Kündigung durch Landratsamt: Helfer kritisieren Zustände in Asylunterkunft bei Sinzing

Von Benedikt Baumgartner · 6. Dezember 2024 um 15:00

„Idyllisch, oder?“, grüßt Elisabeth Halder an einem großzügigen Anwesen in Saxberg, einem Ortsteil der Gemeinde Sinzing, welches das Landratsamt zur Unterbringung von Geflüchteten angemietet hat. Die Begrüßung der langjährigen Flüchtlingshelferin ist ironisch gemeint.

Von außen sieht das Anwesen tatsächlich recht komfortabel aus, innen – das sollte sich schnell herausstellen – ist das Gebäude kaum noch bewohnbar. Zum 31. Januar hat das Landratsamt den Mietvertrag für das Haus gekündigt.

Als dies nach Recherche der Mittelbayerischen Zeitung öffentlich wurde, erläuterte Landkreissprecher Hans Fichtl, dass die Kündigung erfolge, um Wohnraum auf den freien Markt zu bringen. Im dem Haus leben zwei Familien mit anerkanntem Schutzstatus. Der Landkreis ist lediglich für die Unterbringung von Asylbewerbern, also vor ihrer Anerkennung, verantwortlich.

Auch Bürgermeister Martin Brix winkte ab. Die Gemeinde könne nach seinen Aussagen erst tätig werden, wenn Menschen auf der Straße landen. Außerdem sei die von der Gemeinde für Obdachlose vorgehaltene Räumlichkeit aktuell belegt. Dabei handelt es sich um zwei notdürftig ausgestattete Baucontainer. Dort lebt laut Halder eine alleinerziehende Mutter mit vier Kindern.

Angemessene Wohnung?

Fichtl betonte zur Kündigung des Mietvertrags: „Die Bewohner sollten dadurch nicht in die Obdachlosigkeit entlassen werden, gerade weil es um Familien mit minderjährigen Kindern geht.“ Sie sollen vielmehr die Möglichkeit bekommen, die Räume, die sie bereits bewohnen, längerfristig selbst anzumieten.

Dass die jetzigen Bewohner in dem Haus bleiben können, stellt auch ein Mitglied der Eigentümergemeinschaft in Aussicht: „Wir würden die gerne drinnen behalten, das wäre grundsätzlich die Idee“, sagt er auf MZ-Nachfrage zu den Plänen nach dem 31. Januar.

Bloß: Halder und ihr AK-Asyl-Kollege Stefan Hauer beteuern, dass Geflüchtete nicht freiwillig länger als nötig in solchen Unterbringungen wohnen würden. „Wenn es heißt, die Leute wollen nicht ausziehen, dann ist das eine Frechheit.“ Es fehle schlicht und einfach eine Alternative auf dem freien Mietmarkt.

Löcher in der Wand, Heizung kaputt, Modergeruch

Das Haus in Saxberg ist in einem schlechten Zustand. Hauer und Halder führen mit den Bewohnern durch die Räume. Teile des Erdgeschosses sind von der Wohnnutzung ausgenommen. „Da schimmelt jetzt ein Sofa, weil ja nicht mehr geheizt werden kann“, sagt Hauer. Im Badezimmer wurden lecke Wasserleitungen repariert, die Wand wurde aber nicht mehr geschlossen. Zwischen Waschbecken und Toilette klafft ein Loch. Im Garten liegt Schutt von den Bauarbeiten.

Landratsamt-Sprecherin Claudine Tauscher bestätigt auf MZ-Nachfrage, dass es im November 2023 einen Wasserschaden gegeben hat, im Dezember 2023 sei das Heizöl verbraucht gewesen. „Die Heizung ging dann natürlich aus. Seit einer Betankung lief sie immer wieder störanfällig“, teilt Tauscher mit. „Dieser Umstand konnte auch von einem Heizungsbauer nicht behoben werden.“ Die Bewohner sorgen nun mit elektrischen Heizern für etwas Wärme in den Wohnräumen. „Was sollen die Leute denn machen?“, fragt Hauer.

Geldmacherei durch Asyl-Vermietung?

Das Haus mit 243 Quadratmetern Wohnfläche beschreibt Fichtl als „eine angemessene und ausreichende Wohnunterbringung“ für die beiden dort lebenden Familien, insgesamt vier Erwachsene und neun Kinder.

Das Souterrain, das eine der beiden Familien auf eigenen Wunsch noch als Übergangslösung bis zu ihrem Umzug in wenigen Tagen bewohnt, ist in dieser Bewertung eingeschlossen. Steigt man die Treppe in das Untergeschoss hinab, sticht feuchter Modergeruch in der Nase. Die sechsköpfige Familie schläft in einem Raum auf Matratzen am Boden.

Die Asyl-Helfer wittern Geldmacherei mit dem Gebäude. Wohl im Jahr 2022 sei das Haus an die jetzigen Eigentümer verkauft worden. Das Landratsamt zahlt ortsübliche Miete für die dezentralen Flüchtlingsunterbringungen. „Das würden sie am Mietmarkt für dieses Haus nie bekommen“, sagt Halder.

Grundstück soll verkauft und Haus abgerissen werden

Der Miteigentümer sagt gegenüber der MZ: „Nach dem Wasserschaden haben wir die Oberflächen frisch gemacht, um den Wohnwert zu erhalten.“ Dass das Haus allerdings nicht mehr allzuviel Wohnwert hat, scheint auch den Besitzern klar zu sein.

Am Gartenzaun hängt ein Verkaufsangebot. Das rund 2800 Quadratmeter große Grundstück wird entweder in zwei oder vier Parzellen aufgeteilt angeboten. „Der Altbestand wird auf Kosten des Verkäufers entfernt“, heißt es auf dem Schild.

Grundstück steht zum Verkauf

Auch auf den Landkreis könnten noch Kosten zukommen. Der Miteigentümer beteuert: „Das Gebäude wurde durch die Nutzung sehr stark heruntergewirtschaftet.“ Halder widerspricht, die Bewohner würden äußerst pfleglich mit ihrem Zuhause umgehen, obwohl das Haus so marode sei.

Landkreissprecherin Tauscher bewertet das Objekt als „in einem dem Alter entsprechenden Zustand“. Zum 31. Januar endet die Anmietung: „Genau wie bei allen anderen Objekten, die das Landratsamt nach Ablauf des Mietvertrages an den Eigentümer zurückgibt, ist es so, dass meist ein Gutachter den Ist-Zustand mit dem Anmietungszustand abgleicht und der Zustand bei Anmietung wiederhergestellt wird.“

Für den AK Asyl gilt es derweil für die Familie im Erdgeschoss eine Alternative zu finden – genauso wie für drei andernorts in der Gemeinde untergebrachten Familien und zahlreiche Einzelpersonen. „Wir suchen überall, wo es möglich ist“, sagt Halder. „Grundsätzlich brauchen wir Wohnraum. Es ist toll, wenn jemand an Ankommende vermietet.“ Nur in einem bewohnbaren Zustand sollte die Wohnung schon sein.

Die lecken Leitungen wurden geflickt, das Loch in der Badezimmerwand blieb.
Ein schönes Sofa, wäre es aufgrund der defekten Heizung nicht geschimmelt.