money, Money“ geschrieben hätten. In seinem „Schlechten Lied“ fügt er all die Elemente ein, die einem das Leben als Konzertbesucher so richtig verleiden können – nervige Wiederholungen oder sinnlose Mitklatschteile etwa. Und dann ist da der „Song über die Dates, die ich den letzten drei Monate hatte“. Wagner setzt sich ans Klavier – kurze Stille. „Danke, das war’s!“ Hochamüsant ist das alles, allerdings für den Gewinn des großen Beils wohl doch zu harmlos.
Bildung als Brandmauer der Demokratie
Mit dem Salzburger Florian Strohriegl, ebenfalls Jahrgang 1990, holte das kleinste Beil schließlich ein Finalist, dem es zwar noch etwas an Pointendichte und Bühnenpräsenz mangelt, der das Publikum aber überaus offen und mit hintergründigem Witz auf eine Reise in seine eigenen Abgründe mitnimmt.
„Bildung ist die Brandmauer der Demokratie“, sagte Moderator Philipp Weber, selbst Scharfrichterbeilgewinner 2002, in einer seiner scharfzüngigen Zwischenmoderationen, die ob ihrer Länge und Qualität allerdings immer wieder den eigentlichen Wettbewerbsteilnehmer die Show zu stehlen drohten. Und wenn die Bildung versagt, dann müssten eben die Kabarettisten übernehmen. Henning Schmidtke kam diesem Auftrag an diesem Mittwochabend am besten nach. Ein verdienter Sieger.
Dominik Schweighofer







