Boomende Branche für Quereinsteiger: Der Beruf des Bestatters steht (noch) jedem offen

Was haben eine Keramikerin, ein Altenpfleger, ein Küchenmeister und eine Masterabsolventin gemeinsam? Auf den ersten Blick vielleicht wenig. Doch sie alle haben sich für den gleichen Quereinstieg entschieden: Als Bestatter begleiten sie Angehörige durch einen Trauerfall.
Mit Jeans, einem übergroßen schwarzen Blazer und einem samtgrünen Oberteil öffnet Magdalena Schwarzwald (33) die Tür. Die schlichte Einrichtung des lichtdurchflutenden Ladens „plan b.“ in der Obermünsterstraße in Regensburg schafft eine Wohlfühlatmosphäre und lässt vergessen, wo man eigentlich gerade ist. Lediglich ein schwarzer, mit Kreide beschrifteter Sarg in einem der großen Schaufenster deutet auf ein Bestattungsunternehmen hin.
Schwarzwald und ihre Kollegin Anni Klostermeier sind „Quereinsteiger“, wobei Schwarzwald die Bezeichnung nicht passend findet. Schließlich bringen die beiden unter anderem viel Fachwissen mit: Die beiden haben Soziale Arbeit studiert und einen Master in Perimortalen Wissenschaften draufgesetzt – ein interdisziplinärer Studiengang, der sich mit den Themen Sterben, Tod und Trauer befasst.
Einheitliche Ausbildung geschaffen
Seit 2003 gibt es eine einheitliche Ausbildung zur Bestattungsfachkraft. Nach wie vor ist es aber nicht verpflichtend, diese zu absolvieren. Denn für das Bestatter-Gewerbe sind keine besonderen Qualifikationsnachweise erforderlich, um es selbstständig auszuüben. Das heißt: Theoretisch kann jeder den Beruf ausüben.
Auch Karl Maximilian Wilhelm hat nicht den klassischen Weg gewählt. Eigentlich hat der 40-Jährige eine gastronomische Ausbildung zum Bäcker, Konditor, Koch und Küchenmeister hinter sich sowie 14 Jahre als Verpflegungsgruppenführer bei der Bundeswehr. Eine Verbindung zum Thema Tod hat er durch seinen Opa. Er war früher der Totengräber im Dorf. Immer wieder hat er ihm über die Schulter geschaut und geholfen. Auch der Tod seiner Mutter habe Wilhelm geprägt. Vor sechs Jahren übernahm er dann den Betrieb Birner Bestattungen. Dafür machte er die Fortbildung zum geprüften Bestatter.
Mitarbeiter kommen aus anderen Branchen
Mittlerweile hat Wilhelm fünf Filialen in Neunburg vorm Wald, Schwandorf, Beratzhausen, Rötz und Schorndorf sowie 16 Mitarbeiter. Und auch die sind zum Großteil Quereinsteiger, sagt der 40-Jährige: Keramikerin, Betonbauer, Automechaniker, Küchenhilfskraft, Altenpfleger. Für die fachliche Kompetenz legt Wilhelm allerdings Wert darauf, dass auch sie sich zum geprüften Bestatter fortbilden.
Dass der Quereinstieg ins Bestattungshandwerk jedem offen steht, findet Wilhelm grundsätzlich gut. „Sie entscheiden sich bewusst für den Job“, sagt er. Aber sowohl er als auch Schwarzwald würden mehr Regularien gutheißen. „Es ist traurig, weil man so viel falsch machen kann“, sagt Wilhelm. Schwarzwald findet: „Das ist grob fahrlässig. Es ist ein wahnsinnig vulnerabler Bereich.“ Die Branche müsse sich hier gemeinsam etwas überlegen, von dem jeder profitiert, so die 33-Jährige.
Bundesverband prüft Meisterpflicht für Bestatter
Tatsächlich werde derzeit geprüft, die Meisterpflicht für Bestatter einzuführen, „um die Qualität im Handwerk zu sichern“, teilt eine Sprecherin des Bundesverbands Deutscher Bestatter mit. Das bedeutet: Künftig könnten neue Unternehmen nur mit einem geprüften Bestattermeister tätig werden. Dass ungelernte Personen sowohl selbstständig als auch als Angestellte in Bestattungsinstituten arbeiten können, empfinde der Verband „als nicht mehr zeitgemäß und haltbar, insbesondere mit Blick auf die sensiblen Tätigkeiten und Verantwortungsbereiche“. „Eine Bestattung kann nicht wiederholt werden.“ Nach Ansicht des Verbandes sollten nur die Personen den Beruf ausüben, die die entsprechende Qualifikation durch Aus- und Fortbildung erworben haben.
Image des Bestatter-Berufs verbessern
Wilhelm möchte noch bei einem anderen Punkt nachbessern: beim Image des Bestatters. Zu Beginn seiner Karriere sei er mit viele Vorurteilen konfrontiert worden. Aber für Wilhelm ist der Job nicht etwa abstoßend, sondern „der schönste Beruf der Welt“. Warum er das ist, zeigt er zum Beispiel durch den Podcast „Hin und Weg“. Darin widmen sich der 40-Jährige und seine Mitarbeiter interessanten Themen wie Vorsorge, Seebeisetzung, Feuerbestattungen oder die ungewöhnliche Reerdigung, wo der tote Körper durch Mikroorganismen wieder zu Erde werden soll. Bisher gibt es zwei Folgen, sechs seien schon vorproduziert. Künftig soll alle zwei Monate eine Folge veröffentlicht werden.
Aufklärung auf Social Media
Beim Auftritt auf den Sozialen Medien TikTok, Instagram und Facebook hilft ihm besonders Magdalena Dokupil, die gerade eine Weiterbildung zur Social-Media-Managerin macht. Mit 14 Jahren hat sie ihr Praktikum bei Wilhelm gemacht, mit 16 die Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement im Bestattungswesen begonnen. Was sie überzeuge, sei die Vielseitigkeit des Berufs. Die 21-Jährige übernimmt mittlerweile neben kaufmännischen Aufgaben auch Trauergespräche, die Organisation und Durchführung der Trauerfeier sowie die Versorgung der Verstorbenen. „Ich mache eigentlich alles außer Gräber ausheben, das dürfen die Männer machen.“
Auch Schwarzwald hatte früher ein verstaubtes Image vom Bestatter-Beruf im Kopf – bis sie durch ein Praktikum während ihres Studiums gemerkt hat, wie individuell man einen Abschied gestalten kann und, dass man selbst keinem Klischee entsprechen muss. Schwarzwald versteht ihren Job als psychosozialen Beruf, weshalb sie und Klostermeier weniger auf eine große Produktpalette, mehr dagegen auf andere Themen wie eine nachhaltige Trauerbegleitung setzen.
Letztendlich sei der Gedanke, der alle Bestatter vereine, die Beerdigung eines Menschen für die Hinterbliebenen so schön wie möglich zu gestalten, sagt Schwarzwald. Was sich dadurch zeigt, ist, wie Vielfältigkeit die Branche heutzutage ist.
Ein Blick auf das Bestattungshandwerk
Sterbefälle: Laut Statistischem Bundesamt starben im vergangenen Jahr in Deutschland 1,03 Million Menschen, 15 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. Grund dafür ist die alternde Bevölkerung.
Ausbildung: Im Schuljahr 2023/24 haben dem Bundesverband zufolge deutschlandweit 419 Auszubildende ihre Ausbildung abgeschlossen, vor zehn Jahren waren es 130. Wie die Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz mitteilt, gab es in der Oberpfalz 2013 sieben Azubis, 2023 insgesamt 18. Der Bundesverband empfiehlt im ersten Lehrjahr aktuell eine Vergütung von 649 Euro.
Betriebe: In der Oberpfalz gibt es 56 Bestattungsbetriebe, 2013 gab es 51, so die HWK.
Einstieg: Es gibt drei zentrale Wege: Die Ausbildung zur Bestattungsfachkraft, die Fortbildung zum Bestattermeister und die Fortbildung Geprüfter Bestatter.
Frauenquote: 2023 waren 57 Prozent der Azubis in Deutschland Frauen. In der Oberpfalz sind zehn der 18 Auszubildenden weiblich.
