Junge Gründerinnen: „Wir wollen den Tod entzaubern“

Zwei 31-Jährige eröffnen einen Bestattungsladen in Regensburg – und machen vieles anders als die Konkurrenz. Die Gründerinnen haben sich vorgenommen, „den Tod zu entzaubern“.
Magdalena Schwarzwald und Anni Klostermeier sitzen im Schaufenster ihres Bestattungsladens und ringen um Formulierungen. Die beiden 31-Jährigen wissen genau, was sie anders machen wollen als die übrigen Beerdigungsinstitute. Schließlich haben sie im Fach Perimortale Wissenschaften die Trauer, das Sterben und den Tod studiert. Doch im Interview zu erklären, wie es einem beim Waschen eines Verstorbenen geht, ist nicht einfach. „plan b.“ heißt das Geschäft in der Obermünsterstraße, das sie im Laufe des Februar eröffnen werden. Tag der offenen Tür ist am 4. März.
Warten auf den Kredit
„Wir möchten Plan B sein für alle, die eine gute Alternative brauchen in einer Situation, in der man meistens keinen Plan hat“, sagen die Gründerinnen. Sie wollen Trauernde behutsam und individuell begleiten. Es ist ihnen wichtig, nichts überzustülpen. Noch steht der Geschäftsraum mit Parkett und Blick auf das Petersweg-Parkhaus leer. Nur das abgetrennte Büro füllt sich allmählich. Die Frauen wissen, wie sie den Laden ausstatten werden: Im Mittelpunkt wird ein großer Tisch stehen, an dem sie mit den Angehörigen sprechen. Sessel, ein Bücherregal und ein ausgeklügeltes Lichtkonzept sollen eine gemütliche Atmosphäre schaffen. Noch aber warten Klostermeier und Schwarzwald auf den zugesagten Kredit der LfA-Förderbank.
Beide haben Soziale Arbeit und anschließend Perimortale Wissenschaften studiert. Anni Klostermeier hat dazwischen vier Jahre gearbeitet: mit Familien, in denen ein Elternteil seit Jahren keinen Job hat. Sie hat die Betroffenen bestärkt, ihr Leben so zu gestalten, dass sie selbst es als gelungen betrachten. Auch die Trauernden will sie auf ihrem Weg unterstützen, egal wie dieser aussieht. Die Gründerinnen haben sich vorgenommen, „den Tod zu entzaubern“. Er soll kein gesellschaftliches Tabu bleiben.
„Mit schwarzer Kleidung schafft man Distanz“
Anni Klostermeier und Magdalena Schwarzwald werden die Kunden einladen, die Beerdigung und alles, was dazu gehört, selbst zu gestalten – vielleicht auch mit einer eigenen Rede. Sie bieten gemeinsames Waschen und Ankleiden der Verstorbenen an. Die Angehörigen können Sarg oder Urne bemalen, beschriften oder bekleben, dabei sein, wenn der Sarg dem Feuer übergeben wird. „Manche wollen nur wissen, wann das ist“, sagt Schwarzwald. In ihrem Geburtsort Floß war sie lange Ministrantin und schätzt deshalb die Rituale. Die katholische Kirche habe jedoch verpasst, mit der Gesellschaft zu gehen. Schwarzwald ist inzwischen ausgetreten.
Viel gelernt haben die Regensburgerinnen in sechs Wochen bei einer Berliner Bestattungsfirma. Am ersten Tag holten sie schon eine Verstorbene aus einem Pflegeheim ab. Weil sie nicht schwarz gekleidet waren, fragten die Angehörigen, wo die Bestatter seien. „Warum muss es ein schwarzer Anzug sein?“, wundert sich Klostermeier. „Ich bin ja ordentlich angezogen.“ Ihre Kollegin ergänzt: „Mit schwarzer Kleidung schafft man Distanz. Darauf wollen wir verzichten.“
Schnell haben sie festgestellt, dass der Beruf auch körperlich anstrengt. Der Sarg mit einem Verstorbenen wiegt schon mal 100 Kilo. „Körperflüssigkeiten und Gerüche, das muss man aushalten wollen“, sagt Schwarzwald. Das Waschen eines Toten sei für sie ein ruhiger, intimer und wertvoller Moment, ein Innehalten.
Die erste Verstorbene
Sie betont, dass Bestatter emotional stabil sein sollten. „Meine erste Verstorbene, das hätte ich sein können, die gleiche Größe und Haarfarbe, nur zehn Jahre älter.“ Eine Krebstote hatte wie sie zwei kleine Kinder. „Man lernt, damit umzugehen.“ Die Gründerinnen werden ein weiteres Treffen nach der Beerdigung vorschlagen. „Es fühlt sich für uns nicht stimmig an, nach dem Begräbnis auseinanderzugehen und nur eine Rechnung zu schreiben“, sagt Schwarzwald.